„A Single Man“ von Tom Ford

Tom Ford ist Modedesigner. Wenn man es nicht wüsste, könnte man es vielleicht erraten, denn „A Single Man“ zeigt eine durch und durch ästhetisierte Welt … Die Erinnerungssequenzen des Protagonisten sind in Fords Regiedebüt ebenso elegant wie seine morgendliche Toilette. Eine außergewöhnliche Tonspur, unter anderem mit der schwelgerischen Musik von Abel Korzeniowski, und die Bilder des nur 29 Jahre jungen Kameramanns Eduard Grau tun ihr Übriges, um diesen Film zu einem ästhetischen Hochgenuss zu machen. Daran könnten sich die Geister scheiden, aber das ästhetische Konzept passt perfekt in die tief emotionale und bewegende Reflexion über das Leben und die Einsamkeit.
George Falconer (Colin Firth) sitzt in seiner eleganten Wohnung und telefoniert. Ein Familienmitglied seines Freundes Jim (Matthew Goode) teilt ihm mit, dass jener bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. George ist geschockt. Die heimliche Liebe zu Jim war sein Halt im Leben. Jetzt bleibt ihm nur seine langjährige Freundin Charley (Julianne Moore), eine elegante, aber mit dem Alter hadernde Alkoholikerin. Georges perfekt geordnetem Leben fehlt plötzlich der Sinn. George ist nur noch Zuschauer seines eigenen Lebens. Häufig ist der innere Monolog eine nur wenig zufriedenstellende Verlegenheitslösung im Film. Hier aber funktioniert er perfekt als Spiegel von Georges Isoliertheit.
Bei aller Ästhetisierung – der Film nach einer Romanvorlage von Christopher Isherwood kommt ganz grundsätzlichen Fragen auf die Spur. Es ist sogar so, dass gerade die aufgeräumte Ästhetik von Ford und Grau den existentiellen Kern der Geschichte so anschaulich, so spürbar werden lassen. Wie leicht hätte ein Modedesigner der Versuchung erliegen können, einen schlicht schönen Film zu machen. Und tatsächlich ist „A Single Man“ ja auch eine Feier des guten Geschmacks. Das Haus von George ist ebenso toll wie die Inneneinrichtung, und seine Kleidung sitzt stets perfekt. „A Single Man“ ist auch eine Hommage an den eleganten Stil der frühen 60er Jahre – von der Mode über das Design bis zur Architektur. Aber all dies ist nicht Selbstzweck, sondern transportiert eine Geschichte von tiefer Emotionalität, wie man sie selten erlebt. Es scheint so – höchstens das könnte man Ford vorwerfen – dass zu Gunsten eines ganz individuellen Gefühlslebens politische und soziale Belange in der Welt von „A Single Man“ nicht existieren. Aber das ist falsch. In eine Geschichte um ein schwules Paar Anfang der 60er Jahre schleicht sich notgedrungen Politik ein. Zusammen mit dem kulturellen Unbehagen eines Briten in L.A. dürfte Georges Homosexualität zu seiner Einsamkeit beitragen. In der Gesellschaft seiner Zeit muss George seine Gefühle verstecken – sowohl das Glück mit Jim als auch die Trauer über den Verlust. Doch all das ist nicht explizit Thema des Films. Es ist allem anderen untergeordnet und schwebt dennoch darüber.
(Bundesstart: 8.4.2010)

Zuerst erschienen in choices