„Tamara Drewe“ von Posy Simmonds

Dass sich Posy Simmonds für „Tamara Drewe“ von Thomas Hardys „Am grünen Rand der Welt“ hat inspirieren lassen, erkennt man bereits auf der ersten Seite: Die Geschichte beginnt mit einer Zeitungsanzeige, wo ein Refugium für Ruhe suchende Schriftsteller mit eben jenem Titel des Hardy-Romans von 1874 beworben wird … Stonefield heißt die ehemalige Farm, auf der der bekannte Krimiautor Nicolas Hariman mit seiner Frau lebt. Während Hariman meist zurückgezogen in seiner Cottage schreibt, kümmert sich seine Frau Beth rührend um den Betrieb. Sie versorgt die Gäste, tätigt sogar Schreibarbeiten für sie, und ihrem Mann nimmt sie alle Mühsal des Alltags ab. Der lässt sich das gefallen, versüßt er sich das Leben allerdings auch noch regelmäßig mit Affären. Als Tamara Drewe auftaucht, die Tochter der verstorbenen Nachbarin von der Winnards Farm, wirkt die auffällige Schönheit wie ein Katalysator auf das oberflächlich funktionierende Gefüge auf der Farm und im anliegenden Dorf.
Posy Simmonds hat sich mit ihrer Geschichte ganz dem Realismus verschrieben. Sie beschreibt das Leben zwischen Stonefield, der Winnards Farm und dem Dorf, dass gespalten ist zwischen Alteingesessenen und stadtflüchtigen Neureichen minutiös und dem Schein der Idylle angemessen in lieblichen Farbzeichnungen. Simmonds Geschichte suggeriert zwar bis zum Schluss, auf Spannung angelegt zu sein, doch auch wenn das dicke Ende schließlich kommt, geht es hier vor allem um genaue Charakterbeschreibung der Figuren. Das gelingt der Autorin mit ständigem Perspektivwechsel und einer ungewöhnlichen Text-Bild-Kombination vorzüglich. Klassische Comicpassagen werden immer wieder von längeren Textblöcken unterbrochen, in denen sie dem Stream-of Consciousness der einzelnen Protagonisten ihren freien Lauf lässt. Der Sprung zwischen den Erzählformen irritiert zunächst, entfaltet aber schnell ein spannendes, kaleidoskopartiges Bild, in dem jede der sehr unterschiedlichen Figuren ihre innersten Beweggründe offen legt. Dadurch, dass der Leser alles weiß, wird die Geschichte nicht minder spannend. Das Spannende ist, wie diese Figuren durch ihr Denken und Handeln umeinander kreisen, sich anziehen, gegeneinander prallen und wieder abstoßen. Ein in seiner Beobachtung menschlicher Affekte bestechend genaues und in seiner formalen Gestaltung kluges Werk, dass zuerst als wöchentlicher Strip im Guardian erschienen ist. Stephen Frears gleichnamige Verfilmung wird im Mai in Cannes außerhalb des Wettbewerbs zu sehen sein, der deutsche Starttermin ist allerdings auf 2011 gelegt. Mit etwas Glück kann man Posy Simmonds Anfang Juni auf dem Comic-Salon in Erlangen antreffen, wo sie dann vielleicht Comic und Film promoten wird.

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 98

3 Antworten auf „„Tamara Drewe“ von Posy Simmonds“

  1. […] Christian Meyers Besprechung von Posy Simmonds “Tamara Drewe” (Reprodukt) – von Stephen Frears verfilmt und in der nächsten Woche erstmals zu sehen – aus dem Comic-Magazin “Strapazin” kann man nun auf seinem Blog tiefkultur.de nachlesen. […]
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