„Exit through the Gift Shop“ von Banksy

Thierry Guetta porträtiert die Street Art Szene. Als er auf seinen Helden Bansky trifft, nimmt das Projekt eine unerwartete Wendung … Banksy – seit einigen Jahren geistert der Name auch im klassischen Kunstmarkt umher. Dabei macht Banksy eigentlich unverkäufliche Kunst. Seine Leinwand sind die Mauern und Straßen in den Städten – er macht Street Art. Das lässt sich schwer verkaufen, und illegal ist es dazu. Einer der berühmten frühen Street Art Künstler abseits der Graffiti-Künstler der 70er Jahre, Harald Naegli – auch bekannt als der „Sprayer von Zürich“, wurde Anfang der 80er Jahre gar mit internationalem Haftbefehl gesucht. In Köln, seinem Unterschlupf, sprühte er den berühmten „Totentanz“ an die Wände der Stadt, bevor er bei einem Grenzübertritt gefasst wurde und neun Monate in der Schweiz in Haft saß. Inzwischen ist er rehabilitiert, seine letzten erhaltenen Werke werden gar restauriert. Doch auch heute noch wird Graffiti ebenso wie Street Art als Vandalismus geahndet. Wie seine Kollegen arbeitet daher auch Banksy anonym – seinen bürgerlichen Namen kennen nur engste Vertraute. Dass sich Banksy zu Beginn seines ersten Films unter dem Schatten einer Kapuze verbirgt und mit elektronisch verzerrter Stimme spricht, ist also keine übertriebene Sicherheitsmaßnahme. Und doch ist es nur der erste von unzähligen Momenten, in denen man sich zu Recht fragen darf: alles nur Show, alles nur Schwindel?

Folgenreicher Rollentausch

Banksy, eine Art moderner John Heartfield, der ironische, schwarzhumorige Kommentare zu Gesellschaft, Politik und Kunstbetrieb unter das Volk bringt, erzählt zu Beginn des Films von diesem Franzosen, Thierry Guetta, der wie ein Irrer Videos dreht. In den 90ern hat es ihn nach L.A. verschlagen, wo er Second Hand-Klamotten teuer an Hollywood-Hipster verkauft hat. Als er sich eine Kamera kauft, beginnt er manisch, alles um sich herum zu filmen. So auch bei einem Besuch in seiner Heimat. Dort trifft er auf seinen Cousin, der als Street Art-Künstler Space Invader aktiv ist. Er begleitet ihn und ein paar Freunde bei ihren nächtlichen Streifzügen und hält alles mit der Kamera fest. Bald ist ihm klar: Er will einen Film über die Szene machen. Jeder Kontakt führt zu einem neuen, und er lernt zahlreiche Künstler in Europa und den USA kennen. Unter anderem auch Shepard Fairey, der später große Bekanntheit durch seine Obama-Plakate erlangen sollte. Über Fairey gelangt er schließlich an den größten Star der Szene: den geheimnisvollen Banksy. Ihn lässt er nicht mehr aus den Augen und beobachtet all seine spektakulären Aktionen, die bis zur Mauer im Gazastreifen reichen. Guetta dreht viel, aber ein Film entsteht dabei nicht. Banksy ermutigt ihn, endlich den Film zu montieren. Als er einige Monate später das Ergebnis sieht, ist er schockiert. Ungeordnetes Chaos schlägt ihm entgegen, und es ist offensichtlich, dass Guetta keinen strukturierten Film hinbekommt. Kurzerhand schlägt Bansky einen Rollentausch vor: Er macht aus dem Material einen Film über die Szene, während Guetta seine Erfahrungen lieber nutzen soll, selber als Street Art-Künstler aktiv zu werden. Als Guetta als Mr. Brainwash schnell große Bekanntheit erfährt, ist Bansky irritiert. Besonders originell sind seine Werke, die Klassiker der Pop Art plündern, nicht. Eher etwas für den Gift Shop.

Wer, wie, was?

Ästhetisch erinnert „Exit through the Gift Shop“ an einen rohen, chaotischen Skaterfilm, der neben den gelungenen Tricks auch die Unfälle zelebriert. Guetta stolpert mit seiner Kamera trampelig durchs Szenario, während Bansky die vielen illegalen Street Art-Aktionen schwungvoll und ideenreich montiert. Langeweile kommt da nicht auf. Allerdings stellt sich schon schnell die Frage, wer hier eigentlich wen inszeniert? Guetta Bansky oder umgekehrt? Von wem ist dieser Film wirklich, und von was handelt er? Von Bansky – oder von Guetta? Der Film ist an selbstreflexiven Fallstricken zu den Themen Autorenschaft und Originalität kaum zu überbieten. Ist Guetta eine Erfindung von Banksy, im Film dargestellt von einem Schauspieler? Wenn ja: Ist das dann eine Reflexion des Spekulationsirrsinns, der sich im Kunstbetrieb, auch um die Kunstwerke von Bansky (und inzwischen auch von Guetta, der mit mehreren Ausstellungen und einem CD-Cover für Madonna mächtig Erfolg hat) entsponnen hat? Oder gar ein Seitenhieb auf Kollege Shepard Fairey, der mittlerweile für seine Copyright-Verletzungen kritisiert wird. Vor allem, weil er zur selben Zeit penibel auch seine eigenen Rechte achtet, Bansky hingegen seine Arbeiten im Internet zur freien Verfügung stellt – solange man damit keine wirtschaftlichen Interessen verfolgt. Eine lustige, und all die problematischen Aspekte einer überbewerteten Autorenschaft überzeichnende Provokation liegt in folgender Pointe: Wenn Mr. Brainwash nur ein weiterer Bansky-Gag ist, sind dann die darauf hereingefallenen Käufer seiner Werke die Dummen? Oder sind sie nicht vielmehr die glücklichen Gewinner? Sie hätten für einen vergleichsweise geringen Preis eines Werks von Mr. Brainwash schließlich einen echten Bansky bekommen. Der Film jedenfalls – ein echter Bansky!

Bundesstart: 21.10.2010

Zuerst erschienen in choices 10.10

2 Gedanken zu „„Exit through the Gift Shop“ von Banksy

  1. rob

    Wer ist Thierry Guetta alias Mr Brainwash wirklich? Ich persönlich halte ihn für eine Erfindung Banksys – es passt perfekt ins Szenario.
    Die Käufer der Werke des „Mr Brainwash“ sind nicht wirklich die Dummen – sie sind eben nur die Käufer der Massenprodukte und nicht des „erlesenen“…
    Banksy ist sozusagen die Luxusmarke ‚Lexus‘, Brainwash ein ‚Toyota‘ – alle aus demselben Konzern…
    Oder doch nicht?
    An Seitenhieben mangelt es jedenfalls im Film nicht. Shepard Fairey mag ein Adressat sein, vielleicht auch David Guetta, der in jüngerer Vergangenheit auch nicht gerade den Ruf des ‚innovativen Neuerschaffers‘ innehat…

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