„Carlos – Der Schakal“ von Olivier Assayas

Ilich Ramírez Sánchez ging als Terrorist „Carlos“ in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein. Seine Geschichte erzählt Oliver Assayas als fehlgeleitetes linkes Denken und Handeln … Olivier Assayas („Irma Vep“) erzählt sachlich aber spannungsgeladen, wie Sánchez alias Carlos aus einem internationalistischen Kommunismus heraus an die palästinensische Befreiungsfront gerät und Anfang der siebziger Jahre beginnt, antizionistische bzw. antisemitische Attentate zu verüben – auf jüdische Geschäftsleute in London wie auf israelische Flugzeuge in Frankreich. Als er sich nach dem gemeinsamen Sturm mit deutschen Terroristen auf die OPEC-Versammlung in Wien und der anschließenden Flugzeugentführung mit den Palästinensern überwirft, gründet er eine eigene Gruppe, die fortan im Schutze diverser Staaten und Geheimdienste lukrative Aufträge ausführt. Carlos, der mit seinem dandyhaften Lebensstil und seinen Machogebärden immer schon ein widersprüchliches Bild abgab, wird zum Auftragsterroristen. Hans-Joachim Klein (Christoph Bach), das gute Gewissen des linken Terrorismus, verabschiedet sich nach der OPEC-Geiselnahme wegen des unerträglichen Antisemitismus aus der Gewaltspirale und kehrt zurück zur Menschlichkeit.

Christoph Bach, ansonsten eher auf Psychopathen abonniert, spielt in diesem Kontext einen der vernünftigsten Typen der Szene. Nora von Waldstetten schafft es, als Carlos‘ Freundin die verquere Anziehungskraft, die nicht nur mächtige, sondern auch gewalttätige Männer auf manche Frauen ausüben, zu vermitteln. Und dass, obwohl ihre Figur – eine überzeugte bundesrepublikanische Feministin – dem südamerikanischen Macho Carlos zunächst skeptisch begegnet. Und Édgar Ramírez widersteht der einfachen Lösung, Carlos als durchtriebenen Schurken darzustellen. Sein Spiel bleibt bis zuletzt facetteneich.

Olivier Assayas bezieht zwar keine Stellung. Er lässt die Fakten in seinem gut recherchierten Film für sich sprechen, und das genügt für eine Demontage des Mythos Carlos. Eine besondere Perspektive, eine neue Fragestellung oder gar Antwort liefert das Porträt hingegen nicht. Assayas Film ist schlicht eine spannende Geschichtsstunde, und damit nicht grundlegend anders gestrickt als Uli Edels „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Er ist dennoch besser. Denn Assayas hetzt nicht von Spektakel zu Spektakel durch die Geschichte, er geht die Sache bedacht und akribisch an: Für Carlos‘ Geschichte nimmt er sich fünfeinhalb Stunden Zeit. Im Kino wird zwar vor allem eine kürzere Dreistundenversion zu sehen sein – nur in ausgewählten Kinos wird man die Langversion, der diese Besprechung zu Grunde liegt, sehen können. Assayas Leistung, einen spannenden Einblick in die Entstehung des internationalen Terrorismus zu liefern und der Komplexität der Zusammenhänge dabei weitgehend gerecht zu werden, mindert das nicht. Alleine Logistisch ist dieses Projekt mit all seinen internationalen Drehorten, den über 100 Sprechrollen mit Darstellern unterschiedlichster Herkunft und der fast dreißig Jahre umspannenden Erzählzeit erstaunlich. Und dass zugleich die filmische Qualität, die Kameraarbeit, Ausstattung, Dramaturgie und Erzählrhythmus und nicht zuletzt das hohe Niveau der darstellerischen Leistung nie einbricht, imponiert.

Bundesstart: 4.11.2010

(Zuerst erschienen in choices 11.10)