„Another Year“ von Mike Leigh

Lange ist es nicht mehr bis zur Rente für das glückliche Ehepaar Tom und Gerri. In ihrem sozialen Umfeld sind sie ein Ruhepol, drumherum geht es allerdings nicht so glücklich zu wie in ihrem gemütlichen Eigenheim in einem Londoner Vorort …Eine ältere Dame (Imelda Staunton) auf dem Gesundheitsamt: Die Frau – offensichtlich aus der klassischen britischen Arbeiterschicht – ist depressiv, weiß es aber nicht. Sie kennt die Krankheit nicht und auch nicht den Grund für ihre Gefühlslage, die sie weder in Worte fassen kann noch will. Die Sachbearbeiterin möchte ihr helfen, doch die Frau verweigert die Hilfe. Imelda Staunton („Vera Drake“, „Harry Potter“) eröffnet den Film mit die- sem sensationellen Kurzauftritt. Ihre Figur wird nicht wiederkommen. Aber ihr Auftritt zu Beginn des neuen Films von Mike Leigh bildet zusammen mit dem Schlussbild eine Klammer. Dazwischen sehen wir den Verlauf eines Jahres, mit dem Mike Leighs elfter Kinofilm das Spätwerk des Regisseurs einleiten könnte. Das kann man alleine schon wegen der beiden Haupt- figuren Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) denken, die nur wenig jünger sind als der 67jährige Regisseur. Das ältere, ausgeglichene und aus- gefüllte Ehepaar ist das Gegenteil von der quirligen Poppy, der dreißig- jährigen Hauptfigur seines letzten Films „Happy-go-lucky“.

Fels in der Brandung

Mike Leigh hat bereits 15 Jahre lang jährlich einen Fernsehfilm gemacht, bevor er sich erst Ende der 80er Jahre auch im Kino neben Ken Loach zu dem ausdauerndsten und verlässlichsten Chronisten der unteren Mittel- und Arbeiterschicht entwickelte. Dabei bedient er sich einer schlichten, dem Realismus verpflichteten Ästhetik. Oberste Prämisse ist, den Blick auf die Menschen nicht durch eine aufdringliche Gestaltung zu verbauen. Die Kamera scheint einfach da zu sein. Sie gibt zwar nicht vor, dokumentarisch zu sein im Sinne einer Dogma-Inszenierung – dafür arbeitet sie zu perfekt. Aber sie ist eben auch nicht betont raffiniert oder virtuos. Gleiches gilt für den Schnitt. Daneben sind die sehr genauen Charakterstudien und der warmherzige, aber nicht verklärende Blick auf die Figuren ein weiteres Merkmal der Filme von Mike Leigh. Bei ihm gibt es keine Schwarzweiß- zeichnungen, die Figuren sind meist ambivalent angelegt.

In „Another Year“ präsentiert er uns nun mit dem Ehepaar Tom und Gerri zwei ungewöhnlich eindeutige Charaktere. Er ist Geologe, sie arbeitet im Gesundheitsamt. Die beiden sind klug, nett, zuvorkommend, hilfsbereit und glücklich. Da stimmt einfach alles. Den beiden fehlt nicht umsonst die Ambivalenz vieler Mike Leigh-Figuren. Tom und Gerri, die in einem Eigen- heim in einem Londoner Vorort wohnen und am Wochenende regelmäßig ihren Schrebergarten bearbeiten, sind der Ruhepol des Films. Sie sind der Fels in der Brandung, um die sich Gestrandete aller Art versammeln. Dass ihr Sohn Joe (Oliver Maltman, „Happy-go-lucky“), der alleine in der City lebt, immer noch keine Frau hat, bereitet ihnen ein wenig Sorgen – aber nicht allzu viel. Deutlicher wird das Glücksgefälle zu den langjährigen Freunden des Paares. Da wäre der übergewichtige und trinkende Freund Ken (Peter Wright, „Babel“), der sein Single-Dasein in einem Büro im Arbeitsamt fristet. Auch Toms Bruder Ronny (David Bradley, „Harry Potter“) – ein trauriger, wortkarger Geselle – verbringt nach dem Tod seiner Frau ein paar Tage in dem Haus im Londoner Vorort. Und immer wieder ist Mary (unerträglich gut: Lesley Manville), die etwas jüngere Kollegin von Gerri, bei dem Ehepaar zu Gast. Seien die Hauptfiguren der letzten beiden Mike Leigh-Filme noch so unterschiedlich – mit Mary stellt Leigh einen Bezug zu seinem letzten Film her. Ebenso überdreht scheint sie die tragischere Variante von Poppy aus „Happy-go-lucky“ zu sein. Im Gegensatz zu Poppys lebensfroher Überdrehtheit sind Marys übergriffige Handlungen aber gebo- ren aus Verzweiflung. Die Einsamkeit ist Teil ihres Lebens geworden, und alle Versuche, dies zu ändern, führen zum gegenteiligen Ergebnis. Aus lau- ter Verzweiflung sucht sie sogar einen engeren Kontakt zu dem viel jünge- ren Joe, den sie schon seit seiner Kindheit kennt. Als der zur großen Freude seiner Eltern endlich mit einer Freundin im Schlepptau auftaucht, führt Marys abweisende Art einen Eklat herbei.

Gestrandete aller Art

Diese dramaturgische Wendung ist nur eine kleine Erhebung in Leighs dahinfließendem Film. In die vier Jahreszeiten gegliedert ist „Another Year“ ein so wenig Plot-orientiertes Drama, wie es der beiläufige Titel vermuten lässt. Es ist ein weiteres Jahr. Es hätte auch ein anderes sein können. Es hätten auch andere Figuren im Zentrum des Films stehen können. In frühe- ren Jahren hätte Leigh vielleicht Mary als Protagonistin gewählt. Doch die- ser indirekte Zugriff auf die tragischen Figuren, die in dem Film immer nur vor dem Hintergrund des Glücks von Tom und Gerri auftreten, hat beinahe etwas Fatalistisches. Leigh beobachtet das Glück und das Unglück der Menschen und steht wohl ebenso fasziniert wie hilflos vor der Verteilung des Glücks auf dieser Welt wie die Figuren des Films und auch wir Zu- schauer. Selten hat ein Film auf so undramatische und unprätentiöse Art Glück und Unglück von Menschen gegenübergestellt.

Bundesstart: 27.1.2011

Zuerst erschienen in choices 02.11.

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