61. Berlinale: Ein leerer Stuhl

Die diesjährigen Berliner Filmfestspiele hatten weniger Glamour, dafür mehr Aktualität zu bieten

Die 61. Berlinale präsentierte weniger Glamour als ihre Vorgänger. Laut Berlinale-Chef Dieter Kosslik war das nicht Ausdruck einer nun im Film angekommenen Rezession, sondern ein bewußter Blick auf die kleineren Filme. Ob ersteres nun tatsächlich gar keinen Anteil an der weniger prominenten Ausrichtung hatte, oder ob man angefragte Filme nicht bekomme konnte, sei dahin gestellt. Die weniger glamouröse Ausrichtung passte jedenfalls in vielerlei Hinsicht …

Film und Politik

Zum einen, weil die aktuellen Ereignisse in Nordafrika immer wieder im Festivalprogramm durchschienen. Sogar an Stellen, wo man es nicht unbedingt erwarten konnte, wie dem starbesetzen Regiedebüt „Coriolanus“ von Ralph Fiennes. Der zweistündige Film erzählt William Shakespeares Theaterstück von 1607 mit den Originaldialogen, hat die Handlung aber in die Gegenwart verlegt. Rom sieht aus wie ein verrottetes London, und das Römische Heer wird zur modernen Armee. Die Rufe der Plebejer nach Brot und Demokratie schienen direkt aus Ägypten auf die Leinwand projiziert. Zum anderen war das Festival bereits vor Beginn politisiert. Der Stuhl von Jurymitglied Jafar Panahi blieb leer. Der iranische Regisseur („Offside“) war im Dezember zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden. Das Festival wurde begleitet von einer großen Solidaritätswelle. Neben dem demonstrativ leeren Jurystuhl machten Plakate auf Panahis Schicksal aufmerksam, ein bewegender Brief des Regisseurs an die Berlinale wurde verlesen. Natürlich gab es neben diesen Momenten dennoch ein wenig Glamour. Als die „Coriolanus“-Hauptdarsteller Vanessa Redgrave, Gerard Butler, Brian Cox und natürlich Ralph Fiennes über den Roten Teppich liefen, war das Publikum begeistert. Und auch Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore und Paul Bettany wurden zur Premiere von „Margin Call“ mit Jubel empfangen. Aber auch hier war der Glamour nicht frei von kritischen Impulsen. „Margin Call“, das Debüt des jungen Werbefilmers JC Chandor, liefert ein eindrucksvolles Kammerspiel zum Börsencrash von 2008. Vielleicht zeigt sich die Rezession in weniger Großproduktionen auf dem Festival. Sie zeigt sich wie im Fall von „Margin Call“ aber auch inhaltlich.

Zukunft, Vergangenheit, Perspektiven

Technisch gesehen zeigte man sich hingegen vor allem am Berlinale-Sonntag ganz weit vorn: Gleich drei Filme liefen, die die 3D-Technik für das Arthouse-Kino öffnen könnten: Michel Ocelot erzählt auch nach seinem Erfolg mit den Kiriku-Filmen wieder märchenhaftes aus fernen Ländern: Der Episodenfilm „Tales of the night“ kombiniert die flache Scherenschnitttechnik mit farbenprächtigen Hintergründen in 3D. Wenders zeigte mit „Pina“ seine 3D-Doku über das Tanztheater von Pina Bausch und Herzog mit „Cave of forgotten Dreams“ seine 3D-Doku über Höhlenmalerei in Frankreich. Allerdings lief Herzogs Film auf der Berlinale im Wettbewerb außer Konkurrenz. Ein historischer Schatz für Cineasten war sicherlich die umfassende Retrospektive zu Imgmar Bergman, dessen sämtliche Filme während der Berlinale mit neuen Kopien zu sehen waren. Da die klassischen Programmkinos nach und nach ausgestorben sind – nicht nur in Köln –, man alte Filme also nur noch auf kleinen Fernsehern (mögen sie noch so gross sein) sehen kann, ist ein solches kinematografischs Ereignis kaum hoch genug zu bewerten. Die anderen Sektionen – z.B. das „Panorama“ oder das „Forum“ – waren gut gefüllt mit spannenden Neuentdeckungen, darunter viele politische Filme – sei es direkt oder indirekt, viele Dokumentationen und etliche deutsche Debüts, die konzentriert vor allem in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ zu sehen waren. Dort wurde zum Beispiel auch der erste Langfilm von Dirk Lütter gezeigt. Der Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln thematisiert mit seinem strengen Film „Die Ausbildng“ neoliberale Arbeitsverhältnisse in fast brechtscher Manier. Sein Debüt wurde mit dem Preis der unabhängigen Jury „Dialogue en perspective“ ausgezeichnet. Viel positive Reaktionen erntete auch „Über uns das All“, Jan Schomburgs ungewöhnlicher Liebesfilm. Doch am Ende waren wieder alle Blicke auf den Wettbewerb gerichtet. Am Samstagabend standen die Gewinner fest.

Wettbewerb der Bären

Den Alfred Bauer-Preis erhielt Andres Veiels Film „Wer wenn nicht wir“. Der nach dem Gründer der Berlinale benannte Preis wird für neue Perspektiven der Filmkunst verliehen. Der Dokumentarfilmer Andres Veiel zeigte im Wettbewerb sein Spielfilmdebüt. Es geht um die Vorgeschichte der RAF, die er an Hand der Beziehung des Literaten Bernward Vesper und Gudrun Ensslin aufarbeitet. Die Oberfläche wirkt zunächst sehr gewöhnlich – vor allem mit Blick auf Veiels bisheriges Werk. Doch der Blickwinkel ist neu und betont das Private als Basis des politischen Werdegangs. Gleich zwei silberne Bären für herausragende künstlerische Leistungen – nämlich für Kamera und Ausstattung – erhielt „El Premio“. Das autobiografische Debüt der mexikanischen Autorin Paula Markovitch erzählt in so schönen wie bedrückenden poetischen Bildern von einer Kindheit in der Diktatur Argentiniens. Der Silberne Bär für das beste Drehbuch ging an „The Forgiveness of Blood“ vom „Marie voll der Gnaden“-Regisseur Joshua Marston. Den Silbernen Bären für die beste Regie erhielt Ulrich Köhler für „Schlafkrankheit“. Köhler, dessen Arbeiten der so genannten Berliner Schule zugerechnet werden („Bungalow“, „Montag kommen die Fenster“) – zeigte mit „Schlafkrankeit“ eine dramaturgisch offene Reflexion über die Entfremdung von Europäern in Afrika, die zugleich einen Kommentar zur Politik der Entwicklungshilfe abgibt. Den großen Preis der Jury erhielt Bela Tarr für „Das Turiner Pferd“. Mit seinem 148minütigen Wettbewerbsbeitrag bringt der ungarische Regisseur Béla Tarr das Kino scheinbar zu einem Endpunkt. Der Film vollzieht eine Art umgekehrte Weltentstehung. Am Ende herrscht Stillstand und Dunkelheit. Schöner kann Fatalismus kaum sein.

Goldener Bär geht nach Iran

Dass der iranische Beitrag „Nader And Simin, A Separation“ von Asghar Farhadi ein Favourit ist, war auf dem Festival schon während der letzten Tage immer wieder zu hören. Dass der Film dann so eindeutig zum Gewinner gekürt werden würde, konnte man jedoch nicht absehen. Die Silbernen Bären für das weibliche und für das männliche Schauspieler-Ensemble gingen ebenso an den Film wie der Hauptpreis – der Goldene Bär. Der Film beginnt mit einer Szene vor dem Scheidungsrichter. Die Scheidung kommt erst mal nicht zustande. Die Frau will mit der Familie das Land verlassen, der Mann will sich jedoch um seinen an Alzheimer erkrankten Vater kümmern. Als er nach dem Umzug der Mutter alleine mit seiner Tochter wohnt, stellt er eine Pflegekraft ein. Kurz darauf geschieht ein Unglück, das alle Beteiligten vor moralische Fragen stellt und sie fordert, ihren Wertekanon zu hinterfragen. Der Film steht mitten im Leben: Lebendige Straßenszenen, viele Dialoge und das Temperament der Figuren prägen den Film. Dennoch ist dieses Juwel, dass alleine schon mit seinen großartigen Schauspielern und der guten Kamerarbeit wie Montage begeistern kann, in jedem Augenblick sehr genau und intelligent. Die Figuren verheddern sich ständig in innere Widersprüche und bleiben trotzdem als Figuren ganz und nachvollziehbar. Dass damit ein Landsmann und Freund von Jafar Panahi den diesjährigen Hauptpreis gewinnt, ist nur noch das i-Tüpfelchen auf einer sowieso schon sehr guten Entscheidung der Jury unter der Leitung der Jurypräsidentin Isabella Rosselini.

Foto: „Wer wenn nicht wir“ von Andres Veiel (Senator)