„In meinen Augen“ von Bastien Vivé

Bastien Vivé deutet in seinem letzten Album „Der Geschmack von Chlor“ eine Romanze an. Der Ort der Begegnung – ein Schwimmbad – gibt die visuelle Gestaltung vor. Die zarte Annäherung zweier Menschen erzählt er grafisch auf konsequente und beeindruckende Art in schönen Blautönen – und nicht selten unter Wasser. Auch mit „In meinen Augen“ erzählt er wieder von einer aufkeimenden Liebe, und wieder steht der Geschichte eine ganz besondere visuelle Umsetzung zur Seite … Bastien Vivés unternimmt mit „In meinen Augen“ den Versuch eines Comics aus subjektiver Perspektive. Das ist tatsächlich visuell zu verstehen – analog zur subjektiven Kamera im Film. Man sieht also nie den Erzähler, sondern immer nur, was der Erzähler sieht. Der Namenslose lernt in der Bibliothek eine Frau kennen und ist gleich von ihrer Ausstrahlung fasziniert. Gemeinsam gehen sie essen, auf eine Party, in den Zoo und ins Kino. Schnell entwickelt sich eine kleine Liebesgeschichte, doch die ersten Probleme lauern schon.

Der Erzähler ist in der Geschichte nie zu sehen, er ist aber auch nicht zu ‚hören‘. Zwar gibt es viele Szenen, in denen der Erzähler seinen Schwarm nur anschmachtet, also nur als Beobachter fungiert. In diesen Momenten ist der Comic kaum von herkömmlich erzählten Geschichte zu unterscheiden. Wenn er aber verbal oder auch nur nonverbal mit dem Mädchen kommuniziert, dann muss der Leser erst anhand der verbalen, gestischen und mimischen Reaktionen des Mädchens ergründen, was der unsichtbare Protagonist wohl gerade gemacht oder gesagt hat. Besondere Momente entstehen, wenn Dritte auftauchen oder bei körperlichen Interaktionen, beispielsweise wenn sich das Paar küsst. Dann wird ihr Mund immer größer, bis sich das Panel schließlich schwarz füllt wie eine Kreisblende. Natürlich – unser Held schließt seine Augen beim Küssen. Vivés gelingt nicht nur das Formexperiment hervorragend, er weiß mit seiner zweiten Liebesgeschichte voller Andeutungen auch wieder emotional zu überzeugen.
Christian Meyer

Bastien Vivés: „In meinen Augen“. Reprodukt, 136 Seiten, Softcover, farbig, Euro 18.- / sFr. 27,90.-

Zuerst erschienen in Strapazin Nr.102