“Wilson”, “David Boring” &
“Ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln” von Daniel Clowes

Eine größere Fangemeinde hat Daniel Clowes vor allem mit seinem Teenage-Porträt „Ghost World“ erworben. Bereits in den 90er Jahren hat er sich damit einen Ehrenplatz in der Comicgeschichte reserviert. Und nicht nur dort, denn die gleichnamige Verfilmung von Terry Zwigoff machte ihn auch über die Grenzen der Comicszene bekannt … Aber schon seit den späten 80er Jahren war er mit seiner Heftreihe „Eightball“ ein Star der Independent-Comicszene. Die längeren Fortsetzungsgeschichten aus „Eightball“ sind längst auch in Buchform erschienen. Nun erscheint zehn Jahre nach der amerikanischen Buchausgabe endlich die deutsche Übersetzung der gesammelten Eightball-Story „David Boring“. Es ist eine ausufernde Geschichte um den Titelhelden, der auf der Suche nach einer Frau und seiner eigenen Vergangenheit in allerlei Abenteuer gerissen wird. Die stilisierten Zeichnungen auf Rasterpapier unterstreichen die kühle, surreale Stimmung der virtuos verschachtelten Erzählung.

Im Frühling darf man sich auch auf die Neuauflage von Clowes’ nicht weniger verwirrender Story „Ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln“ freuen (erstmals 1993 auf deutsch erschienen). Ein Mann glaubt in einem Pornofilm eine Frau zu erkennen und begibt sich auf die Suche nach ihr. Dabei trifft er auf eine Sekte, auf Verschwörungstheoretiker, mutierte Wesen, korrupte Cops und Killer. Das gesellschaftliche Gefüge mit seinen Sicherheit suggerierenden Regeln ist hier wie in „David Boring“ nicht nur rissig, es ist zerbröckelt und zu Tage treten Alpträume, die David Lynch in nichts nachstehen.

Clowes aktuelles Werk „Wilson“ trägt hingegen wie „Ghostworld“ keine fantastischen Züge. Der Protagonist ist kein Teenager, Wilson könnte vielmehr einer der vielen zwielichtigen Nerds mittleren Alters sein, die in Clowes’ Stories als Nebenfiguren auftauchen: Er ist ein Misanthroph vor dem Herrn, und Clowes breitet sein deprimierendes Leben schonungslos – mal in Karikaturen, mal realistischer gezeichnet – vor dem Leser aus. Nach und nach erkennt Wilson, was in seinem Leben schief gelaufen ist und warum. Am Ende steht sogar ein wenig Selbsterkenntnis und die Fähigkeit, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 102