„Der Name der Leute“
von Michel Leclerc

Die temperamentvolle Bahia trifft auf den zurückhaltenden Arthur. Beide tragen ganz unterschiedliche Familiengeschichten in sich – und gehen damit auf ganz eigene Art um …

Im letzten Monat jubelten viele – nicht zuletzt choices – über den Spielfilm „Almanya“, ein  gelungenes Portrait dreier Generationen türkischer Migranten in Deutschland. Gleichsam humorvoll und ernsthaft, aber vor allem klug wurde ein Thema angegangen, dass im deutschen Kino schon zu oft als Klischee verramscht wurde. „Richtig gut“, lautete das einhellige Urteil. Es geht aber noch einen Tick besser, muss man nach „Der Name der Leute“, einem wahren Füllhorn an klugen Sätzen, witzigen Einfällen und inszenatorischen Raffinessen, feststellen.

Filmisches Füllhorn
Regisseur Michel Leclerc hat das Drehbuch zusammen mit seiner Lebensgefährtin Baya Kasmi geschrieben, autobiografische Momente findet man in dem Film immer wieder. Kasmi hat wie die Protagonistin Bahia (Sara Forestier, „Das Parfum“, „Gainsbourg“) algerische Wurzeln. Bahias Vater ist Anfang der 70er Jahre nach Frankreich gekommen, im Gepäck die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit – mehrere seiner Verwandten wurden ohne Prozess von französischen Soldaten hingerichtet. Dass sie nicht in letzter Sekunde von Cary Grant, seinem großen Helden, gerettet wurden, konnte er als kleiner Junge nicht verstehen. Dass er in Anbetracht dieser Erlebnisse nie ein schlechtes Wort über Frankreich verloren hat, kann hingegen seine kämpferische Tochter nicht verstehen. „Papa, ich möchte Dich glücklich machen“ sagt sie. „Ach Glück, heb das für Dich auf“, sagt ihr bis zur Selbstverleugnung altruistischer Vater und bringt Bahia damit an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Eigentlich findet sie immer einen Weg bedingungslos für das Gute zu kämpfen, wenn nötig mit vollem Körpereinsatz. Eine ihrer Spezialitäten ist es, mit Konservativen ins Bett zu gehen, um sie umzupolen. „Wie kann man jung und rechts sein?“, wütet sie entgeistert.

Nicht politisch, aber vom Temperament her ist der aufrechte Sozialist Arthur (Jacques Gamblin, „Kommissar Bellamy“) das Gegenteil von Bahia. Ruhig und bedächtig geht der Tierseuchenbekämpfer durchs Leben. Und vor allem unauffällig. Das hat er von seiner Mutter geerbt, deren Eltern im KZ vergast wurden. Sie redet nie von der Vergangenheit und verleugnet ihre jüdischen Wurzeln. Stattdessen interessiert sie sich für die Klarheit von Mathematik und Technik. „Das Glück meiner Eltern sind nicht die Menschen, sondern neue Technologien“, sagt Arthur. „Dein Ölstand, ist der gut?“, lautet dann auch die besorgte Frage des Vaters beim elterlichen Besuch. Wer in die Abgründe der Menschheit geblickt hat, wendet sich von ihr ab.

Als Bahia und Arthur aufeinanderprallen, entfaltet sich ein Spiel unterschiedlichster Kräfte: Temperament, Moral, Ideologie und Gefühl leisten sich ein vielschichtiges Gerangel. Arthur ist von Bahias direkter Art fasziniert und ihr Einsatz, sei es auch nur das Aufhalten einer U-Bahn, damit ein altes Ehepaar einsteigen kann, beeindruckt ihn. Auch Bahia mag Arthur, und darum schläft sie mit ihm. „Erst vögeln, oder erst essen?“ fragt sie, als sie das erste Mal gemeinsam in ihrer Wohnung sind. „Warum ich?“, fragt der verdutzte Arthur. „Ich wähle Jospin“.

Federleicht aber tiefgründig
In einer langen Einführung geben uns die beiden Protagonisten Einblicke in ihre jeweiligen Familiengeschichten, die sie im willkürlich hin und her springenden Parallelschnitt erzählen. Das geschieht auf eine zugleich so witzige, geistreiche und berührende Art, dass man erst am Ende dieser überlangen Einleitung merkt, welch merkwürdige, chaotisch anmutende Erzählkonstruktion man da die ganze Zeit hinnimmt und sich dabei dennoch prächtig unterhalten fühlt. Tatsächlich entspricht dieses sprunghafte Erzählen dem Charakter von Bahia, die bereits in der ersten Szene Arthurs Leben durcheinander wirbelt. Bis der Film wieder an dieser ersten Szene anknüpft, vergehen 20 Minuten, in denen die beiden abwechselnd dem Zuschauer – teils in Rückblenden, teils direkt in die Kamera sprechend – von ihrem Leben erzählen. Die impulsive Dramaturgie bleibt über den ganzen Film das ästhetische Merkmal, das mit einer andauernden Vielstimmigkeit korrespondiert: Man meint, in jeder Szene, in jeder Einstellung werde etwas über die Verhältnisse erzählt – über politische, ökonomische, soziale, über Machtverhältnisse und über psychologische Befindlichkeiten, im Off-Kommentar oder im Dialog, im Bildvorder- oder -hintergrund. Auch die vielen Klischees, die der Film streift, werden permanent reflektiert. „Die Kinder von Opfern übertreiben“, sagt Arthur, und meint Bahia. Mit der von seinen Eltern geerbten Art der konsequenten Untertreibung könnte er aber auch sich damit meinen.  Am Ende dieses lustigen, intelligenten und berührenden Films gibt es tatsächlich einen Cameo-Auftritt von Lionel Jospin! Der ehemalige französische Premierminister muss sich wohl auch in diesen Film und seine wunderbaren Figuren verliebt haben.

(Bundesstart: 14.4.2011)

Zuerst erschienen in choices 04.11.