„Die Bekehrung“ von Matthias Gnehm

Der studierte Architekt und Comic-Zeichner Matthias Gnehm hat in seinen bisherigen Arbeiten – mal mehr, mal weniger – zwei entscheidende Merkmale eingebracht: eine komplexe Erzählweise und das Interesse an den Themen Architektur und Urbanismus. Für „Die Bekehrung“ reduziert er beides … Matthias Gnehm geht hier an den räumlichen Rand seines Leib- und Magenthemas Urbanismus – an die zersiedelte Peripherie. Zugleich schiebt er aber das Thema an den Rand der Geschichte. Zwar spielt die Geschichte in einer zersiedelten Landschaft, doch eine versteckte Hauptrolle scheint die Landschaft zunächst nicht zu spielen, obschon die vielen Bilder aus der Vogelperspektive – einmal macht er gar eine kurze „Kamerafahrt“ ins Weltall wie bei Google-Earth – gerade die Topografie immer wieder betonen. Und auch das verschachtelte Erzählen steht nicht mehr so im Mittelpunkt wie beispielsweise in seinem letzten Album „Selbstexperiment“. Hier gibt es lediglich eine knappe Rahmenhandlung, die den Leser immer wieder in die Geschichte der Vergangenheit entführt.
Kern der Handlung ist eine Liebe und die Problematik religiöser Missionierung. Kurt trifft am Bahnhof zufällig einen alten Schulkameraden. Der Architekturjournalist ist auf dem Weg in seine frühere Heimat. Als 14-Jähriger wohnte er in einer zersiedelten Gegend, jetzt will er über diesen hässlich gewachsenen Ort, der sich ständig wandelt, schreiben. Doch durch den Zusammenprall mit dem Schulfreund gerät seine Reise in die alte Heimat zu einer Reise in die Vergangenheit: Kurt erinnert sich an seine erste große Liebe Patrizia. Ihretwegen ist er einst in eine Bibelgruppe eingetreten.
In luftigen Kohlezeichnungen macht Gnehm den Muff der Provinz ebenso spürbar wie die verworrene Gefühlswelt der Pubertät. Beides spiegelt einander: die langen Radfahrten zwischen den recht leblosen Orten sind auch eine Reflexion der pubertären Orientierungs- und Heimatlosigkeit. Zudem weiß Gnehm auch erzählerisch zu begeistern, wenn er mit außergewöhnlichen grafischen Mitteln die Zeitebenen wechselt.

(Zuerst erschienen in Strapazin 104)