„Irgendwo dazwischen“
von Tracey White

Es ist ein ungewöhnlicher Einstieg: „Irgendwie dazwischen“ beginnt mit dem kurzen Selbstporträt von vier Mädchen: Maria, Lola, Violet, Ashley. Sie kennen sich nicht untereinander, aber sie alle haben eine gemeinsame Freundin … Dann folgt das Deckblatt einer Patientenakte aus einer psychiatrischen Anstalt – und dann zwei sehr schwarze Seiten mit sehr schwarzen Sätzen „Ich will mich nach mir anfühlen. Ich weiß nur nicht mehr wer ich bin“. Es sind die Worte von Tracy. Die 17-jährige wurde nach einem Zusammenbruch gerade in die Klinik eingewiesen. Nun soll sie in Einzel- nd Gruppengesprächen wieder zu sich selbst finden und ihren Weg in den Abgrund verstehen lernen und aaus dem seelischen Loch wieder herausfinden.

Tracy White erzählt ihre autobiografische Geschichte in ihrem Comicdebüt mit erschreckender Offenheit. Der Leser erfährt viele Details über ihr Suchtverhalten, ihre Depressionen und ihre Magersucht über die kapitelweise wiederkehrenden Kommentare der vier Freundinnen – das nimmt ihnen ein wenig vom schambehafteten Charakter des Seelenstriptease. Andererseits verdeutlicht es die Hilflosigkeit von Tracys Umgebung. Das gilt auch für die Erzählgegenwart in der Psychiatrie: Dort hat Tracy zwar den ein oder anderen Freund, darunter Ashley, doch sie eckt auch ständig an. Ihre Agressivität trägt sie als Schutzschild vor sich her. Im Gegensattz zu dieser Agressivität stehen die Zeichnungen, mit denen Tracy White ihre „zu 99 Prozent wahre Lebensgeschichte“ erzählt. Ihren Aufenthalt in der Klinik skizziert sie in zarten, fragilen Zeichnungen, die adäquat ihre gebrechliche Psyche widerspiegeln. Die Bilder zeigen wenig Bewegung und kaum Raumtiefe oder Hintergrund. In der Klinik sitzt man bei der Therapie oder liegt im Bett, die wirkliche Welt beginnt erst hinter den weißen Wänden. Das wichtigste hier sind Worte. Und so sind auch die Sprechblasen die actionreichsten Momente dieses Comics. Sie wabbern aus den Mündern, ziehen sich in langen Ketten durchs Panel, schlängeln sich umeinander oder greifen über in die nächsten Panels. Das hat bei aller Statik der Figuren etwas sehr dynamisches. Tracy White ist ein so berührendes wie beunruhigendes Debüt gelungen. Und man ist nur froh, nach dem wenig tröstlichen Ende per Suchmaschine zu erfahren, dass es ihr nach dem halbjährigen Aufenthalt wohl inzwischen wieder gut geht. Sie blogt jedenfalls regelmäßig auf traced.com und arbeitet an einem zweiten Buch.