“Über uns das All” von
Jan Schomburg (Interview)

Sie führen seit Jahren eine gute Beziehung: Martha (Sandra Hüller) und Paul (Felix Knopp) leben in einer gemeinsamen Wohnung. Ihre Spielchen lassen erahnen, dass sie sich gut kennen. Dahinter scheint aber auch viel Unsicherheit auf. Wie wenig Martha von Paul weiß, erfährt sie erst, als er verschwindet, und sich alle Eckdaten seines Lebens mit ihm auflösen … Als dem angehenden Mediziner sein Doktorvater eine Stelle in Marseille anbot, hatte Paul die Chance, die Karriereleiter hochzuklettern. Martha war begeistert, war Paul doch seit seiner Abschlussarbeit, die am Institut als Meilenstein bewertet wurde, ohne Anstellung. Die Englischlehrerin sah keine Probleme, dort ebenfalls einen Job zu finden. Paul reiste vor, Martha, die inzwischen ihre Stelle als Lehrerin aufgegeben hatte, wollte eine Woche später nachreisen. In den folgenden Tagen konnte sie ihn nicht mehr auf dem Handy erreichen. Sie hörte solange nichts mehr von ihm, bis ein paar Tage später zwei Polizisten vor ihrer Tür standen.

Mit dem Verlust von Paul droht Martha nun in ein großes Loch zu fallen, das umso größer wird, je mehr sich herausstellt, dass es den Paul, den sie zu kennen glaubte, gar nicht gab. An der Uni erinnert sich niemand an ihn, und irgendwie waren alle Freunde gemeinsame Bekannte des Paars. Ein eigenständiges Leben von Paul scheint es nicht gegeben zu haben, und ihr wird allmählich klar, dass sie eigentlich nichts von ihrem Mann weiß. Martha droht, den Halt zu verlieren. Doch als bei einer ihrer Stippvisiten an der Universität Alexander (Georg Friedrich) kennen lernt, erkennt sie viel von Paul in ihm.

Jan Schomburg ist ein erstaunliches Debüt gelungen, das kaum spürbar zwischen Realismus und Surrealismus schwankt, zwischen emotionalem Schock und Heiterkeit. Mit „Über uns das All“ wirft er existentielle Fragen auf, die um die Gegensätze Sicherheit und Enge, Freiheit und Angst kreisen. Sandra Hüller spielt die breite Palette der emotionalen Extremsituationen ebenso exzellent wie zuletzt in „Brownian Movment“ von Nanouk Leopold oder ihre Darstellung der Michaela Klingler in dem Exorzismusdrama „Requiem“ von Hans-Christian Schmid (2006). Wie man wohl tatsächlich reagiert, wenn die Polizei mit einer entsetzlichen Nachricht vor der Tür steht, das könnten gestandene TV-Krimi Regisseure von Jan Schomburg und Sandra Hüller lernen. In Fernsehkrimis ist dafür kein Platz – aber Jan Schomburg nimmt sich in seinem Film gerade für solche Momente den nötigen Raum. Sein Debüt erschöpft sich aber nicht in einer emotionalen Tour de Force. Heitere und absurde Momente finden in seinem Drama über die Liebe und ihre Austauschbarkeit ebenfalls Platz. Und so werden die verstörenden Augenblicke des Schreckens immer wieder aufgefangen in leichtfüßigen Szenen. Das einzige, was in Jan Schomburgs Kinodebüt keinen Platz hat, sind Gewissheiten.

INTERVIEW MIT JAN SCHOMBURG:

Herr Schomburg, Sie haben mit solch erfahren Darstellern wie Sandra Hüller und Georg Friedrich gedreht. Wie war die Zusammenarbeit für Sie als Kinofilmdebütant?
Jan Schomburg: Begriffe wie „Debütant“ oder „erfahren“ verlieren bei einer intensiven Zusammenarbeit ja oft schnell ihre Bedeutung, denn letzten Endes begibt man sich gemeinsam auf eine Reise ins Ungewisse. Sowohl Sandra Hüller wie Georg Friedrich und auch Felix Knopp sind Schauspieler, denen Allüren oder Arroganzen fremd sind – sie alle sind Forscherseelen im besten Sinne des Wortes.

Sandra Hüller ist vielleicht eine der wenigen deutschsprachigen Schauspielerinnen, die derart emotionale Szenen unpathetisch umsetzen können. War sie ihre Traumbesetzung für die Rolle?
Ja. Wie Sandra eine filmische Realität herstellt, ihre Furchtlosigkeit, mit der sie in Emotionen eintauchen kann, die Sicherheit, mit der sie immer das Klischee meidet – es gibt, glaube ich, sehr wenige Schauspielerinnen, die das so beherrschen. In diesem Film war für mich aber die eigentliche Entdeckung, wie leichtfüßig, lustig und sexy Sandra auch sein kann.

Der Film geht in seiner Emotionalität an die Schmerzgrenze, wirkt dabei aber immer wahrhaftig, nie kalkuliert. Wie näherten sie sich der Umsetzung solcher extremen Szenen?
Die Annäherung an solche Szenen passiert vor allem beim Schreiben, wo ich selber die Emotionen der Figuren am Stärksten durchlebe. Während des Drehens kann man dann als Regisseur den Schauspielern gerade bei den emotionalen Szenen oft nicht wirklich helfen, meist wissen sie selber besser als ich, was zu tun ist.

Über uns das All“ ist thematisch doppelt aufgeladen: Es geht um den Verlust der Liebe, aber auch um ihre Austauschbarkeit. Wie fanden sie zu diesem Themenkomplex?
Ich habe mich gefragt, ob nicht gerade die Idee der romantischen Liebe, die ja per Definition die Liebe zu einer individuellen Person meint, in Wirklichkeit vollkommen unabhängig vom Gegenüber sein könnte. Martha lebt ihre Liebe als etwas, das größer ist als der Tod des Geliebten, die Liebe wird zu einer Idee, die nicht mehr an eine Person gebunden ist. Vielleicht ist das ja die eigentliche Kraft der Liebe: Dass sie eben nie das Gegenüber meint, sondern immer eine Vision des Gegenübers. Oder, wie Alexander es im Film sagt: „Ich liebe den Menschen, den du aus mir machst.“

Sie haben an der KHM studiert. Was ist für sie das besondere an der Kölner Medienschmiede, auch im Vergleich zu klassischen Filmhochschulen?
Die KHM bietet die außergewöhnliche Möglichkeit, sich sehr unterschiedlichen und teilweise konträren Denkweisen aussetzen zu können – es wird nicht nur die künstlerische Praxis in verschiedenster Form unterrichtet, sondern mit den Medienwissenschaften auch die Reflektion auf diese Praxis. Ich glaube, dass die KHM mit dieser Philosophie und dieser Mischung ziemlich einzigartig in Deutschland ist.

Gibt es bereits ein neues Projekt?
Das erste neue Projekt lässt sich bereits im Internet ansehen: Unter www.drverbier.de kann man die zweifelhaften Erfolge der „Expositionsmaßnahme nach Verbier“ verfolgen. Der Arbeitstitel meines nächsten Kinofilms ist „Lena und Tore und Lena“.

(Bundesstart: 15.9.2011)