„The Future“ von Miranda July

Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater), beide Mitte 30, leben ohne großes Spektakel ihr Leben: Sie gibt Kindern Tanzunterricht, er hilft vom heimischen Sofa aus per Headset Usern bei Computerproblemen. Alles scheint soweit OK, aber irgendwas fehlt. Die beiden würden ihrem Leben gerne einen neuen Sinn geben und Verantwortung übernehmen … Also wagen sie den Schritt, und … adoptieren eine Katze. Doch „Pfötchen“ muss noch 30 Tage im Tierheim bleiben, bevor sie sie abholen können. Ihnen bleibt also noch ein Monat der ihnen so vertrauten Verantwortungslosigkeit. Beide kündigen ihre Jobs und suchen die Erfüllung. Jason versucht, Bäume für eine bessere Zukunft an die Leute zu bringen, bleibt aber bei einem schlüpfrigen Alten und seinen verschrobenen Weisheiten hängen. Derweil scheitert Sophie an ihrer Idee eines täglichen Tanzvideos für YouTube. Sie kappt daraufhin für die nächsten 30 Tage die Internetverbindung und droht sich in einer Romanze mit einem älteren Herrn zu verlieren. Als die Beziehung der beiden auf der Kippe steht, und sie sich einer Entscheidung von großer Tragweite gegenübersehen, hält Jason in purer Verzweiflung kurzentschlossen die Zeit an.

Das Mögliche und das Tatsächliche
„I have seen the Future“ – mit diesem Satz war das Ticket bedruckt, das man auf dem Sundance Filmfestival nach dem Besuch der Weltpremiere von Miranda Julys neuem Film „The Future“ erhalten hat. „It’s useless, but so many things you want are“, kommentiert die Künstlerin das Ticket auf ihrer Webseite. Miranda July, Künstlerin, Schriftstellerin und Regisseurin, interessiert sich sehr für scheinbar unnütze Dinge – und trotzt ihnen einen Sinn ab. Und sie interessiert sich sehr für unsichtbare Dinge – und macht sie sichtbar. „Das Gefühl ist das Wichtigste“ sagte sie nach der Europapremiere von „The Future“ auf der Berlinale. Ihre Erforschung des Gefühls, der Emotionen führt oft in surreale Gefilde. In „Haysha Royko“ (2003), einem ihrer Kurzfilme, sieht man drei Menschen in einer Wartehalle auf einer Bank. Über ihnen wabern sich ständig verformende Flächen. Man kann sie als Aufmerksamkeitsfelder der Figuren, oder abstrakter – als Energiefelder interpretieren. Die Visualisierung oder Verbalisierung zwischenmenschlicher Phänomene ist Julys Spezialität. Oft sind sie spielerisch als Frage oder Aufforderung formuliert, wie in „Learning to love you more“, einer sozialen Skulptur im Internet. Hier hat sie 70 Aufgaben verfasst, die die Besucher der Webseite erfüllen und ihre Ergebnisse dann posten sollen – als Text, Bild, Video oder Podcast. Die erste Anweisung lautet: „Make a child’s outfit in an adult size“. Eine solch groteske Sentimentalität entspringt nur scheinbar naiver Kindlichkeit. July will Gefühle evozieren, und das gelingt mit ihrer Kunst. Viele von solchen sentimentalen und melancholischen Spielen baut sie in ihre Filme ein: Sich in fremde Leben hineinfantasieren ist ein wiederkehrendes Moment. Der Angriff auf die Diktatur der Zeit ein weiteres. In ihrem Debüt „Ich und du und alle die wir kennen“ von 2005 wird ein kurzer Spaziergang zum Schnelldurchlauf des ganzen kommenden Lebens. In „The Future“ geht es zur Gänze um die Ängste ihrer Generation vor Bindung und Festlegung und die daraus resultierende Erstarrung: das Verharren im Möglichen, ohne im Tatsächlichen anzukommen. Julys Kunst spielt ständig zwischen diesen beiden Polen – dem Möglichen und dem Tatsächlichen. Die Dramaturgie ihrer Filme schwankt dazwischen hin und her und hebelt herkömmliches Storytelling aus. Auch macht sie immer wieder kleine Ausfallschritte und baut mit Gedankenspielen, Assoziationen und Performanceeinlagen tragikomische und anrührende Kunst-Griffe in die Filme ein.

Kurzweiliger Stillstand
Das hat auch bei „The Future“ wieder eine Filmstruktur zur Folge, die ähnliche Reaktionen wie die zu „Beginners“ von Mike Mills („Thumbsucker“), Julys Ehemann, provozieren könnte. „Filme sollten auf Drehbüchern und nicht auf Skizzenbüchern basieren“, hatte ein amerikanischer Kollege über Mills zweiten Kinofilm gespöttelt. Damit meint er Mills Hang, die schwere Emotionalität seiner Figuren mit ironisch kommentierten Collagen abzufangen. Mit seinem zärtlichen Tonfall, orientierungslosen Thirtysomethings, die immer noch den Weg ins selbstbestimmte Leben suchen, und sprechenden Tieren gibt es erstaunlich viele Parallelen zwischen den beiden jeweils zweiten Filmen des Ehepaars – „Beginners“ und „The Future“. Mills wie July nehmen sich die Freiheit, innerhalb der Gattung Spielfilm mehr zu machen als Erzählkino. Sie brechen das dramaturgische Korsett einer klassischen Erzählung auf und ermöglichen damit überraschende  Erfahrungen. Wenn man sich erst einmal diese Freiheit erlaubt, kann das ganz einfach sein. Wie stellt man wohl am besten dar, dass jemand in Angst um die falsche Entscheidung am liebsten die Zeit anhalten würde? Man lässt ihn eben die Zeit anhalten! Doch so kurzweilig wie Miranda July hält sonst niemand die Zeit an.

(Bundesstart: 27.10.2011)