„Work hard, play hard“ von Carmen Losmann (Interview)

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In der modernen Dienstleistungskultur gilt das Augenmerk der Optimierung des Arbeitsplatzes und des Arbeiters. Beides soll zu einem perfekten Produkt gestaltet werden, um die bestmögliche „Performance“ zu erreichen. Dabei werden die Büros ebenso entpersonalisiert wie das Personal … Letzteres wird mittels Trainingsprogramm und Assessment-Center modelliert und motiviert. In den klaren, so schönen wie kühlen Bildern von Dirk Lütter („Die Ausbildung“) erforscht Carmen Losmanns Dokumentation die Rahmenbedingungen für den Erfolg moderner Dienstleister. Ein Off-Kommentar fehlt, aber die Szenen und Bilder sprechen für sich, und sie sprechen eine deutliche Sprache. Nicht erst, wenn eine Postangestellte darüber berichtet, die Firmenkultur in die DNA der Mitarbeiter einzuschreiben, fröstelt es einen.

choices: Frau Losmann, wie ist die Phrase „Work hard, play hard“ zu verstehen?
Carmen Losmann: „Work hard, play hard“ – so scheint es mir – ist gleichermaßen Imperativ und Aufmunterung einer gegenwärtigen Arbeitskultur, in der sich jeder einzelne eine Identität als High Performer zulegen muss, um darin überleben zu können. Aber der Ausspruch entzieht sich einer eindeutigen Bedeutung und lässt verschiedene Assoziationen zu.

Was hat Sie veranlasst, auf jeglichen Off-Kommentar zu verzichten?
In Dokumentarfilmen scheint der Off-Kommentar irgendwie zum handwerklichen Repertoire und zu einem Standard zu gehören, der erwartet wird. Solche kategorischen Zuschreibungen finde ich grundsätzlich fragwürdig. Hätte ich einen Spielfilm gemacht – niemand würde mich nach dem fehlenden Off-Kommentar fragen. Bislang habe ich mich auf die Frage konzentriert, wie ich in und mit Bildern erzählen kann. Bei „Work hard, play hard“ habe ich gemerkt, dass ein Off-Kommentar das Gezeigte mit einer besserwisserischen Eindeutigkeit belegt und gleichzeitig den Zuschauern die Erfahrung nimmt, selber zu spüren, was die Bilder bei ihnen auslösen.

Für die Bilder zeichnet Dirk Lütter verantwortlich, der im letzten Jahr mit dem ähnlich kühlen Arbeits-Spielfilm „Die Ausbildung“ debütiert hat…
Ich habe mit Dirk Lütter zusammen studiert und zwei Kurzfilme mit ihm gemacht. Uns verbindet ein ähnlicher Blick auf die Welt, und irgendwie scheint sich diese Ähnlichkeit auch in der Art und Weise, wie wir diese Welt versuchen in Bildern darzustellen, niederzuschlagen. Bei allen Filmen haben wir zusammen das Bildkonzept entwickelt, und meistens sind wir uns über die grundsätzliche Herangehensweise einig.

Die strengen Bilder des Films sind sehr schön, aber auch sehr kalt. Sehen Sie keine Gefahr darin, dass Sie mit Ihren Protagonisten dasselbe machen wie deren Arbeitgeber: sie disziplinieren und formen?
Was genau macht die Bilder kalt? Ist es wirklich nur die Kadrage, sprich: die statische Einstellung, oder strahlt vielleicht das Gezeigte an sich etwas Kaltes aus? Ich habe zusammen mit Dirk Lütter versucht, über die Bilder auch das Kühle oder Unbehagliche von Arbeitswelten erfahrbar zu machen, die sich so darum bemühen, als Wohlfühlwelten zu erscheinen. Dass ich damit auch die Protagonisten „mitformatiere“, ist nicht nur eine Gefahr, sondern beim dokumentarischen Filmemachen unvermeidlich. Denn ich bringe alle Protagonisten mittels Bild in Form – das liegt im Wesen des Filmemachens. Diese Gefahr oder dieses Problem habe ich in dem Moment, in dem ich die Kamera anstelle, auf einen Menschen richte und daraus einen Film mache. Aus diesem Dilemma komme ich leider nicht heraus. Mit der Nicht-Nennung der Namen von einzelnen Personen habe ich versucht, etwas dagegen zu arbeiten und somit das Augenmerk von den einzelnen Menschen in Richtung des größeren Zusammenhangs zu lenken.

(BU: 12.4.2012)