„Tomboy“ von Céline Sciamma

Tomboy

 

 

 

 

 

 

Michaël und Jeanne sitzen gemeinsam in der Badewanne. Michaël ist zehn Jahre alt, seine kleine Schwester sechs. Eben hat Michaël noch mit den Jungs aus der Siedlung gespielt. Fußball natürlich – und er gehört zu den Besten … Damit hat er sich seit seinem Umzug hierhin bei den anderen Jungs schnell Respekt verschafft, und auch die gleichaltrige Lisa findet den Neuen interessant. Vor allem, weil er nicht ganz so jungenhaft ist wie die anderen. Weniger rüpelhaft, einfühlsamer. Auch mit seiner Schwester spielt Michaël ganz liebevoll – auch in der Badewanne: Geduldig lässt er sich von ihr aus seinen kurzen Haaren einen Irokesen formen. Dann ist die Badezeit vorbei. Die Mutter holt Jeanne aus der Wanne, kurz darauf steigt auch Michaël heraus. Vor uns steht nass und nackt ein Mädchen.

Ein „Spielfilm“
Michaël heißt eigentlich Laure. Laure hat kurze Haare, zieht gerne Jungsklamotten an und spielt lieber Fußball als Springseil. Als sich Laure erstmals aus der neuen Wohnung traut und auf Lisa trifft, stellt sie sich als Michaël vor. Es ist ihre Chance, in der neuen Umgebung, in der sie niemand kennt, ihren Drang, sich wie ein Junge zu geben, voll auszuleben. Geschickt hält Laure die beiden Welten voneinander getrennt. In der Wohnung ist sie Laure, draußen, auf den Wiesen, in den Wäldern und den Seen der Umgebung ist sie Michaël. Sogar als Jeanne Laures Geheimnis entdeckt und droht, den Eltern ihr doppeltes Spiel zu verraten, kann sich Laure weiter als Michaël ausleben. Denn Jeanne, die nicht im Geringsten versteht, warum ihre große Schwester sich als Junge ausgibt, will nur eins: dabei sein. Also ziehen sie von nun an gemeinsam los und hüten ihr Geheimnis vor den Eltern. Erst als Michaël seine kleine Schwester verteidigen muss und dabei einen anderen Jungen verprügelt, kommt alles raus. Denn der Junge erscheint am nächsten Tag mit seiner Mutter vor Laures Wohnungstür, um Michaël zur Rede zu stellen.
Céline Sciamma erzählt vom Alltag in diesen wenigen Sommertagen konsequent aus Laures Perspektive. Und das heißt: Wir sehen einen Jungen, wie er in seiner neuen Umgebung langsam neue Freunde findet. Es ist ein langsames Herantasten, aber nur wenig erscheint daran ungewöhnlich. Vielleicht ist der enge Kontakt zu Lisa für einen Jungen in seinem Alter überraschend, vielleicht ist er in einigen Situationen etwas sehr zögerlich. Aber ansonsten ist Michaël ein Junge wie die anderen. Der Film feiert Michaëls/Laures kindliches Spiel und seine/ihre emotionalen Entdeckungen. Erwachsene kommen da fast nicht vor. Die Szenen mit den Eltern in der Wohnung haben einen gedämpfteren Tonfall. Aber auch hier herrscht eine entspannte Atmosphäre – prekäre oder gar dysfunktionale Familienverhältnisse sind das nicht. „Tomboy“ ist kein Problemfilm.

Ein „Kinderfilm“
Céline Sciamma hat bereits mit ihrem Debüt „Water Lilies“ bewiesen, dass sie sich darauf versteht, die Perspektive von Kindern bzw. Jugendlichen einzunehmen. Dort sind es pubertierende Mädchen, die ihre Sexualität in der Umkleidekabine eines Schwimmbads entdecken. Die Fähigkeit, die Perspektive von Kindern einzunehmen, scheint eine Qualität des französischen Kinos zu ein. Angefangen von François Truffauts Kurzfilm „Die Unverschämten“ und seinem ersten autobiografischen Langfilm „Sie küssten und sie schlugen ihn“ bis in die Gegenwart. Und das wird honoriert: Mit seinem Film „L’Esquive“ über ein Theaterprojekt an einer Schule in den Banlieues hat Abdellatif Kechiche 2003 vier Césars gewonnen. „Die Klasse“ von Laurent Cantet hat 2008 die Goldene Palme in Cannes gewonnen, und auch Jean-Pierre und Luc Dardennes haben für ihre Filme „Der Sohn“ und „Das Kind“ Preise erhalten. Gerade überzeugten sie abermals mit „Der Junge mit dem Fahrrad“, der ähnlich wie „Tomboy“ zugunsten einer großen Nähe zu den Protagonisten ästhetisch ganz schlicht erzählt. Die Nähe, die „Tomboy“ zu Laure entwickelt – auf einer Augenhöhe mit ihr – führt in einer entscheidenden Szene dazu, dass die wohl meist erwachsenen Zuschauer wie sie fühlen. In jedem anderen Film würde der Zuschauer sofort die Perspektive der Erwachsenen antizipieren und deren nachvollziehbares Urteil übernehmen. In diesem „Kinderfilm“ ist man aber ganz bei Laure, und das Handeln der Erwachsenen ist es, das einen befremdet.
Wo genau Laure – unglaublich gespielt von Zoé Héran – steht, dass wissen die Erwachsenen im Film nicht, und das wissen trotz aller hergestellter Nähe auch wir Zuschauer nicht. Nicht einmal Laure weiß es. Sie ist in einem Alter, wo das Spiel mit den Geschlechtern alles sein kann: kindliches Ausprobieren oder erstes Spüren eines inneren Drangs. Homosexualität oder Transsexualität sind sehr feste Begriffe für einen 10jährigen Menschen, der gerade erst sein biologisches Geschlecht entdeckt und lernt, sich dazu zu verhalten. Dieses Verhalten kann vielfältiger sein als es das binäre Geschlechtermodell Mann/Frau vermuten lässt. Diesem weiten Feld des Dazwischen begegnet der Film mit größter Offenheit.

(Bundesstart: 3.5.2012)