„Laurence Anyways“ von Xavier Dolan

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Hat Xavier Dolan mit 23 Jahren sein Opus Magnum abgeliefert? „Laurence anyways“ ist knapp drei Stunden lang, hat mit Nathalie Bayle erstmals einen Star auf der Besetzungsliste und geht mit den von Dolan bekannten extrovertierten Stilmitteln erstmals auch inhaltlich ein großes Thema an, das jenseits von pubertären Gefühlsdramen existentielle Fragen aufwirft … : Laurence (Melvil Poupaud) und Frédérique, genannt Fred (Suzanne Clément), sind erst seit zwei Jahren zusammen, aber es könnte die Liebe ihres Lebens sein. Ihre eingespielten Pärchenspiele, die Zärtlichkeit, aber auch die Sorglosigkeit in ihrer Zweisamkeit künden von Vertrautheit. Doch eines Tages eröffnet Laurence seiner Freundin unvermittelt, dass er sich schon lange viel mehr als Frau denn als Man fühlt, und dass er daher in Zukunft nicht mehr als Mann, sondern als Frau durch das Leben gehen möchte. Doch ob als Mann oder als Frau: Er liebt Fred und möchte mit ihr zusammen bleiben. Fred traut ihren Ohren nicht, und ihr Verstand und ihre Gefühle hinken dem Gehörten erst recht hinterher. Sie braucht erst mal eine Auszeit und zieht zurück zu ihrer Mutter. Dort fällt sie nach einigem hin und her die folgenschwere Entscheidung, die Sache gemeinsam mit Laurence durchzustehen. Als erstes soll der Literaturdozent in Frauenkleidern vor seine Klasse treten. Doch das kostet ihn viel Überwindung.

Kino der Gesten
Nach einem großartigen Intro, in dem wir eine elegante Frau – oder nicht? – in Zeitlupe durch Nebelschwaden schreiten sehen, während im Gegenschnitt die irritierten und fassungslosen Gesichter von Passanten auftauchen, ist Laurences Auftritt in Frauenkleidern in den Gängen der Universität die zweite Szene, in der der kanadische Regisseur Xavier Dolan, Jahrgang ’89, seinen eleganten Style auffährt, der viel mit Mode und deren Inszenierung und der Selbstinszenierung der Menschen mittels Mode zu tun hat. Laurence schreitet – unterlegt von knackigem Electropop im 80er Jahre Gewandt – durch diesen Gang des Universitätsgebäudes wie ein Model über den Laufsteg: Es ist eine erst schüchterne, dann fast trotzige Selbstermächtigungsgeste, mit der sich Laurence Raum schafft, um seine neue Identität zu entfalten. Und der Film gesteht seiner Figur, die wir an dieser Stelle noch „er“ nennen können, diesen Freiraum zu und feiert die Selbstermächtigung. Damit ist Dolans Kino schon recht gut skizziert: Es ist ein Kino der Gesten, und es feiert diese Gesten mit alle dem Filmemacher zur Verfügung stehenden Mitteln. „Ich bin einfach begeistert von all den Dingen, die man mit dem Kino machen kann. Ich bin in das Medium verliebt“, hat er einmal gesagt. Diese Liebe und die Liebe zu seinen Figuren sieht man den Filmen gleichermaßen an.

Feier des Kinos
Xavier Dolan hat als Drehbuchautor und Regisseur bereits drei abendfüllende Kinofilme gedreht, zweimal spielte er auch noch die Hauptrolle. Mit 20 zeigte er sein Debüt „I killed my Mother“ in Cannes, ein Jahr später war dort sein zweiter Film „Herzensbrecher“ zu sehen. Sein jüngstes Werk, das 168-minütige Liebesdrama „Laurence anyways“, lief dort im letzten Jahr, und wie alle seine Filme gewann er dort und anderswo diverse Preise. Dolan ist in „Laurence anyways“ nicht vor der Kamera zu sehen, dafür zeichnet er hier nicht nur für Regie, Drehbuch und Schnitt, sondern auch für Kostüme und Ausstattung verantwortlich. Damit geht er ähnlich verschwenderisch um wie mit den übrigen Elementen des Films. Nicht im Sinne einer Materialschlacht, sondern im Sinne einer Großzügigkeit und einer Freiheit, die sich ganz dem Gefühl und dem Drama hingibt. Die Freiheit, die sein Protagonist sucht, nimmt sich Dolan für seine Filme. Da ist die Nouvelle Vague ebenso nah wie das Musical oder das Melodram. Wenn Mode als Ausdrucksform so wichtig ist, dann hängt der Himmel im entscheidenden Moment eben nicht voller Geigen, dann regnet es von oben Haute Couture – im wörtlichen Sinn. Ästhetisch nimmt sich „Laurence Anyways“ also kein bisschen zurück, fehlende Substanz kann man dem dritten Regiewerk des 23-Jährigen aber sicher nicht vorwerfen. Der Film, der in den 90er Jahren spielt, zeigt die Ablehnung gegenüber dem Thema Transgender auf allen Ebenen: Familie, Freunde, Institutionen – die Probleme tauchen überall auf und sind vielfältig. Nur: der Film rückt das Politische selten in den Vordergrund und auch das Komische nicht (eine der weniger gelungenen Szenen verweist auf „Ein Käfig voller Narren“). Im Zentrum des Films stehen immer die Gefühle der beiden von den Darstellern leidenschaftlich verkörperten Protagonisten und deren Hoffnung, dass ihre Liebe über allen Geschlechterfragen steht. Die Politik der Geste beherrscht Dolan übrigens auch jenseits der Leinwand: Auf dem Roten Teppich in Cannes küssten sich der schwule Dolan und seine fast doppelt so alte Hauptdarstellerin Suzanne Clément leidenschaftlich im Blitzlichtgewitter.

(Bundesstart: 20.6.2013)