„Das Glück der großen Dinge“
von Scott McGehee und David Siegel

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Susanna, eine alternde Rock-Ikone (Juliane Moore), und der Kunsthändler Beale (Steve Coogan) trennen sich. Endlich hört die ewige Streiterei auf. Doch die sechsjährige Maisie (Onata Aprile) hat unter der Trennung ebenso sehr zu leiden. Denn die Egomanen führen ihren Scheidungskrieg auf dem Rücken des Kindes aus … Susanna versucht, für die Gerichtsverhandlung Maisie hinter sich zu haben, in dem sie ihr einredet, Beale wäre ein Rabenvater. Der Vater wiederum versucht zu verheimlichen, dass er inzwischen mit dem ehemaligen Kindermädchen Margo (Joanna Vanderham) liiert ist. Die behandelt er allerdings auch nicht besser, denn an erster Stelle steht bei ihm immer der Job – und der ist mit langen Reisen verbunden. Das sieht bei Susanna nicht anders aus. Wenn sie nicht gerade Party macht oder den jungen Lincoln (Alexander Skarsgård) bezirzt und auch gleich heiratet, um ihrem Ex und seiner Neuen eins auszuwischen, versucht sie ihr Comeback und startet eine ausgedehnte Tournee. Im schlimmsten Fall sind beide Eltern gleichzeitig weg, und Maisie kann gucken, wo sie bleibt. Glücklicherweise sind Margo und Lincoln nicht so selbstsüchtig und kümmern sich um das Kind, wenn die Eltern mal wieder nur an sich denken.

Die Regisseure Scott McGehee und David Siegel erinnern mit ihrem Film an das ungewöhnliche, vom gleichen Produzententeam finanzierte Familiendrama „The Kids Are All Right“ (ebenfalls mit Juliane Moore). Dort ging es um das gewöhnliche Auf und Ab einer ungewöhnlichen Familie, deren Eltern ein lesbisches Paar sind. Auch in diesem Film steht eine Familie im Mittelpunkt, und auch hier ist diese Familie weit entfernt von der perfekten amerikanischen Familie, wie sie so häufig die Kinoleinwände bevölkert. Man kann nicht einmal sagen, dass die Familie im Mittelpunkt des Films steht – es ist eher das Ende der Familie, das hier in seiner sehr unangenehmen Art genau durchleuchtet wird. Und natürlich die Konsequenzen, die das für Maisie hat.

„Das Glück der großen Dinge“ – im Original „What Maisie knew“ – basiert auf Henry James‘ gleichnamigem Roman von 1897 (dt. „Maisie“). Hier wie dort scheint Maisie oberflächlich betrachtet die ganzen Zumutungen relativ gefasst zu nehmen. Doch die kleinen Details zeigen, was sie fühlt, und dass sie sehr wohl – anders, als die Erwachsenen denken – alles mitkriegt, alles weiß. Die Übertragung der Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts zum Anfang des 21. Jahrhunderts gelingt den Filmemachern überraschend einleuchtend. Von der Dekadenz des Fin de Siècle zum bürgerlichen Selbstverwirklichungsgedanken der Gegenwart ist es vielleicht auch nicht weit. Aber darin liegt ja die Leistung einer gelungenen Adaption: zu merken, dass der Stoff in einer neuen Zeit und in einem neuen Medium immer noch oder wieder etwas zu sagen hat. Mit ihrem utopischen und sehr unkonventionellen Ende setzten sie zudem einen überraschenden Schlussakkord.

(Bundesstart: 11.7.2013)