„Auf dem Drahtseil“ von James Vance & Dan E. Burr

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„Auf dem Drahtseil“ ist das lang erwartete Sequel von „Kings of Disguise“. 1988 legten der Autor James Vance und der Zeichner Dan E. Burr die Geschichte um den 13-Jährigen Freddie Bloch, der – nachdem seine Familie Stück für Stück zerfällt – auf der Straße landet und sich gemeinsam mit dem Hobo Sam auf die Suche nach seinem Vater macht. Nicht nur, wenn sie Arbeiteraufstände in Detroit erleben, wird die Geschichte aus der Zeit der Großen Depression von politischen Themen durchdrungen. Der Band erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gilt als Meilenstein in der Comicgeschichte.

Fünfundzwanzig Jahre später legen Vance und Burr die Fortsetzung vor: Fred ist inzwischen 18 Jahre alt und Assistent bei einem Wanderzirkus. Die Vorgeschichte wird kurz rekapituliert, danach erzählt der Band in einer Parallelmontage einerseits von Freds leben bei dem Zirkus: Er assistiert dem Entfesselungskünstler Gordon Corey und schreibt ihm auch die Texte für seine Show. Die sind nicht zufällig von Freiheitsmetaphorik und Anspielungen auf die harten Lebensbedingungen des gemeinen Volkes durchdrungen, ist Fred doch heimlich Mitglied in der Kommunistischen Partei. Der zweite Erzählstrang zeigt zwei Schläger, die für die großen Stahlfirmen versuchen, von Gewerkschaftlern Informationen über Streiks zu bekommen. „Arbeitnehmerkontrolle“ nennen es die Firmen euphemistisch. Dabei schrecken sie nicht vor Mord zurück.

Der Zeichenstil ist dem von Howard Cruse nicht unähnlich, der mit seinem „Am Rande des Himmels“ in den 90er Jahren ja ebenfalls ein wegweisendes Werk zur amerikanischen Geschichte vorgelegt hat. Schwarzweiss, detailreich, und dennoch klar auf die Figuren konzentriert, verfolgt die Geschichte einen nüchternen Realismus. Dabei finden die Autoren immer wieder spannende Methoden, historische Einschübe, Verweise oder parallele Ereignisse in die Handlung zu montieren. Wenn beispielsweise einer der Killer am Lenkrad von einer Revolte des Militärs erzählt, ändert sich der Bildhintergrund entsprechend der verbal beschriebenen Ereignisse. Die genaue Charakterzeichnung der Figuren, die aktuell wieder sehr relevanten gesellschaftlich-politischen Themen und die zeichnerisch-erzählerischen Kniffe machen nach „Kings of Disguise“ auch die Fortsetzung „Auf dem Drahtseil“ zu einer herausragenden Graphic Novel (Metrolit Verlag)