„Blau ist eine warme Farbe“ von Abdellatif Kechiche

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Noch bevor Anfang 2014 Lars von Trier mit seinem lang erwarteten „Nymphomaniac“ die Möglichkeiten der Darstellung von Sex im Kinofilm ausloten wird, hat Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) mit „Blau ist eine warme Farbe“ die Messlatte nach oben gelegt. Doch die langen und expliziten Sexszenen in seinem neuen Film sollten eigentlich kein Aufhänger für eine Rezension sein und auch nicht die Tatsache, dass Kechiche zwei junge Frauen beim Entdecken ihrer Lust beobachtet. Denn „Blau ist eine warme Farbe“ ist natürlich kein Porno. Es ist auch kein Sozialdrama über ein Coming Out. Es ist ein Film über die Liebe.

Für die Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos) ist es die erste große Liebe. Ihre ersten Erfahrungen hat sie zwar gerade mit Thomas gemacht. Im Vergleich zur unmittelbaren Idee der Liebe auf den ersten Blick, die die Literatur begeisterte Adèle gerade in der Schule diskutiert, ist das aber in keiner Hinsicht befriedigend. Doch als sich kurz darauf auf der Straße ihr Blick mit dem der Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) trifft, erlebt sie genau das: Liebe auf den ersten Blick! Bald darauf sieht Adèle die Studentin mit blau gefärbten Haaren zufällig wieder und schließlich werden sie ein Paar. An der Schule bekommt sie deswegen Probleme, ihren Eltern erzählt sie erst gar nicht von der Beziehung. Der Film blickt allerdings nicht auf die Schwierigkeiten, die Adèles lesbische Beziehung in ihrem sozialen Umfeld auslöst. Und er hält sich auch kaum mit der Frage auf, welche Auswirkungen es auf Adèles Identität hat, dass sie ihre Liebe zu einer Frau entdeckt. In dem dreistündigen Film, der Adèle über einige Jahre begleitet, geht es zuallererst um die Intensität erster Gefühle: das erste Verliebtsein, die erste Enttäuschung, den ersten Verlust. Es ist eine Intensität, die Kechiche ohne Sicherheitsabstand auf die Leinwand bannt. Bei einem Streit zwischen Adèle und Emma spürt man die existentielle Tragweite des Konflikts in all seiner Kraft. Genauso kraftvoll zeigt der Film das aufkeimende Glück, das Sich- gegenseitig-Entdecken – auch körperlich. Da haben die überlangen Sexszenen ebenso ihre Funktion wie die langen Einstellungen auf die Gesichter der beiden, wenn sie sich unterhalten. Dass diese Liebe dann doch mit sozialen Unterschieden zu kämpfen hat, macht den Film nicht zu einem Sozialdrama. Denn hier geht es tatsächlich und ganz im Gegensatz zu allen anderen Filmen von Kechiche vor allem um das persönliche Verhältnis dieser beiden Personen zueinander und wie sie ihr Leben gestalten.

Den kleinen Skandal im Herbst – als die Darstellerinnen sich über die Arbeitsmethoden des Regisseurs beschwerten – beiseite gelassen, hat Kechiche wie schon in seinem Jugendrama „Nicht ja, nicht nein“ wieder einmal bewiesen, wie viel er aus jungen Schauspielern herausholen kann. Denn was die beiden Jungdarstellerinnen hier drei Stunden lang auf der Leinwand an Gefühlen transportieren, haut einen regelrecht um.

(Bundesstart: 19.12.2013)