„Mister X“ von Dean Motter

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Mitte der 1980er-Jahre herrschte eine Aufbruchsstimmung in der Comic-Szene, die Underground und Mainstream für eine kurze Zeit auf ähnliche Weise erfasste: Alan Moore, Frank Miller und andere stellten im Mainstream verrückte Dinge an, während in Art Spiegelmans Comic-Magazin Raw so ziemlich jeder, der damals im Underground an der Erweiterung und Verfeinerung der Comic-Sprache arbeitete, veröffentlichte.

Kurz bevor 1986 die beiden bahnbrechenden Superhelden-Comics „Watchmen“ von Allan Moore und „Batman“ von Frank Miller das Genre nachhaltig dekonstruierten, hatte bereits Dean Motter die Postmoderne in den Comic getragen, und das mit Hilfe einiger damals noch unbekannter Comic-Autoren, die schon bald einen grossen Einfluss auf die Comic-Szene ausüben sollten: 1985 erschien die von Motter konzipierte Serie um den drogensüchtigen Architekten Walter Eichmann alias „Mister X“, dessen Zukunftsvision einer Stadt zum Albtraum mutiert ist. Eigentlich sollte die am Reissbrett geplante Stadt zum Wohle der Menschheit sein. Doch als sich Eichmann aus dem Projekt zurückzieht, weil es ihm über den Kopf wächst, macht sein Partner mit einem neuen Team weiter. Dabei werden viele Details von Eichmann wegrationalisiert. Die Folge ist eine extreme Schieflage in der Psychoarchitektur der Stadt – zahlreiche Selbstmorde, Gewaltverbrechen und andere Delikte künden vom Scheitern des Projektes. Als Eichmann davon erfährt, will er zurück in die Stadt, um die Entgleisungen zu korrigieren. Behilflich sind ihm die von ihm geplanten Geheimgänge, die alle wichtigen Gebäude miteinander verbinden. Und eine von ihm selbst entworfene Droge, die ihn tage- und wochenlang wach hält. Denn, wie er regelmässig stöhnt: „So viel zu tun, und so wenig Zeit“. Doch die Droge zollt ihren Tribut, und die korrupten Machtgefüge in der Stadt sind komplex und verwirrend.

Gezeichnet wurde die Serie von damals noch wenig bekannten Erneuerern des Comics wie Seth oder den Hernandez Brothers (Kurzgeschichten kamen ausserdem von Dave McKean, Bill Sienkiewicz oder Neil Gaiman). Cooles New-Wave-Design paart sich mit Film-Noir-Referenzen, Selbstreferentialität und trockener Humor charakterisieren die einflussreiche Serie, die nun erstmals auf Deutsch in einem dicken Hardcover-Band erscheint. Der Superheld hat bei Motter keine Superkräfte, sondern nur eine Droge, die ihn über weite Strecken wie einen Junkie wirken lässt. Alleine die Geheimgänge sind seine exklusive Waffe gegen die Korruption. Doch die sind ebenso verwirrend wie die wahre Identität des Antihelden, dessen Backstory sich mehr als einmal in der Geschichte ändert. So wie die Story werden auch die Zeichnungen von Seth, welcher den Grossteil der Serie bewältigt hat, immer dunkler und mysteriöser. Ein einflussreiches und auch heute noch faszinierendes Werk voller Humor, Abgründe und kultureller Referenzen.
(Schreiber & Leser)