„Nymphomaniac“ von Lars von Trier

Nymphomaniac_2

 

 

 

 

 

 

 

Am 1. März ist der französische Nouvelle Vague-Regisseur Alain Resnais im Alter von 91 Jahren gestorben. Gerade noch hatte er, ebenso wie Lars von Trier, seinen neuen Film auf der Berlinale gezeigt. Am 5. März widmete ihm Arte einen Abend und zeigte seinen Film „Mein Onkel aus Amerika“ von 1980. Auch wenn man ein wenig vorbereitet war, was einen dort erwarten würde: Um 20.15 im Fernsehen eine derartig eigenwillig erzählte Geschichte sehen zu können, war eine große Freude. Wie Resnais seine Thesen bzw. die des Neurologen Henri Laborit in einer Spielfilmhandlung veranschaulicht, sie mit dokumentarischem Bildmaterial paraphrasiert und trotz aller Tragik immer wieder humorvoll bricht, ist nicht nur klug – in seiner Vielschichtigkeit ist der Film auch noch ungeheuer unterhaltend. Gibt es eine solch kluge Leichtigkeit heute überhaupt noch, fragt man sich nach 120 inspirierenden Minuten?

Uferloser Filmessay
Eine kulturpessimistische Antwort erübrigt sich, der Beweis läuft gerade mit Lars von Triers „Nymphomanic“ im Kino. Zu Beginn des ersten Teils sahen wir die auf dem Boden liegende, übel zugerichtete Joe. Der ältere Seligman hat die 50-Jährige gefunden und bei sich aufgenommen. In dem kargen Zimmer begann Joe, von ihrem Leben zu erzählen: von der ersten lustvollen Erkundung ihres Körpers als Kind, der Entdeckung ihrer Wirkung auf Männer, dann der zunehmenden Abhängigkeit von der Lust und schließlich – als großartiger Cliffhanger zum zweiten Teil – der Ausdifferenzierung ihrer Sexualität in ein Triptychon aus Dominanz, Devotion und Liebe. Waren die fünf Kapitel des ersten Teils mit Stacy Martin als Joe noch geprägt vom jugendlichen Charme eines Coming-of-Age-Dramas, sind die drei Kapitel des zweiten Teils mit Charlotte Gainsbourg als Joe insgesamt düsterer angelegt. Joe erzählt Seligman (Stellan Skarsgård), wie die Lust immer mehr zur Last wird. Wie sie sich in der masochistischen Sehnsucht nach Unterwerfung von ihrer großen Liebe Jerome (Shia LaBeouf / Michael Pas) abwendet und bei K (Jamie Bell) dem SM hingibt, sich kurz in Reue und Scham der Gesellschaft unterwirft, um sich ihr dann als Geldeintreiberin umso aggressiver auf der dominanten Seite körperlicher Beziehungen entgegenzustellen und in P (Mia Goth) schließlich eine junge Gespielin zu finden. Angestoßen werden ihre Erinnerungen von dem Interieur des kargen Studierzimmers des gebildeten Seligman. So wie in Bryan Singers „Die üblichen Verdächtigen“ der Erzähler an Hand von vor ihm ausgebreiteten Objekten die Story des Films erfindet, erinnert sich Joe anhand diverser Objekte – einer Ikone, einem Spiegel, einem Kaffeefleck – an Episoden ihres Lebens. Diese Ereignisse erinnern Seligman wiederum an Themen der Kulturgeschichte, die er versucht als Fußnoten allegorisch mit Joes Erzählung zu verknüpfen. Dabei entfaltet sich nicht nur ein psychologisch-philosophisch-moralischer Diskurs zwischen Joe und Seligman, auch das Geschichtenerzählen an sich wird immer wieder kommentiert. Nicht nur Gefühl und Sinnlichkeit fechten einen Kampf gegen Geist und Belesenheit. Auch Erzählung und Erklärung treten gegeneinander an. Wie bei Resnais wird die Story von dem Gelehrten immer wieder unterbrochen durch Exkurse, die dokumentarisch bebildert sind. Lars von Trier eröffnet mit diesem Erzählen nach Stichworten und den intellektuellen Abschweifungen einen gedanklichen Raum, den man inhaltlich kaum fassen kann. „Nymphomaniac“ hat nicht ein Thema. „Nymphomaniac“ ist ein uferloser Film-Essay, in dem von Trier die zwei Seelen in seiner Brust – Geist und Gefühl – durch die Hauptfiguren gegeneinander antreten lässt. Die Rollenverteilung ist etwas platt: Der Mann (Selig-man!) ist der Denker, Joe (Männername!) der Gefühlsmensch. Joe sieht sich als Sünderin, Seligman sieht sie als Opfer der Gesellschaft und erklärt ihr verständnisvoll, dass es in Ordnung ist – auch als Frau – mehr vom Leben einzufordern. Dass von Trier sein Spleen, Frauen als Opfer der Gesellschaft zu definieren, durchaus bewusst ist, zeigt Joes Kommentar zu Seligmans belesenen Fußnoten: „Das alles klingt sehr nach Klischee, und ich möchte die Argumente zerpflücken, aber ich bin zu Müde …“.

Selbstreflexive Schlenker
Lars von Trier ist aber trotz oder wegen aller intellektuellen und selbstreflexiver Schlenker ein großartiger Erzähler und versteht es, seine Welt auf eine alle Sinne bannende Art filmisch zu inszenieren, einen Freude wie Schmerz (ok, meist Letzteres) unmittelbar spüren zu lassen. Anders als bei Joe kommt beim Publikum wohl kaum Müdigkeit auf. Ein furios inszenierter Film voller Fragen, Widerworte und Widersprüche – unabgeschlossen und ohne Antworten. Nur immer neue Fragen anstoßend. Im Abspann ist Charlotte Gainsbourg zu hören, wie sie den vor allem durch Jimi Hendrix bekannten Song „Hey Joe“ haucht. Im Original stammt er von dem Folksänger Billy Roberts. Im Song hat ein Mann gerade seine untreue Frau erschossen und flieht nun nach Mexico. Roberts’ „Hey Joe“ von 1962 weist wiederum deutliche Parallelen zu Niela Millers wundervollem „Baby, Please don’t go to Town“ von 1955 auf. Kaum ein Zufall: Niela Miller war die Ex-Freundin von Roberts. Noch so ein Schlenker voller Anspielungen und Fragen. Dieses letzte mal ganz ohne Bilder.

(Bundesstart: 20.2. (Teil 1) u. 3.4. (Teil 2)