„Mommy“ von Xavier Dolon

Mommy

 

 

 

 

 

 

 

Die Kinoleinwand ist rechteckig. Wenn man diese Fläche mit den gängigen Breitbildformaten füllt, hat man viel Raum links und rechts vom Bildzentrum. Man kann damit wunderbare Totalen von weiten Landschaften abbilden. In Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ von 1963 sagt der Regisseur Fritz Lang aber abschätzig, das Format sei nicht für Menschen, sondern nur für Schlangen und Begräbnisse geeignet. Godard wurde angeblich vom Produzenten genötigt, „Die Verachtung“ im Breitwandformat Cinemascope zu drehen, stellt damit dann aber gelungen die Entfremdung und Distanziertheit der Figuren dar. In Xavier Dolans neuestem Film „Mommy“ hocken die Hauptfiguren bedrohlich dicht aufeinander. Auf der Pressekonferenz in Cannes sagte der kanadische Regisseur ganz im Sinne Fritz Langs, dass es beim Kinobild an den Seiten oft viel zu viel Raum gibt, der nur vom Bildzentrum ablenke. Dolan zeigt seinen Film im ungewöhnlichen Format 1:1 – das Bild ist komplett quadratisch. Man könnte auch sagen: Er filmt Porträts von Menschen.

Ästhetische Freiheit und emotionale Dringlichkeit


Diane, kurz Die genannt, muss ihren Sohn Steve aus einem Heim für schwer Erziehbare nehmen. Er hat ein Feuer gelegt, bei dem ein Junge verletzt wurde. Jetzt zieht der energiegeladene und zu Gewaltausbrüchen neigende 15-Jährige wieder zu seiner Mutter. Der Vater ist vor drei Jahren gestorben, und so müssen die beiden alleine zusehen, wie sie miteinander klar kommen. Zwar scheint die jugendlich wirkende Die das Leben leicht zu nehmen und voller Enthusiasmus an den gemeinsamen Neustart zu gehen. Doch Steves Überschwang, seine extremen emotionalen Ausbrüche von Liebe und Hass bringen sie bald an den Rand ihrer Kräfte. Mit der neu zugezogenen Kyla kommt neue Hoffnung auf: Die Lehrerin ist wegen eines Traumas, durch das sie nun stottert, unbefristet beurlaubt. Sie gibt Steve Privatunterricht, während Die eine neue Anstellung sucht. Doch das nächste Problem lässt nicht lange auf sich warten: Die Eltern des durch die Brandstiftung verletzten Jungen verklagen Steve und seine Mutter auf ein hohes Schmerzensgeld. Das Geld haben sie natürlich nicht.

Was der 25-jährige Kanadier Xavier Dolan in den letzten fünf Jahren auf die Filmwelt losgelassen hat, ist im Kontext seines Alters fast einmalig, und auch unabhängig davon eine beeindruckende Filmografie, die sich sowohl durch ungewöhnlichen Gestaltungswillen als auch durch tiefe Emotionalität auszeichnet: Mit 17 hat er mit „I Killed My Mother“ sein erstes Drehbuch geschrieben, das er mit 19 Jahren verfilmte. Es folgten „Herzensbrecher“, „Laurence Anyways“, „Sag nicht, wer Du bist“, der erst im August in den hiesigen Kinos lief, und nun „Mommy“. Für die Mehrzahl seiner Filme zeichnet er nicht nur verantwortlich als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller, sondern macht auch den Schnitt, das Kostümdesign und kümmert sich um die Musikauswahl. Gerne schneidet er auch eigenhändig die Filmtrailer und sorgt dafür, dass die Filmplakate so aussehen, wie er sich das vorstellt. Nebenher arbeitet er seit vielen Jahren als Schauspieler. Während des Drehs von „Mommy“ hat er seine erste Hauptrolle in einem fremden Film übernommen. Für die kanadische Version von „Herr der Ringe“ und „Twilight“ stand er außerdem als Synchronsprecher im Studio. Vielleicht ist er ein Workaholic wie Fassbinder, vielleicht ein Kontrollfreak. Das Entscheidende ist aber, dass seine Filme immer eine große ästhetischen Freiheit und eine emotionale Dringlichkeit antreibt, der man sich kaum entziehen kann.

Physische Präsenz


So ist auch „Mommy“ von der ersten bis zur 139. Minute gewaltiges Gefühlskino. Dolan lotet die Möglichkeiten des Kinos aus – spielt mit den Farben, der Musik, der Kameraeinstellung und sogar mit dem Bildformat – ist aber auf eine leichtfüßige Art immer weit entfernt von jeglichen Klischees. Geerdet sind seine formalen Ideen, die stets im Dienste der Geschichte stehen, von den großartigen Hauptdarstellern – neben Anne Dorval und Suzanne Clément der erst 17-jährige Antoine-Olivier Pilon als Steve. Sie verkörpern mit ihrer physischen Präsenz Figuren, die um ihr Leben kämpfen.

Auch mit „Mommy“ konnte Dolan in Cannes wieder einen Preis gewinnen. Zwar immer noch nicht den ersehnten Hauptpreis, auch wenn das diesmal viele erwartet hatten. Stattdessen erhielt er für „Mommy“ den Preis der Jury. Der wurde ausnahmsweise gleich zweimal verliehen. Der 25-jährige Impulsgeber des Gegenwartkinos teilte sich den Preis mit dem 84-jährigen Nouvelle Vague-Erneuerer Jean-Luc Godard. Der hat seinen ersten Langfilm „Außer Atem“ mit 30 gedreht. Atemlos ist Xavier Dolan sicher noch lange nicht. Trotzdem will er sich jetzt erst mal eine kleine Auszeit gönnen und Kunstgeschichte studieren. Aber natürlich liegt schon wieder ein fertiges Drehbuch in seiner Schublade.

(Bundesstart: 13.11.2014)