„Birdman oder
(Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“
von Alejandro González Iñárritu

Birdman

 

 

 

 

 

 

 

Hektisches Treiben hinter der Bühne, chaotische Zustände in der Garderobe, angespannte Nervösität im Ensemble – willkommen bei einer turbulenten Theaterproduktion am Broadway: Riggan Thomson steht kurz vor der Premiere seiner ersten Regiearbeit.  Raymond Carvers Kurzgeschichte „What We Talk About When We Talk About Love“ hat sich der gealterte Hollywood-Star ausgesucht, um seiner Karriere eine Wendung zu geben: Vor 20 Jahren war er der gefeierte Star der Superheldenverfilmung „Birdman“. Bei drei Verfilmungen hat er den fliegenden Helden gemimt. Seitdem steckt er in einem Karrieretief. Die Theaterproduktion soll nicht nur für neue Aufmerksamkeit sorgen, sondern ihm auch einen Ruf als Regisseur und Charakterdarsteller verschaffen. Denn auch unter dem zweifelhaften Ruf eines Superheldendarstellers leidet Thomson, der sich zu Höherem berufen fühlt. Als sein zweiter Hauptdarsteller durch einen Bühnenunfall ausfällt, droht die Aufführung in einem Desaster zu enden. Nicht nur er ist am Rande eines Nervenzusammenbruchs, auch sein Produzent Jake (Zach Galifianakis) ist arg angespannt. Schließlich steht eine Menge Geld auf dem Spiel. Da setzt ihm Jake den jungen Publikumsliebling Mike Shiner (Edward Norton) vor. Thomson fügt sich nur widerwillig, aber der Charakterdarsteller Shiner kann nicht nur die Rolle ausfüllen, er wird auch für ein volles Haus sorgen. Doch die Wahl Shiners hat auch einen Haken: Er gilt unter Kollegen als schwierig. Es dauert nicht lange, bis sich Shiners Ruf bestätigt. Dass dessen Ex Lesley (Naomi Watts) die weibliche Hauptrolle spielt, führt zu weiteren Turbulenzen. Zu allem Überfluss baggert er auch noch Riggans Tochter an, die – gerade aus der Suchtklinik entlassen – hier als Assistentin angestellt ist. Derweil muss Riggan Thomson mit seiner Ex-Frau, die sporadisch zu Besuch kommt, und seiner Freundin, die in dem Stück eine Nebenrolle spielt, zurechtkommen. Kein Wunder, dass er immer mehr abdreht…

Überblendung der Ebenen
Alejandro G. Iñárritus („21 Gramm“, „Babel“, „Biutiful“) turbulenter Blick hinter die Kulissen der Welt des Schauspiels ist ein detailverliebtes Spiel mit tausend Anspielungen und doppeltem Boden. Das fängt schon bei der Besetzung an: Die Figur des Riggan Thomson teilt mit seinem Darsteller Michael Keaton die Superheldenkarriere („Batman“). Edward Norton gilt ebenso wie Shiner in der Branche als schwieriger Kollege, und er hat selber an den New Yorker Theatern angefangen. Emma Stone („The Amazing Spider-Man“, „Superbad“), die die drogensüchtige Tochter von Riggan Thomson spielt, hat zwar im wirklichen Leben keine Drogenprobleme, hat aber wie Keaton und Norton („Der unglaubliche Hulk“, „Fight Club“) bereits in Superheldenfilmen gespielt. Iñárritus Film ist sicher auch eine Abrechnung mit dem Blockbusterkino aus Hollywood. Andererseits hat er selber mächtig Spaß daran, mit dessen Mitteln zu spielen. Denn der psychisch labile Thomson fantasiert als Alter Ego seine Filmfigur Birdman. Thomson will geliebt und bewundert werden für eine anspruchsvolle Arbeit – vom Publikum und den härtesten Kritikern. Aber er verwechselt Bewunderung und Liebe ebenso wie Beruf und Privatleben. Sein Alter Ego Birdman interessiert sich hingegen überhaupt nicht für den ganzen Theaterquatsch. Er will seinen alten Ruhm als Superheldendarsteller zurück. Anfangs ist Birdman nur ein fiktives Gegenüber für Thomson, aber mit zunehmender Anspannung geht er immer mehr in seiner Filmfigur auf und kann schließlich in seiner Fantasie fliegen wie Birdman. Das führt im Film nicht nur zu waghalsigen Fantasyeinlagen, sondern auch zu einer faszinierenden Überblendung der Ebenen.

Energetische Nervösität
Nicht minder faszinierend ist die in wenigen langen Plansequenzen arrangierte Dramaturgie des Films: Da gibt es lange Dialogszenen, die nach einer ebenso langen Fahrt durch die Gänge des Theaters – immer den Protagonisten hinterher hetzend – schließlich auf der Bühne mitten in der Aufführung ihren vorläufigen Höhepunkt finden, um dann abermals in den Tiefen des Backstage-Bereichs zu Enden. Diese Szenen sind extrem aufwändig in der Produktion: Eine zehnminütige Einstellung muss man bei dem kleinsten Fehler mit allen Darstellern komplett neu drehen, weil es ja keine Schnitte gibt, die ein nachträgliches Editieren ermöglichen. Da wird der kleinste Patzer zur Geduldsprobe. Die Anspannung dieses ‚Live-Feelings‘ spürt man während des gesamten Film, der vor Energie nur so strotzt. Die Filmmusik unterstreicht diese energetische Nervösität mit einem endlosen Schlagzeugsolo, das sich sogar für einen kurzen Augenblick in Form eines Straßenmusikers vor der Kamera manifestiert. Noch so ein Spiel mit den Ebenen…

Iñárritus „Birdman“ reiht sich ein in die Riege großer Theaterfilme von Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ über John Cassavetes‘ „Die erste Vorstellung“ zu Robert Altmans „Last Radio Show“. Mit viel Humor und Biss nimmt der Film die Marotten im Showbiz auf‘s Korn, streift die Kaste der Kritiker und thematisiert nicht zuletzt auch die Rolle des Publikums.

(Bundesstart: 29.1.2015)