„Der Bildhauer“ von Scott McCloud

Der_Bildhauer

Scott McCloud, weltbekannt für seine in Comicform verfassten Theoriebände „Comics richtig lesen“ (1993) und „Comics neu erfinden“ (2000), dem Praxisband „Comics machen“ (2006) und die Erfindung des 24-Stunden-Comics im Jahr 1990, ist bislang weniger mit längeren erzählenden Werken in Erscheinung getreten. Um so erstaunlicher, dass er nun seine erste Graphic Novel mit gleich 500 Seiten vorlegt.

„Der Bildhauer“ ist ein Zwitter aus Fantasy und realistischem Storytelling: David Smith ist einer von vielen. Einer von vielen David Smiths und einer von vielen jungen Künstlern. Der Bildhauer hatte bereits seine five minutes of fame, dann ging es wieder steil bergab. Ein falsches Wort im Kunstbetrieb, und David wurde abgekanzelt. Seitdem – das ist nun fünf Jahre her – läuft so gut wie nichts mehr. Als er sich eines Abends zwischen Selbstmitleid und Resignation in einem Diner besäuft, trifft er zufällig Onkel Harry. Die Überraschung ist groß, und schon plaudern sie über alte Zeiten, die Familie und schließlich auch über Davids Probleme. Harry fragt, was er für den Erfolg geben würde. „Mein Leben!“, platzt es aus David heraus, nicht wissend, dass er gerade einen Deal mit dem Tod abschließt. Denn sein Onkel – das fällt dem Betrunkenen erst jetzt auf – ist ja schon lange Tod. Der Deal: David kann von nun an alles mit seinen bloßen Händen formen, der Preis ist sein Leben. 200 Tage hat er von nun an noch, und die nutzt er für neue Arbeiten, damit nach seinem Tod mehr von ihm übrig bleibt als von den vielen anderen David Smiths im Telefonbuch. Dann trifft er eine Frau und verliebt sich …

McCloud – das muss man nach der Lektüre von „Der Bildhauer“ in aller Deutlichkeit sagen – ist ein begnadeter Erzähler. Wie der Autor Spannung aufbaut, von actionreichen zu ruhigen, emotionalen Szenen wechselt, mit Erzählgeschwindigkeit spielt und zwischen Fantasy-Elementen und genau beobachtetem Realismus hin und her wechselt, ist nicht nur souverän, sondern auch immer im Sinn der Geschichte eingesetzt. Und auch die ist in seiner Reichhaltigkeit an Themen und seiner klugen Ausformulierung äußerst gelungen: Nicht nur der existentialistische Kern der Handlung, der über das Leben, das Leben in Gemeinschaft und die Liebe philosophiert, sondern auch der Rahmen, der auf die Kunst und den Kunstbetrieb blickt, ist wohl durchdacht und beflügelt die Fantasie. Was die Fantasy betrifft: Die fantastischen Elemente sind mitunter ebenso kitschig geraten wie die Werke von David Smith, die der Leser zu Gesicht bekommt. Aber das sollte bei McCloud, der nicht nur gerne Superhelden-Themen bearbeitet, sondern auch in digitaler Ästhetik gestaltet, nicht all zu sehr verwundern. Sein etwas sperriger Zeichenstil ist noch am ehesten kritikwürdig, da er die Empathie des Lesers für die Figuren hemmt. Allerdings sind die Figuren in „Der Bildhauer“ wesentlich lebendiger gestaltet als die schematischen Figuren in seinen Theoriewerken. Und dank der Kraft der erzählerischen Umsetzung kämpft man am Ende tatsächlich mit den Tränen.
(Carlsen)

Zuerst erschienen in Strapazin 119