Mutanten-Stadl
„Men & Chicken“ von Anders Thomas Jensen

Mænd og Høns Nikolaj Lie Kaas & Mads Mikkelsen Directed by Anders Thomas Jensen Produced by Tivi & Kim Magnusson M&M Production Photo Credit Rolf Konow

 

Einer schräger als der andere! Aber zunächst sind da nur die beiden Brüder Gabriel und Elias, deren Vater ihnen auf dem Sterbebett eine Videoaufzeichnung mitgibt, auf der er ihnen ein Geheimnis von großer Tragweite mitteilt: Ihre Eltern waren nicht ihre biologischen Eltern und außerdem haben sie unterschiedliche Mütter. Während ihr fast hundertjähriger Vater auf einer kleinen dänischen Insel lebe, seien ihre Mütter im Kindbett gestorben. Der Schock sitzt tief, vor allem bei dem etwas dümmlichen, permanent masturbierenden Elias, der stets die Nähe seines Bruders sucht. Gabriel – Evolutionspsychologe und Philosoph mit Lehrstuhl – ist hingegen ganz froh, dass Elias anscheinend nur noch sein Halbbruder ist. Dennoch machen sie sich gemeinsam auf und reisen zu der fast menschenleeren Insel, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. Auf einem halb verfallenen Gut treffen sie auf drei weitere Söhne ihres Vaters – einer verrückter als der andere – und unzählige Tiere, die im ganzen Haus umherlaufen. Im oberen Geschoss liegt ihr erkrankter Vater. Doch dort lassen ihre neuen Halbbrüder sie nicht hin. Gabriel will das nicht hinnehmen und stellt Forschungen an. Langsam erhärtet sich ein grausamer Verdacht…

Anders Thomas Jensens Kinoerfolge „Dänische Delikatessen“ und „Adams Äpfel“ liegen schon eine Weile zurück – seit „Adams Äpfel“ sind nun schon zehn Jahre vergangen. Für seinen neuen Film hat sich der Meister des Schwarzen Humors ein wenig Zeit gelassen, doch spätestens, wenn die Handlung auf der Insel angekommen ist und das fein säuberlich heruntergekommene Setting mit viel Liebe zum Detail eine bedeutende Nebenrolle im Film einnimmt, vergisst man das. Gedreht wurde unter anderem in einem riesigen, halb zerfallenen ehemaligen Sanatorium in Brandenburg, während die Aufnahmen von der Insel in Dänemark realisiert wurden. Auch die digitalen Spezialeffekte lassen den im Vergleich zu den Vorgängern größeren Aufwand erahnen. Cast und Crew speisen sich hingegen zum Teil immer noch aus den Zeiten von „Adams Äpfel“: Drei der fünf Hauptrollen sind mit Darstellern aus dem erfolgreichen Vorgänger besetzt, allen voran Mads Mikkelsen als Elias, der mit einem unglaublichen Style und einem tumben Charakter nicht nur beim ersten Auftritt alleine durch seine Präsenz für einen Lacher sorgt. Tatsächlich funktioniert der Film aber auf den unterschiedlichsten emotionalen Ebenen. Da gibt es eben jenes Äußere und den Schwachsinn der Hauptfiguren. Dann überrascht der Film mit einigen Slapstickeinlagen, die in ihrer brachialen Art an die Frühgeschichte des Films erinnern. Dann gibt es natürlich den finsteren Humor, den man von Regisseur und Drehbuchautor Jensen gewohnt ist. Und schließlich entfaltet der Film zunehmend einen tiefen Humanismus, der einen am Schluss bei allem Irrsinn regelrecht berührt zurücklässt.

Jensens „Chicken & Men“ geht an die Abgründe des menschlichen Daseins. Genau dadurch erfasst er das Menschsein in seiner ganzen Bandbreite und erinnert darin vor allem an große alte Horrorklassiker wie „Frankenstein“ oder „Freaks“.

(Bundesstart: 2.7.2015)