Am falschen Lagerfeuer
„Slow West“ von John Maclean

Slow west

 

 

 

 

 

 

 

Es ist immer wieder anregend, im Kino völlig unerwartet und ohne großes Vorwissen überrascht zu werden. „Slow West“ ist der perfekte Kandidat für eine solche Überraschung: Das Debüt von John Maclean ist ein Western, der seinen Titel ernst nimmt, ansonsten aber eher spielerisch mit dem Genre umgeht: Der 16-jährige Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee, „The Road“, „Let Me In“, „X-Men: Apocalypse“) ist im Wilden Westen des Jahres 1870 völlig auf sich gesellt. In Schottland war der Sohn eines Gutsbesitzers in Rose (Caren Pistorius), die ältere Tochter eines benachbarten Landarbeiters verliebt. Für Rose ist es nur eine Freundschaft, während sich der heranwachsende Jay ernsthaft Hoffnungen macht. Als Jays Vater im Streit mit Roses Vater umkommt, müssen Rose und ihr Vater nach Amerika fliehen. Der naive Jay reist ihnen nach und findet sich plötzlich zwischen Räubern und Mördern wieder. Als er auf den einsamen Revolverheld Silas (Michael Fassbender) trifft, bietet der ihm gegen Geld seinen Schutz an. In Wahrheit führt Silas aber anderes im Schilde: Im Gegensatz zu Jay weiß er, dass auch hier ein hohes Kopfgeld auf Rose und ihren Vater ausgesetzt ist. Er will sich von Jay zu den beiden führen lassen, um das Geld zu kassieren. Doch nicht nur Silas ist scharf auf das Geld: Seine ehemaligen Bandenmitglieder um den brutalen Payne (Ben Mendelsohn) sind ihnen auf den Fersen und wollen Rose und ihren Vater – lebendig oder tot.

Ungewöhnlich und kostbar
„Slow West“ reiht sich in eine Handvoll ungewöhnlicher neuer Western ein, die in den letzten Jahren die Möglichkeiten des Genres neu ausloteten. Sei es „Django Unchained“ von Tarantino, der nach seiner antirassistischen Gewaltorgie Anfang 2016 mit „The Hateful Eight“ nachlegt, sei es Tommy Lee Jones‘ feministischer Western „The Homesman“ oder Kelly Reichardts zwischen Realismus und Psychedelic oszillierendes Siedlerdrama „Meek‘s Cutoff“. Im Gegensatz zu den genannten Filmen von gestandenen Filmemachern und Filmemacherinnen ist „Slow West“ ein Debüt. Umso ungewöhnlicher wird der Film dadurch, dass Regisseur John Maclean ein Schotte ist, der seinen selbstverständlich in Amerika angesiedelten Western mit einem weitgehend australischen Cast in Neuseeland gedreht hat. Als Hauptdarsteller konnte er keinen Geringeren als den gefeierten Charakterdarsteller Michael Fassbender („Inglourious Basterds“, „Shame“, „X-Men: Erste Entscheidung“) gewinnen. Wie passt das alles zusammen?

Es passt gut zu der Tatsache, dass Regisseur John Maclean kein gelernter Regisseur ist, sondern Quereinsteiger. Nach seinem Kunststudium gründete er mit Freunden die erfolgreiche Indie-Band The Beta Band, nach deren Ende es mit The Aliens weiterging. Keyborder Maclean war bei beiden Bands für den Großteil der Videos verantwortlich. Es folgten zwei Kurzfilme, für die er Michael Fassbender als Darsteller gewinnen konnte. Die Zusammenarbeit verlief so gut, dass dessen Produktionsfirma Macleans ersten Spielfilm produzieren wollte, so dass Maclean die Rolle des Silas Fassbender gleich auf den Leib schreiben konnte. Wie der junge Clint Eastwood füllt Fassbender die Leinwand alleine mit seiner coolen Präsenz. Die Story um den jungen Jay erinnert hingegen immer wieder an eine Traumreise. Ähnlich wie in Jim Jarmuschs Kultfilm „Dead Man“, wo Johnny Depp einen ähnlich unbedarften Jüngling wie Jay im Wilden Westen spielt, wird „Slow West“ zunehmend von einer surrealen Stimmung durchzogen. Und auch der leicht angedunkelte Humor erinnert in seiner Leichtigkeit eher an Jarmusch denn an den wirklich schwarzen Humor von Tarantino oder auch den Coen-Brüdern in ihrem Western „True Grit“, wo ebenfalls ein naiver Jugendlicher dem Westen hilflos ausgeliefert ist, bis sich ein Beschützer an seine Seite stellt. „Slow West“ erinnert auf den unterschiedlichsten Ebenen an all diese Filme. Was Macleans Debüt neben all den anderen Neo-Western aber so ungewöhnlich und kostbar macht, ist die irritierende Mischung der Zutaten, das uneinheitliche Schwanken zwischen Gewalt und Humor, Spannung und Leichtigkeit. Und es sind die vielen Details, die den mit 85 Minuten recht kurz geratenen Film so reich erscheinen lassen. Da landet einer aus Versehen am Lagerfeuer der Kontrahenten, wird aber im allgemeinen Alkoholismus ohne großes Aufsehen integriert. Da verbindet ein Blick zu einem fernen Gewitter unsere Helden mit ihrer ungewissen Zukunft auf eine Art, die man im Kino noch nicht gesehen hat (und auch nur bemerkt, wenn man genau hinsieht). Da erwächst aus einer harmlosen Szene beim Krämer eine bis ins Mark erschütternde Verzweiflung, die kurz darauf in einer merkwürdig surrealen Musikszene mitten in der einsamen Prärie aufgefangen wird.

Unorthodoxer Freiheitsdrang
Bei aller Stilisierung vermittelt „Slow West“ einen realistischen Eindruck von der Bedrohlichkeit und der Willkürlichkeit des Lebens im Wilden Westen. Denn zwischen Humor, Poesie und Skurrilität schleichen sich immer wieder Szenen ein, die nicht nur von der Brutalität, sondern auch von der damaligen Einsamkeit künden und diese nicht als Freiheit glorifizieren. Das erfrischende an „Slow West“ ist sicher der Biografie von John Maclean geschuldet. Wann sieht man schon einen Western, der den unorthodoxen Freiheitsdrang eines autodidaktischen Musikvideo-Regisseurs und zugleich den naiven Geist eines Kino-Debüts in sich trägt?