„Ein schöner kleiner Krieg“ von Marcelino Truong

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Marcelino Truongs Vater ist Diplomat der Republik Vietnam in den USA. Doch 1961 wird er ins Heimatland zurückberufen, und mit ihm ziehen seine französische Frau und die drei Kinder nach Saigon, die Hauptstadt des seit 1955 unter Präsident Ngô Đình Diệm krisengeschüttelten südlichen Teils von Vietnam. Der kleine Marcelino, sein älterer Bruder und die große Schwester nehmen die verstärkte Militärpräsenz und die häufigen Zwischenfälle in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land mit Neugierde, Staunen und Abenteuerlust. Die Mutter hingegen versetzen die immer näher an Saigon heran getragenen Kriegsereignisse zunehmend in Besorgnis, die sich schon bald in einer bipolaren Störung äußert, die die ganze Familie zusätzlich in Mitleidenschaft zieht. Kurz danach wird Präsident Ngô Đình Diệm geputscht, Kennedy erschossen und die USA treten offiziell in den Vietnamkrieg ein. Die Eskalation des Konflikts, der sich insgesamt über 20 Jahre noch bis ins Jahr 1975 hinziehen sollte, ist Geschichte.

So nah dran ist man selten: Truong, der in Frankreich unter anderem politische Wissenschaften studierte, hatte für seine Geschichte nicht nur die üblichen Recherchemittel zur Hand. Er konnte außerdem seine Familie nach den historischen Ereignissen befragen, vor allem seine Mutter und natürlich seinen kurz vor Veröffentlichung der Originalausgabe von „Ein schöner kleiner Krieg“ im Jahr 2012 verstorbenen Vater. Denn der ging Anfang der 60er Jahre im Präsidentenpalast ein und aus und war der persönliche Dolmetscher für den autoritär und brutal regierenden Diệm.

Truong wechselt in seiner mit kantigem Strich und dem Flair der 60er Jahre gezeichneten autobiografischen Geschichte immer wieder die Erzählperspektive: Mal ist er mitten im familiären Leben der Truongs und sieht den Konflikt durch die Kinderaugen, dann erklärt er die Hintergründe oder korrigiert die Perspektive der Kinder. Und er kann heute, mit dem zeitlichem Abstand, natürlich auch eine andere Position einnehmen als seine Eltern, die mehr verstanden als die Kinder, den Konflikt damals aber sicher selber nicht immer ganz überblicken konnten. Truongs Fazit heute: Sich gegen den Kommunismus zu wehren, war berechtigt. Aber man hätte es ohne die amerikanischen Soldaten tun müssen, denn dass habe den Konflikt eskalieren lassen. Heute hingegen frage man sich, wofür das alles, den in Vietnam regierten nun „rote Kapitalisten“ (Egmont).