Arrogant und Armselig
„Ich und Kaminski“ von Wolfgang Becker

Ich und Kaminski

 

 

 

 

 

 

 

Blickt man hinter die Kulissen der neuesten Produktion von X-Filme, der Firma der Regisseure Tom Tykwer, Dany Levy, Wolfgang Becker und dem Produzenten Stefan Arndt, dann wirkt „Ich und Kaminski“ wie der am Reißbrett erdachte Kinoerfolg: Als Vorlage dient der gleichnamige Bestseller-Roman von David Kehlmann. Inszeniert hat die in der Kunstwelt angesiedelte Satire Wolfgang Becker, Regisseur von solchen Kinoerfolgen wie „Das Leben ist eine Baustelle“ und „Good Bye, Lenin!“. In der Hauptrolle ist der inzwischen internationale Star Daniel Brühl („Good Bye, Lenin!“, „Rush“) zu sehen. Das könnte zum einen die Massen ins Kino locken. Zum anderen könnte ein solch kalkuliertes Produkt zur stromlinienförmigen Langeweile erstarren.

Aber schon der Vorspann macht klar: Die Filmemacher haben offensichtlich Spaß an dem, was sie da machen. Das Intro lässt das Leben des alten Malers Kaminski Revue passieren und baut die fiktive Figur raffiniert und vor allem humorvoll in die historischen und kunsthistorischen Ereignisse der letzten 50 Jahre ein. Im Stechschritt und mit unzähligen charmanten Anspielungen aus der Kunstwelt landet der Zuschauer schon nach wenigen Minuten etwas schwindelig bei der selbstsüchtigen Hauptfigur: Sebastian Zöllner (Daniel Brühl) will endlich seinen Erzrivalen, den Kunsthistoriker Golo Moser ausstechen. Eigentlich will er es aber der ganzen Welt zeigen. An Selbstwertgefühl mangelt es Zöllner nicht, leider steckt da aber auch eine ganze Menge Arroganz und Selbstüberschätzung drin. Von außen betrachtet ist der karrieregeile Snob nämlich ein erbärmlicher Typ, der seine ganze Umgebung ohne Skrupel ausnutzt. Sein neuester Clou soll eine exklusive Biografie des inzwischen erblindeten Malers Kaminski sein, von dem er hofft, dass ihn bald das Zeitliche segnet und sein Marktwert somit steigt. Als sich Zöllner in Kaminskis Rückzugsort in den Bergen einschleicht und dort im Keller neue Bilder des angeblich nicht mehr malenden Künstlers findet, scheint er einen Glückstreffer gelandet zu haben. Kurzerhand schnappt er sich den gebrechlichen Maler, um ihn auf der Suche nach exklusiven Details aus dessen Leben mit seiner Jugendliebe zusammenzubringen. Doch Kaminskis Biografie wird immer widersprüchlicher, und langsam muss sich Zöllner fragen, wer hier wen manipuliert.

„Ich und Kaminski“ kann über lange Strecken das zu Beginn vorgelegte Tempo aufrechterhalten. Vor allem der brachiale Humor über den unfreiwillig komischen Zöllner gibt dem Film einen angenehm spröden Charakter. Daniel Brühl gibt auf überraschend gelungene Art das journalistische Arschloch, das über Leichen geht und den wirklich niemand mag. Neben Brühl ist ein internationales Cast mit u.a. dem Dänen Jesper Christensen als Kaminski, Denis Lavant, Jördis Triebel und Geraldine Chaplin als Kaminskis Jugendliebe auf der Leinwand zu sehen. Reißbrett oder nicht – den Filmemachern ist eine vergnüglich-flotte Reise in die Abgründe der Kunstwelt gelungen.

(Bundesstart: 17.9.2015)