Fremd im eigenen Land
„Der Staat gegen Fritz Bauer“ von Lars Kraume

Die Heimatlosen / Fritz Bauer (AT)Regie: Lars KraumeKamera: Je

 

 

 

 

 

 

 

„Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“, hat der jüdische Jurist Fritz Bauer einmal gesagt. Er hat diesen Satz nicht in den späten 20er oder frühen 30er Jahren ausgesprochen, nachdem er zum jüngsten Amtsrichter im Deutschen Reich aufgestiegen war. Er hat ihn in der Nachkriegszeit gesagt. Als 1949 zurückgekehrter deutscher Jude war er vielen Kollegen ein Dorn im Auge. Die hatten nicht nur etwas gegen ‚den Juden‘, sie hatten auch wenig Interesse daran, dass Nazis zur Rechenschaft gezogen werden, hatten viele von ihnen doch selber Karriere im Nationalsozialismus gemacht.

Die Kontinuität der Machtverhältnisse in der Nachkriegszeit reflektiert bereits der Titel von Lars Kraumes Spielfilm. Man kann sich heute nur schwer vorstellen, dass vor dem Beginn der Studentenbewegung Mitte der 60er Jahre der Nationalsozialismus an allen entscheidenden Positionen in Politik und Wirtschaft weiterwirkte. Und das in der Regel mit dem Segen deutscher Demokraten und auch der Besatzungsmächte. Denn längst war ein anderer Feind im Osten Europas viel wichtiger geworden als moralische Fragen zur Vergangenheit deutscher Amtsträger. Diese gespenstische, unausgesprochene Vereinbarung, die auch Bauers berühmtes Zitat spiegelt, vermittelt der Film sehr eindringlich. Lars Kraumes Film durchweht durchgehend eine bedrückende Stimmung: Mit entsättigten Bildern und einer dialoglastigen Handlungsebene konzentriert sich der Film auf den Diskurs, den Bauer im fröhlich-verdrängenden Deutschland – Heimatfilm und Schlager erfüllten ihre Aufgabe vorzüglich – anstoßen wollte. Der im letzten Jahr entstandene Film „Im Labyrinth des Schweigens“ (Deutschlands Beitrag für denn Auslands-Oscar) von Giulio Ricciarelli über das Zustandekommens der Auschwitz-Prozesse spielte den Kontrast zwischen fröhlichem Wirtschaftswunder und historischer Wunde noch viel publikumswirksamer aus als Kraume. In Ricciarellis Film ist Fritz Bauer auch nur eine Nebenfigur, die Hauptrolle spielt ein junger Anwalt. Lars Kraume räumt Bauer hingegen die Hauptrolle des aufrechten Helden ein, die ihm historisch zusteht und weswegen schon Christian Petzold seinen letzten Film „Phoenix“ über das kollektive Trauma im Nachkriegsdeutschland dem standhaften Juristen gewidmet hatte.

Auch „Der Staat gegen Fritz Bauer“ arbeitet mit Konventionen: Ronald Zehrfeld spielt an der Seite des beeindruckenden Burghart Klaußner als Fritz Bauer den jungen, dynamischen Anwalt Karl Angermann. Doch die Konventionen werden gleich wieder unterwandert, denn die fiktive Figur Angermann dient nur dazu, weitere interessante  Facetten Bauers ins Licht zu rücken. Und so gelingt Kraume eine Gratwanderung zwischen unterhaltendem Historiendrama und sehr akkurater Geschichtsschreibung, das weder dem Pathos noch der Weichzeichnung verfällt.

Bundesstart: 1.10.2015