Mit klarem Blick
„The Look of Silence“ von Joshua Oppenheimer

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Deutschland, 1985 – ein Dreh für einen Dokumentarfilm: Der Bruder eines im Dritten Reich ermordeten Juden sitzt vor dessen Mörder und fragt nach den Hintergründen der Tat. Der Täter gibt bereitwillig Antwort und brüstet sich auch noch mit seiner Brutalität. Als ihm die Fragen seines Gegenübers aber zu vorwurfsvoll werden, droht er vor laufender Kamera: „Wollen Sie, dass das wieder passiert.“ Ein unvorstellbares Szenario, und es hat so auch nie stattgefunden. Zumindest nicht in Deutschland. Diese Szene ereignete sich vor wenigen Jahren in Indonesien. Der Bruder von Adi wurde 1965 bei einem Massaker getötet, vor ihm sitzt einer der Täter. Der Unterschied zum eingangs beschriebenen Szenario: Obwohl Indonesien mittlerweile als Demokratie gilt, werden die Täter nicht verfolgt. Im Gegenteil: Sie gelten im Land nach wie vor als Helden.

Täter an der Macht
Indonesien 1965: Nach einem den Kommunisten in die Schuhe geschobenen Putschversuch gegen den amtierenden Präsidenten Sukarno nutzen General Suharto und Teile der Armee die Gunst der Stunde und reißen die Macht an sich. Bis 1967 ist Sukarno nur noch auf dem Papier Präsident, die folgenden 30 Jahre führt Suharto die Militärdiktatur in Indonesien an. Mit Hilfe von Paramilitärs ging er 1965 gegen (vermeintliche) Kommunisten vor und  legitimierte den Genozid an 500.000 bis 3 Millionen Menschen. Es wurden KZs errichtet, es wurde gemordet und gefoltert. Die Führer der paramilitärischen Einheiten leben noch heute, ihre Organisationen gehören heute zu den größten nichtstaatlichen Vereinigungen des Landes und arbeiten eng mit der Regierung zusammen. Auf dieses Szenario stößt der amerikanische Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer im Jahr 2002. Er arbeitet an einem Film über die Ausbeutung der Arbeiter auf Palmölplantagen in Indonesien und trifft dabei auf die Familien der Opfer der Massaker von 1965. Bei dem Versuch, dieses neue Thema anzugehen, stößt er schnell auf Widerstände – durch Politiker, Firmen und sogar NGOs. Denn sie alle waren in die Massaker und das darauf folgende Unrechtsregime involviert. Oppenheimer entscheidet sich, das Konzept des Films auf den Kopf zu stellen. Denn im Gegensatz zu anderen Genoziden in Deutschland, Kambodia, Ruanda oder Südafrika sind die Täter noch an der Macht, müssen nichts leugnen, sich nicht herausreden – sie können sich sogar mit ihren Taten brüsten. Als Oppenheimer mit einigen Tätern Kontakt aufnimmt, um mit ihnen über ihre Greueltaten zu sprechen, stehen plötzlich alle Türen offen: Bereitwillig geben sie Auskunft und erzählen stolz von ihren Greueltaten.

Radikale Trauerarbeit
Statt des ursprünglich geplanten Films über die Opfer macht Oppenheimer mit „The Act of Killing“ im Jahr 2012 einen entlarvenden Film über die Täter. In Indonesien wird der Film zunächst nicht gezeigt, da das den ursprünglich geplanten Film über die Opfer gefährdet hätte, der nun mit „The Look of Silence“ in die Kinos kommt: Ramli ist eines der bekanntesten Opfer des Genozids, da der Mord an ihm in aller Öffentlichkeit vor Zeugen geschah. Sein Bruder Adi wurde erst nach dessen Tod geboren. Nun zeigt Oppenheimer dem rund 40-jährigen Optiker sein Filmmaterial, in dem die Täter von ihren Morden erzählen. Adi möchte das Unbegreifliche begreifen und trifft sich mit den Mördern seines Bruders unter dem Vorwand einer Brillenberatung. Während der Einstellung der Sehschärfe spricht er mit seinen Kunden über die Ereignisse von 1965. Der Film zeigt die Gesichter der Menschen mit ruhiger Kamera. Zeigt, wie sie sich rechtfertigen, wie sie sich brüsten oder sogar drohen. Entschuldigungen gibt es keine. Der Film zeigt auch, wie Adi ruhig zuhört und seine Fragen stellt, wo man eigentlich nur noch heulen oder wild um sich schlagen möchte. Es ist ein ruhiger Film, der weder grausame Archivbilder benötigt noch dramatische Effekte.

Nach der Vorführung auf der diesjährigen Berlinale konstatierte Werner Herzog, einer der ausführenden Produzenten, im Gespräch mit dem Regisseur, dass der Film Stille dokumentiere. Es ist tatsächlich der Versuch einer Trauerarbeit, die nicht Rache antreibt, sondern sich nach Versöhnung sehnt und ein Gespräch in Gang setzen möchte. Doch die ist nur möglich, wenn die Täter Reue zeigen würden. Adi teilt seine Sehnsucht mit dem jüdischen Juristen Fritz Bauer, dessen Versuch, das Schweigen im Nachkriegsdeutschland zu brechen, in diesem Monat mit dem Spielfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ dokumentiert wird. Immerhin: Oppenheimers Filme haben in Indonesien und der ganzen Welt eine Diskussion angeregt, die die damaligen Ereignisse und die Rolle reflektiert, die der Westen und vor allem die USA dabei spielten. Aber auch die noch junge Demokratie in Indonesien wird erstmals offen in Frage gestellt. Das ist, obwohl Adi nach wie vor vorsichtig sein muss mit dem, was er sagt, und die indonesische Filmcrew lieber anonym bleibt, ein großer Erfolg. Nicht mehr die Mörder werden öffentlich gefeiert, sondern diejenigen, die sie kritisieren.

(Bundesstart: 1.10.2015)