Der gute Ruf der Firma
„El Club“ von Pablo Larraín

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In einem kleinen Dorf an der Küste Chiles steht ein Haus. Darin wohnen vier ältere Männer. In ihrer Mitte ist eine Frau, die den Haushalt besorgt und den korrekten Tagesablauf überwacht. Denn das Leben derer, die hier wohnen, läuft nach strengen Regeln ab: Frühstück, Mittag- und Abendessen, Freizeit, Verhaltensregeln außerhalb des Hauses – all das ist streng geregelt. Auch die Gebete, der Gesang und die Messe. Denn in diesem Haus wohnen Priester. Es ist ein Ort des Rückzugs. Doch freiwillig ist niemand von ihnen hier. Die Kirche hat sie in dieses Exil geschickt. Sie alle haben Fehler begannen, schwere Fehler. Fehler, die eigentlich einer weltlichen Gerichtsbarkeit unterliegen würden. Doch die Kirche hat eine interne Regelung gefunden und die Täter ins Exil geschickt. So gehen sie straffrei aus und Leben ein in relativ unaufgeregtes, vielleicht auch langweiliges und eintöniges, aber insgesamt recht angenehmes Leben. Das Haus ist ein kirchliches Altersheim für Kinderschänder, Kinderhändler, Unterstützer der Militärdiktatur und andere Straftäter. Neben einigen Auflagen sind auch „alle Formen von Selbstgeißelungen und selbst gewählten Vergnügungen verboten“.

Blick in die Finsternis
„El Club“ spielt an einem Küstenort mit breitem Strand, aber eine lichtdurchflutete Club-Med Atmosphäre ist von Pablo Larraíns neuem Film nicht zu erwarten. Zwar hatte der chilenische Regisseur für den Vorgänger „¡No!“(2012) um die PR-Kampagne zum nationalen Referendum gegen die Diktatur von Pinochet im Jahr 1988 außerordentlich freundlich schimmerndes Bildmaterial verwendet. Das lag aber daran, dass er das viele zeitgenössische Archivmaterial aus den 80er Jahren fast bruchlos in seinen Film einbauen wollte. Für „El Club“ musste eine neue Bildidee her, und Larraín erinnerte sich an einen Küstenort mit einem ganz eigenen, verschwommenen, düsteren Licht, dass die Praxis der Kirche im Umgang mit internen Verfehlungen gut spiegelt. „Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis“: Larraín stellt seinem Film dieses Bibelzitat voran. Die Finsternis, in die der Film blickt nennt sich Kirche. Gleich zu Beginn des Films kommt ein neuer Bewohner ins Haus. Er wird von einer eleganten schwarzen Karosse gefahren und sogleich von Schwester Monika in das Regelwerk des Hauses eingewiesen. Als kurz darauf ein verwahrloster Mann vor dem Gartentor auftaucht und den Neuen laut hörbar anruft und ihm die sexuellen Übergriffe, die Vergewaltigung, mit der er sich an ihm schuldig gemacht hat, mit deutlichen Worten in Erinnerung ruft, lässt die Gelassenheit der Bewohner nach. Dem Neuen wird eine Pistole in die Hand gedrückt, mit der er den Mann am Zaun erschrecken soll. Es geschieht ein Unglück, und schon bald reist ein neuer Geistlicher an. Der ist jedoch nicht Strafversetzt wie die anderen, sondern er soll die Umstände des Unglücks untersuchen und für Aufklärung sorgen. Nun kommt Bewegung in die ungewöhnliche, von außen so unscheinbar anmutende Wohngemeinschaft, und es offenbart sich schnell: Keiner hier übernimmt Verantwortung – weder für seine Taten aus der Vergangenheit, noch für die der Gegenwart. Immer gibt es gute Gründe, Rechtfertigungen. Und keiner zeigt Reue, keiner Barmherzigkeit. Auch wenn das Leben in diesem Haus von außen sehr religiös aussieht – christliche Tugenden findet man hier keine.

Buße ohne Reue
Anders als viele der Filme, die sich in den letzten Jahren mit der Thematik moralisch entgleister beziehungsweise verbrecherisch handelnder Kleriker auseinandersetzten, widmet sich „El Club“ den ambivalenten und widersprüchlichen Aspekten des Themas aus einer ganz merkwürdigen, dem Thema fast unangemessen erscheinenden, sehr undramatisch beobachtenden Perspektive. „El Club“ erforscht in der kargen Küstenlandschaft Chiles, die an ein verregnetes Schottland oder ein wolkenverhangenes Irland erinnert, das System der Kirche in fein geschliffenen Dialogen, die eines subtilen  und düsteren Humors nicht entbehren. Das merkwürdige System aus Sünde und Sühne, aus Offen- und Verschlossenheit wie bei der Beichte, aus gefühlsbetonter Herzenssache und eiskalter, regelgesteuerter Ideologie entfaltet sich in Larraíns ruhigem, oft absurd anmutenden Drama ganz langsam, bis der Film schließlich doch auf seinen überraschenden und überraschend spannenden Höhepunkt zusteuert.

Man kann sich das Szenario des Films übrigens auch gut im Bankenwesen vorstellen, wo eventuell Mitarbeiter mit illegalen Machenschaften in einer Villa an der Côte d’Azur ins Exil geschickt werden. Nicht um zu büßen, sondern um den PR-Schaden von der Firma abzuwenden. Bei der Kirche und ihrem Umgang mit illegalen Machenschaften ihrer Mitarbeiter scheint es häufig nicht sonderlich anders zu laufen, denn diese Rückzughäuser für Priester gibt es tatsächlich. Und auch hierzulande kennt man das: Nicht die Frage der Moral ist in der Institution das entscheidende Thema, sonder der gute Ruf der Firma.

Bundesstart: 5.11.2015