„Die Mauer“ von Céline Fraiponts und Pierre Baillys

Die_Mauer

Trotz der Thematik ist kaum zu erwarten, dass mit Céline Fraiponts und Pierre Baillys (Autoren der Kindercomic-Reihe „Kleiner Strubbel“) Graphic Novel „Die Mauer“ ein jugendliches Publikum bzw. Leserinnen im Alter der Protagonistin anvisiert werden. Zu düster, zu traurig für Dreizehnjährige, denkt man spontan. Die 13-jährige Rosie ist mir den Gefühlswirren der Pubertät völlig allein gelassen – und das darf man durchaus wörtlich nehmen, denn Rosie lebt tatsächlich so gut wie alleine: Die Mutter ist mit einem Liebhaber durchgebrannt und schreibt sporadisch fröhliche Postkarten aus Dubai, mit denen sie sich arglos nach dem Befinden ihrer Tochter erkundigt. Aber auch der alleinerziehende Vater ist ständig auf Reisen, so dass von Erziehung eigentlich nicht mehr die Rede sein kann. Einzig die beste Freundin gibt Rosie noch halt. Doch als deren Eltern den Umgang der beiden Mädchen verbieten, steht Rosie ganz alleine da. In ihrer grenzenlosen Einsamkeit, die sie allerdings für sich behält, entdeckt sie den Whisky im elterlichen Wohnzimmer, und schließlich geht sie auch immer seltener zur Schule. Eines Tages trifft sie an ihrem Lieblingsplatz, einer ruhig gelegenen Mauer in ihrer Nachbarschaft, den 16-jährigen Jo, der ebenfalls alleine wohnt und vollkommen auf sich gestellt ist. Seine Einsiedelei scheint aber selbst gewählt, und außerdem hat der mit New Wave-Musik sozialisierte noch eine Clique, mit der er ab und zu durch die Gegend zieht, Drogen nimmt und auf Konzerte geht. Jo zeigt wortlos Verständnis für Rosie, und die fühlt sich sofort verstanden, auch wenn das Verständnis eher abstrakt ist und vielleicht auch etwas oberflächlich. Aber endlich kümmert sich jemand um sie, zwingt sie zu nichts und stellt nicht einmal dumme Fragen. Die düsteren, mit starken Schwarzweiss-Kontrasten arbeitenden Zeichnungen machen „Die Mauer“ zu einer todtraurigen und sehr berührenden Erzählung, die einem die Tränen in die Augen treibt. „Die Mauer“ erzählt abseits der Unterschichtsklischees außnahmsweise einmal von vernachlässigter Aufsichtspflicht in einer selbstsüchtigen Mittelschichtsfamilie. Und vielleicht ist das ein Thema, das in Zeiten des Selbstverwirklichungsdrangs viel häufiger anzutreffen ist, als man zunächst glaubt. Vielleicht kann man das doch dreizehnjährigen LeserInnen zumuten. Die wissen wahrscheinlich besser, wovon die Rede ist als jeder Andere (Panini Comics).