Dialogisches Gemetzel
„The Hateful Eight“ von Quentin Tarantino

THE HATEFUL EIGHT

 

 

 

 

 

 

 

Keine Frage, der neue Film von Quentin Tarantino spaltet mehr denn je: Die einen nennen ihn im besten Fall langweilig, empfinden den Film häufig aber auch als höchst unmoralisch. Die anderen feiern den Film für seine Dialoge, seine Bilder, seinen Spannungsaufbau und nicht zuletzt für seine oft auf Gewalt gründende Komik (ja, fiktionale Gewalt kann komisch sein, siehe Dick & Doof, Tom & Jerry etc.). „The Hateful Eight“ scheint Tarantinos extremstes Werk seit seinem Debüt „Reservoir Dogs“ zu sein, verfolgt gegenüber dem Erstling allerdings eine Mission.

Krimi-Kammerspiel
Angetrieben von einem herannahenden Schneesturm, rast eine Kutsche durch die verschneite Landschaft Wyomings. Darin sitzt der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) mit der Banditin Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), die er dem Henker übergeben will. Erst hält ihn der Schwarze Major Marqis Warren (Samuel L. Jackson) auf, ebenfalls Kopfgeldjäger und ehemals Soldat der Nordstaaten im wenige Jahre zurückliegenden amerikanischen Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865. Dann ersucht auch Chris Mannix  Zuflucht in der Kutsche. Er gibt vor, der neue Sheriff des nahe gelegenen Red Rock zu sein und ist passionierter Rassist (Walton Goggins spielt ihn lustigerweise wie das Klischee eines funny black Sidekicks). Widerwillig nimmt Ruth die beiden auf und sie erreichen gerade noch Minnies Kleinwarenladen, bevor der Sturm über sie hereinbricht. Im Laden befinden sich ungewöhnlich viele Reisende, die alle kurz vor dem Sturm hier gestrandet sind. Wer hingegen fehlt: Minnie und ihre Angestellten, die normalerweise den Laden mit größter Fürsorge und Freundlichkeit schmeißen. Stattdessen ist der Mexikaner Bob vor Ort, laut eigener Aussage, um Minnie zu vertreten, während sie ihre Mutter besucht. Das kommt zunächst nur Major Warren merkwürdig vor, aber die Unstimmigkeiten verdichten sich ebenso wie die Anspannung zwischen den in der kleinen Hütte eingepferchten Revolverhelden. Die zahlreichen, recht locker sitzenden Pistolen machen die Situation kaum gemütlicher.

Anspannung und Ausbruch
In den ersten zwei Stunden kann man „The Hateful Eight“ ohne Weiteres als Dialogfilm bezeichnen, der nach relativ kurzer Zeit auch noch zum Whodunit-Kammerspiel à la Agatha Christie wird. Kein Wunder, dass die Bühnenaufführung von „The Hateful Eight“ ein derartiger Erfolg war. Denn nachdem das Drehbuch 2013 geleakt wurde, wollte Tarantino das Projekt eigentlich an den Nagel hängen und hat stattdessen eine dialogische Lesung mit den Darstellern zur Aufführung gebracht. Erst der Erfolg der öffentlichen Drehbuchlesung veranlasste den Regisseur, das Filmprojekt wieder anzuschieben. Aber trotz der Bedeutung der Dialoge in diesem extrem langsam erzählten Film ist Tarantino ein Film- und kein Theatermensch. Das Visuelle ist sein Metier, hier spielt er seine Meisterschaft, aber auch sein Nerdtum aus. Alleine die erste Einstellung sagt alles über Tarantinos Haltung zu diesem Medium: Zu den grandiosen Klängen von Ennio Morricones Original-Score legen sich die im Retrodesign gehaltenen Credits über eine Kameraeinstellung, die in aller gebotenen Langsamkeit das Leiden eines in Holz geschnitzten Jesus am Wegkreuz abtastet, während sich langsam besagte Kutsche nähert. So viel Zeit nehmen sich sonst nur noch der Philippine Lav Diaz, der Türke Nuri Bilge Ceylan oder der Thailänder Apichatpong Weerasethakul – aber sicher nicht das Mainstreamkino von Hollywood. Zum Einsatz kam das nur wenige Male in den 60er Jahren eingesetzte analoge Ultra Panavision 70mm-Breitbildformat, das hier aber nur selten für solch weite Landschaften genutzt wird, sondern um das komplexe Raumgefüge in der Hütte mit all seinen vielen Details auszuleuchten.

Später kommt es dann natürlich wieder, wie es kommen muss: Das Blut spritzt und Körperteile fliegen durch den Raum, wenn sich die latente Gewalt in einer Eruption leinwandfüllend in absurd übersteuerter, schräg sexualisierter und absolut ambivalenter Gewaltdarstellung Bahn bricht. Im Finale entzieht Tarantino dann auch noch den letzten beiden Figuren unsere Sympathie. Reiner Nihilismus und Zynismus? Oder realistische Einschätzung einer Gesellschaft, die Tarantino auf einer Demonstration gegen Polizeigewalt kritisierte (woraufhin die Polizei zum Boykott gegen den Film aufrief). Was man nach dem blutigen Showdown fast wieder vergessen hat: Da gab es eine Rückblende, und dort sah man vielleicht das, was der Regisseur als liebenswert und erhaltenswert erachtet. Zumindest hat er selten eine Szenerie freundlicher gestaltet als in dieser fast kindlich naiven Szene, die von Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Freiheit und einem friedlichen Miteinander – der Ethnien und der Geschlechter – erzählt. Leider scheint keine der Hauptfiguren in „The Hateful Eight“ Tarantinos Einschätzung zu teilen. Der nach „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“ dritte explizit politische Film Tarantinos ist keine revisionistische Rachefantasie wie die beiden Vorgänger, sondern enthält tatsächlich so etwas wie einen Hoffnungsschimmer. Am Ende wird für den Wunsch nach Gleichberechtigung gar Abraham Lincoln zitiert.

Bundesstart: 28.1.2016