Es geschah am hellichten Tag:
„El Clan“ von Pablo Trapero

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Es ist ein freundliches Szenario: Die angesehene Familie Puccio lebt in einem Haus in Buenos Aires, dem ein kleiner Laden angeschlossen ist. Vater Arquímedes grüßt immer freundlich, wenn er morgens den Bürgersteig kehrt, die Mutter Epifanía sorgt liebevoll für die vielen Kinder. Die jüngste Tochter Adriana ist ein typischer, lebensfroher Teenager und auch ihr Bruder Guillermo scheint ein ganz normaler Junge zu sein. Silvia ist schon erwachsen und lebt ebenso wie der älteste Sprößling Alejandro immer noch Zuhause. Auch als Alejandro eine längere Beziehung zu Mónica aufbaut, bleibt er, der bereits als Rugbyspieler in der Nationalmannschaft beachtliche Erfolge feiert, dem Familienhaus treu. Nur der Zweitälteste Maguila lebt nicht mehr im Haus, seit er unter mysteriösen Umständen nach Neuseeland ausgewandert ist. Soweit die Kulisse. Denn wenn das Radio nicht laut genug dröhnt und man sich der Kellertreppe nähert, hört man grauenerregende Schreie aus dem Untergeschoss des so unauffällig wirkenden Familienhauses.

Kontrastreiche Inszenierung
Der argentinische Regisseur Pablo Trapero hat hierzulande zum ersten Mal im Jahr 2004 mit seinem komödiantischen Roadmovie „Familia Rodante – Argentinisch reisen“ Aufmerksamkeit erregt. Mit der ungewöhnlichen Story seines Films „Löwenkäfig“ (2008)  über eine Frau, die im Gefängnis ein Kind bekommt, hat er dann einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Löwenkäfig“ ist kein leichter Film und löst unangenehme Gefühle aus. Mit „El Club“ treibt Trapero die Manipulation des Zuschauers auf die Spitze, indem er einen starken Kontrast zwischen der düsteren Handlung und seiner Inszenierung aufbaut. Ganz so, wie es das grausige Doppelleben der Puccios vormacht: Als Ältester ist Alejandro der Gehilfe bei den Plänen seines Vaters. Er lockt die der Familie meist bekannten Opfer an, sein Vater Arquímedes und zwei Komplizen kümmern sich dann um die Entführung, das Versteck im Keller des Hauses, die Lösegelderpressung und die Übergabe des Geldes. Um die Übergabe der Entführungsopfer müssen sie sich nicht kümmern, denn auch nach erfolgter Geldübergabe werden sie von den Tätern einfach ermordet. Während die jüngste Tochter lange von all dem nichts mitbekommt, flüchtet Guillermo eines Tages, weil er es nicht mehr aushält. Auch Alejandro leidet unter den Taten, kann sich hingegen von der Autorität seines Vaters nicht lösen.

Die Geschichte von „El Clan“ basiert auf wahren Begebenheiten, die sich Anfang der 80er Jahre ereigneten und national für große Aufregung sorgten. Nicht nur, weil Alejandro als Rugbyspieler einige Popularität genoss und sich niemand – am allerwenigsten seine Mitspieler, Freunde oder seine Freundin – seine Beteiligung an den Taten vorstellen konnten und noch jahrelang an einen Justizirrtum glaubten. Sondern auch, weil der Fall eine politische Ebene hatte. Denn Arquímedes war zur Zeit der Militärjunta 1976 bis 1983 für den Geheimdienst tätig und an Entführungen und Folterungen beteiligt. Mit solchen Lösegelderpressung und dem Verkauf geraubter Kinder hatte sich das Regime Geld beschafft; Arquímedes hat dann auf eigene Rechnung dieses „Geschäft“ weiter verfolgt. Gedeckt wurde er von der Militärregierung. Doch mit dem Ende der Diktatur und der Wahl des demokratischen Präsidenten Raúl Alfonsín schwand der Einfluss des Militärs und dessen Rückendeckung für Arquímedes und seine Familie.

Nachhall der Diktatur
„El Clan“ war im vergangenen Jahr der erfolgreichste Film in Argentinien. Nicht nur der große Erfolg lässt an Juan José Campanellas Thriller „In ihren Augen“ aus dem Jahr 2009 denken. Auch dort spielt der eigentlich durch seine komischen Rollen bekannte Guillermo Francella, in „El Clan“ ist er als Arquímedes allerdings komplett gegen sein Image besetzt. Und auch die Militärdiktatur spielt bei Campanella eine ähnliche Rolle, wird auch dort die Aufdeckung eines Verbrechens durch die verbrecherischen Machthaber vereitelt: Justizbeamte zeigen mit kaum verborgener Eindeutigkeit, dass sie alle Mittel haben, um ihr Gegenüber zum Schweigen zu bringen. In „El Clan“ gibt es ganz ähnliche Szenen, und die Dreistigkeit und Skrupellosigkeit, wie die Familie ihre Verbrechen am helllichten Tag durchführt, spricht deutlich von den moralischen Verschiebungen während der Diktatur. Trapero unterstreicht diesen surrealen Charakter des Szenarios mit freundlichen, sonnendurchfluteten Bildern und einem geradezu perversem Einsatz von mitreißender Filmmusik (u.a. „Sunny Afternoon“ von The Kinks), der an Tarantinos „Reservoir Dogs“ erinnert. In einer gänzlich schockierenden Parallelmontage sehen wir im Wechsel, wie Alejandro im Fond seines Autos mit seiner Freundin leidenschaftlich Sex hat, während sein Vater das zuvor von Alejandro angelockte Opfer töten. Der echte Alejandro Puccio hat nach seiner Verhaftung bis zu seinem Tod mit 49 Jahren immer wieder versucht, sich umzubringen. Diese fortgeführte Gewalt, die Traumata, zerstörte Leben, die Schuld – all das begleitet auch Argentinien seit der Diktatur bis in die Gegenwart.

Bundesstart: 3.3.2016