Vergessene Welten:
„Der Schamane und die Schlange“ von Ciro Guerra

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Zu Beginn sehen wir einen Einbaum mit einem weißen Forscher an Bord, während am Ufer des Flusses ein Ureinwohner mit unverhohlen ablehnender Haltung steht. Marco Bechis‘ Film „Birdwatchers“ aus dem Jahr 2008 beginnt ganz ähnlich wie „Der Schamane und die Schlange“: Hier ist es eine Touristengruppe, die in einem Boot an einer Gruppe von Ureinwohnern vorbeifährt. Deren Aggression ist kaum versteckt – schließlich werfen sie sogar Speere auf die Weißen. Nach einem Schnitt sehen wir wie die „Ureinwohner“ die Böschung hochklettern, sich ihre Alltagskleidung anziehen und auf die Pritsche eines Pickups klettern. Ihre schauspielerische Einlage für den keinen Nervenkitzel der Touristen ist beendet. Mehr als ein Gimmick ist von ihrer Kultur nicht geblieben. Während „Birdwatchers“ in der Gegenwart spielt, ist die Eröffnungssequenz aus Ciro Guerras „Der Schamane und die Schlange“ Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Hier gibt es noch Reste der alten Kultur, auch wenn die Kolonialisierung Jahrhunderte gewütet hat und der Kautschukboom in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sein Übriges getan hat, um die indigene Bevölkerung auszubeuten, zu versklaven und zu ermorden.

Langsames Kino
Auf dem Einbaum ist der schwer kranke deutsche Forscher Theodor Koch-Grünberg mit seinem indigenen Freund Manduca. Sie suchen nach einem Heilmittel und erhoffen Hilfe von dem Schamanen Karamakate, der sie skeptisch, ja grimmig am Ufer empfängt. Karamakate lebt alleine, seit er auf der Flucht vor den Weißen schon früh von seinem Stamm getrennt wurde. Widerwillig lässt er sich nach einigen Vermittlungsversuchen Manducas darauf ein, mit ihnen die heilende Pflanze Yakruna zu suchen. Dabei treffen sie auf andere Stämme, auf eine christliche Mission und schließlich an das Ziel ihrer Reise. 40 Jahre später macht der amerikanische Forscher Richard Evan Schultes die gleiche Reise. Auch er lässt sich führen von einem einheimischen Schamanen. Es ist derselbe Karamakate, der Jahrzehnte zuvor Koch-Grünberg begleitet hat. Doch er hat in den wenigen Jahrzehnten bereits vieles vom traditionellem Wissen seiner Ahnen verloren und scheint diesen Erfahrungsschatz nur langsam wiederzuentdecken, während er Schultes an sein Ziel führt, ohne dessen wahre Absichten zu kennen.

Ciro Guerras für den diesjährigen Auslandsoscar nominierter Schwarzweissfilm wechselt elegant zwischen den beiden Zeitebenen, die bei allen Unterschieden immer wieder Gemeinsamkeiten aufweisen. In ihrer Grundbewegung nähern sich beide Handlungsstränge zunehmend dem Innersten des Dschungels und verlieren sich zugleich darin. Das ist gerade im Zusammenhang mit dem Kolonialismus und den damit verbundenen Grausamkeiten ein bekannter Topos, den Joseph Conrad 1899 in „Herz der Finsternis“ („Heart of Darkness“) in die Literatur einführte und den Werner Herzog mit „Aguirre, der Zorn Gottes“ und Francis Ford Coppola in „Apocalypse Now“ so wirkungsvoll adaptierte. Guerras Film entfaltet mit seiner ruhigen Erzählweise noch mehr als diese Filme eine zunehmend magische, kontemplative Stimmung. Man kann seinen Film dem sogenannten „Slow Cinema“ zurechnen, das alleine schon durch die Dauer der Einstellungen seine Wirkung entfaltet.

Anwesendes und Abwesendes
Zugleich steht „Der Schamane und die Schlange“ wie Marco Bechis‘ eingangs zitierter „Birdwatcher“ in der Tradition des sogenannten Dritten Kinos der 60er und 70er Jahre, das sich als Gegenposition zum Mainstream in Hollywood und dem Arthausfilm Europas gebildet und antikoloniale Positionen vertreten hat. In „Der Schamane und die Schlange“ setzt Ciro Guerra der Idee von Zivilisation und Fortschritt die Tradition und das alte Wissen der indigenen Bevölkerung entgegen. Dabei sind die beiden Forscher Theodor Koch-Grünberg und Richard Evan Schultes, die im Abstand von vierzig Jahren ihre Reise durch den Urwald antreten, beileibe nicht menschenverachtende Kolonialisten wie die Plantagenbesitzer oder die übereifrigen Missionare. Diese wirklich schlimmen Auswüchse des Kolonialismus erleben wir im Film eher am Rande der Reise, auch am Rande des Bildes, eher indirekt, kaum explizit. Die beiden Ethnologen sind im Gegenteil eher Menschen, die sich bemühen, ihr Gegenüber zu verstehen. Und dennoch steht ihr Handeln oft im Widerspruch mit dem Leben der indigenen Bevölkerung, hat schon ihre Anwesenheit Folgen für sie. In einer Schlüsselszene sieht man Theo, wie er verzweifelt, ja wütend seine indigenen Freunde fragt, ob sie seinen Kompass gestohlen hätten. Nicht nur, weil er ihn zur Orientierung benötigt, sondern auch und vor allem, weil sie mit dem Besitz des Kompasses ihre eigenen Fähigkeiten der Orientierung anhand von Himmel und Gestirn verlieren werden. Es geht dem Film weniger um die Gräuel des Kolonialismus als um dieses Vergessen. Darin bleibt der Film ganz nah an seinen Figuren und lotet in ruhigen Schwarzweissbildern ihr Verhältnis zueinander aus.

Bundesstart: 21.4.2016