Der Mann, der zu wenig wusste:
„Remainder“ von Omer Fast

Ramainder

 

 

 

 

 

 

 

Ein Mann steht mit Rollkoffer an einer befahrenen Straße in einer Innenstadt. Er wirkt zugleich gehetzt und zögerlich. Als er die Straße überquert, vergisst er seinen Koffer. Er blickt irritiert zurück, will ihn bereits holen, als Splitter von dem überdimensionalen Glasdach, dass sich zwischen den schicken Bürogebäuden spannt, herunterfallen. Weitere, undefinierbare Teile fallen vom Himmel und treffen den jungen Mann mit voller Wucht. Der Schlag trifft auch die Umstehenden, die ebenso überrascht sind, wie die Zuschauer im Kino. „What happened to him?“, fragt einer stellvertretend für alle anderen auf der Straße und im Saal. Im Film tritt die Frage schnell in den Hintergrund und taucht erst ganz am Ende wieder auf. Stattdessen weicht sie einer anderen Frage: Wer ist dieser Mann?

Subjektives Reenactment
Der Regisseur Omer Fast wurde 1972 in Israel geboren und wuchs zuerst in Jerusalem, dann in der Kleinstadt Jericho im Bundesstadt New York auf. Zurzeit lebt er in Berlin. Zuhause ist er eigentlich in der Kunst. Als Videokünstler hat er es mit seinen Mehrkanal-Videoinstallationen zu weltweiter Bekanntheit gebracht. Meist auf mehreren Screens zeigt er in seinen Werken, die zwischen Dokumentation und Fiction schwanken, Interviewsituationen und Inszenierungen. Dabei bedient er sich der Stilmittel Rekonstruktion, Wiederholung und Perspektivverschiebung. Häufiger Ausgangspunkt für seine mediale Erforschung des Erinnerns sind Traumata. Mit „Remainder“ erarbeitet er seine Techniken erstmals für das große Kino und folgt in diesem Schritt Künstlerkollegen wie unter anderem Larry Clark, Steve McQueen, Shirin Neshat, Sam Taylor-Wood, und zuletzt Phil Collins.

Tom Sturridge („On the Road“, „Am grünen Rand der Welt“) spielt den Protagonisten Tom  auf beunruhigende Art. Nach dem Unfall liegt er im Koma, muss später viele Operationen über sich ergehen lassen und versucht dann mit unsicheren ersten Schritten einen Weg zurück ins Leben. Aber in welches? Tom kann sich kaum an den Unfall erinnern: „Etwas fiel vom Himmel: Technologie, Teile, Splitter“. Aber noch weniger Erinnerung hat er an sein altes Leben. Tom fühlt sich vollkommen isoliert (stimmungsvoll musikalisch umgesetzt vom Elektroniker SchneiderTM). Noch während er im Koma liegt, streitet ein hochdotierter Anwalt für eine finanzielle Entschädigung. Schließlich zahlt eine ominöse Firma, die mit dem Unfall in Verbindung steht, sagenhafte 8 1/2 Millionen Pfund. Tom ist nun reich an finanziellen Möglichkeiten, doch arm an Erinnerungen. Als er, wie bei einem Déjà-vu, einigen Erinnerungsfetzen hinterher eilt, beginnt er Gerüche, Worte, Musik, Stimmungen, Situationen – die die Erinnerung auslösen – in zunehmend aufwändigen Inszenierungen nachzustellen. Er engagiert einen Mann, der wie ein Regisseur versucht, diese vagen Momente in komplexen Szenerien zu rekonstruieren, um Toms Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Es werden Drehbücher verfasst, Darsteller engagiert, Häuser  umgebaut und schließlich wie in einem Spielfilm ‚abgespielt‘, in der Hoffnung näher an Toms Erinnerungen heran zu kommen und somit an sein altes Leben und an sein Ich. Schließlich erinnert sich Tom an einen Bankraub. Und so wird auch diese Erinnerung möglichst detailgetreu nachgebildet, bis sich die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung langsam aufzulösen scheinen.

Rekonstruiertes Ich
Der Videokünstler Omer Fast hat vor vier Jahren mit „Continuity“ in Deutschland bereit  einen kurzen, 40-minütigen Kinofilm gedreht, dessen Erzählstruktur an „Remainder“ erinnert (auf der diesjährigen Berlinale war eine 80-minütige Langfilmfassung des Films zu sehen): Ein älteres Ehepaar holt vom Bahnhof ihren Sohn ab, der von einem Afghanistaneinsatz zurückkehrt. Zuhause angekommen, wartet der Alltag. Doch plötzlich läuft das Gespräch aus dem Ruder, und der Zuschauer merkt langsam, dass die drei Figuren nur spielen. Nach den Misstönen wird der junge Mann wieder zum Bahnhof gebracht. Am nächsten Tag holt das Ehepaar erneut einen „Sohn“ am Bahnhof ab.

In beiden Filmen erleben wir immer wieder den Versuch einer Rekonstruktion, und der Hintergrund dafür ist der Verlust – bei „Continuity“ der Verlust des Sohnes, bei „Remainder“ der Verlust des Selbst. Die Rekonstruktionen erfahren immer wieder leichte Verschiebungen und Korrekturen, ihr Verhältnis zur Wirklichkeit wird nicht klar. Und doch ist alleine der Akt des Erinnerns von lebenswichtiger Bedeutung. Von Tom ist erstmal nicht viel übrig ohne seine Erinnerung, und um sich selbst erhalten zu können, muss er sich wieder erinnern. Oder sich neu erfinden. Er beginnt wie ein Regisseur, sich seine Erinnerung, und damit sich selbst, zu erschaffen. Der Film ist voll von derart sozialer Fragestellungen und damit ganz im hier und jetzt. Tom McCarthy, Autor der gleichnamigen Buchvorlage (dt. „8 ½ Millionen“), hat während des Schreibens an der Geschichte (veröffentlicht 2005 zunächst nur als Kunstedition in einer Auflage von 750 Stück) viel an Kino gedacht. Tatsächlich erscheint die Geschichte von „Remainder“ in vieler Hinsicht auch wie eine Allegorie auf den künstlerischen Akt.

Bundesstart: 12.5.2016