„Mister Wonderful“ von Daniel Clowes

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Daniel Clowes widmet sich seit langem den nerdigen Außenseitern an der amerikanischen Westküste. Mal driften seine Stories ins Surreale und hangeln sich von einem Genre zum nächsten wie in „David Boring“ oder „Der Todesstrahl“, mal verschreibt er sich einem sachlichen Realismus wie in „Ghost World“, „Wilson“ oder nun „Mister Wonderful“. „Mister Wonderful“ überrascht zunächst alleine schon durch sein außergewöhnliches Querformat, dass Clowes die Möglichkeit gibt, an einigen Stellen großformatige Akzente im Breitwandbild zu setzen. Aber die Story ist auch insgesamt ein erzählerischer Coup: Wir erleben einen Tag im Leben des mittelalten Losers Marshall, den Freunde mit der etwas jüngeren Natalie verkuppeln wollen. Der Comic beginnt genau neun Minuten nach der für das Date verabredeten Zeit. Marshall sitzt ungeduldig im Café und nutzt die Wartezeit, um sich hemmungslos den unzähligen Möglichkeiten des Versagens hinzugeben. Als Natalie endlich auftaucht, kennen wir, die Leser, Marshall und seine Neurosen schon besser, als uns lieb ist und das Scheitern des Dates scheint vorprogrammiert. Doch das Gespräch geht in eine andere Richtung, gibt Hoffnung, auch wenn Marshall jede Gelegenheit für Selbstzweifel nutzt. Der eigentliche Dialog wird auch visuell immer wieder von Marshalls zweifelnden Gedanken überlagert – die Gedankenblasen legen sich wie ein störender Begleittext über die Sprechblasen – und wird somit unleserlich. Clowes findet für den inneren Widerstreit, das Hadern und Zweifeln und die wilden Gedankengebäude, die sich auch bei uns viel zu häufig vor unser Handeln drängen, eine wunderbare ästhetische Entsprechung. Marshall ist zwischen Posing und Aufrichtigkeit hin- und hergerissen. Gerät der Abend schließlich zum Desaster, oder doch nicht? Wer weiß? Wenn die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten … Daniel Clowes kehrt Marshalls Verletzlichkeit hervor und schafft es so wieder einmal meisterlich, uns einen Menschen nahezubringen, der uns im Alltag wahrscheinlich mächtig auf den Keks gehen würde (Reprodukt).