„Tangerine L.A.“ von Sean Baker

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Jetzt ist Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) stocksauer! Eben noch war sie bester Laune: Es ist Heiligabend, und gerade wurde sie aus dem Knast entlassen. Da erfährt sie von ihrer besten Freundin Alexandra (Mya Taylor), dass ihr Freund Chester sie während ihres Gefängnisaufenthalts mit einer Anderen betrogen hat. Das ist schon übel genug, aber das Schlimmste: Chester hat sie mit einer ganz normalen Frau betrogen. Sin-Dee arbeitet als transsexuelle Prostituierte, Chester ist ihr Zuhälter und Lover. Zusammen mit ihrer Freundin Alexandra geht sie auf den Straßen von L.A. anschaffen. Der Walk of Fame ist zum Greifen nah, doch ihr Leben hat mit dem glamourösen Hollywood nicht viel gemein. Und dennoch fühlen sich Sin-Dee, Alexandra und all die anderen wie Stars, stolzieren mit einer koketten Arroganz und dem Gespür für Drama und große Auftritte über die Straßen. Vor allem Sin-Dee gilt als Drama-Queen. Das weiß auch Alexandra, und so ist sie wenig begeistert, als ihre Freundin mit ihr im Schlepptau loszieht, um genaueres über „dieses Flittchen … Dana, Diana … oder wie die Schlampe heißt“, rauszufinden. Eine Straßenecke weiter geht das Gezeter schon los. Nach Sin-Dees erstem Ausraster bei einem Freund von Chester ist Alexandra raus – das ist ihr zu viel. Außerdem hat sie am Abend noch einen kleinen Auftritt als Sängerin und trifft sich vorher noch mit einem Stammkunden, einem armenischen Taxifahrer, der zuhause Frau und Kind hat. Währenddessen sucht Sin-Dee weiter nach dem Mädchen und Chester…

Tangerine L.A. ist schnell, laut und rau. Sean Baker hat sein kleines Eifersuchtsdrama, das zugleich eine Milieustudie ist, komplett mit dem iPhone gedreht. Zwar hatte bereits 2011 der Koreaner Chan-wook Park den 30-minütigen iPhone-Film „Night Fishing“ ins Kino gebracht, doch „Tangerine L.A.“ ist nun der erste komplett auf Handy gedrehte abendfüllende Kinospielfilm. Das Material hat anschließend reichlich Postproduktion erfahren: Grell ist nicht nur die Szenerie und der Style der Protagonistinnen, sondern auch die filmische Farbgestaltung. Doch die Bilder selbst wurden mit den Kleinstkameras aufgenommen. Das merkt man dem Film an. Zum einen ist die Kamera agil und immer mitten im Geschehen wie in einem Dogmafilm. Zum anderen haben die Straßenszenen zumindest in Bezug auf das Geschehen drum herum einen sehr dokumentarischen Charakter. Denn, dass hier professionell ein Kinofilm gedreht wird, merkt keiner der umstehenden Passanten.

Regisseur Sean Baker ist von Sexarbeit offensichtlich angetan: In „Prince of Broadway“ (2008) begleitet er einen Zuhälter, der sich plötzlich um sein Kind kümmern muss. „Starlet“ (2012) erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft einer jungen Prostituierten zu einer älteren Dame. Und nun begibt sich Baker mit Wonne in das quirlige Leben der Transgender-Szene in L.A. Der Film haut einen mit seiner Lebendigkeit um, ist komisch und dramatisch. Aber vor allem ist er ganz nah an seinen Figuren und liebt sie innig.

(Bundesstart: 7.7.2016)