„Toni Erdmann“ von Maren Ade

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Man muss sich die Geschichte ungefähr so vorstellen: Winfried und seine Frau wollen es besser machen: Ihre Tochter Ines erziehen sie liberal. Sie unterstützen und fördern sie, wo sie können, damit ein selbstbewusster, kritischer Mensch aus ihr wird. Winfrieds Widerstand gegen Konformität zeigt sich auch in seinem Hang zum Quatsch. Er albert gerne rum, spielt Rollen, testet sein Gegenüber. Auch mit Ines kann er gut herumalbern – sowas mögen Kinder. Und über die Musik stärkt der Musiklehrer die enge Bindung zu seiner Tochter. Dann ist Ines plötzlich erwachsen. Die Eltern trennen sich, gehen in Freundschaft eigene Wege. Winfried bleibt allein. Auch Ines bleibt allein. Das mitgegebene Selbstbewusstsein, das kritische Denken und den Freiheitswillen nutzt sie, um in der freien Wirtschaft Karriere zu machen. In einer Unternehmensberatung optimiert sie schwache Firmen – jenseits aller Ideale der Eltern. Vernunft und Kalkül regieren sie, Gefühle würden in dieser ausgesprochenen Männerwelt, in der sie sich durchsetzen will, nur stören.

Narrativer Katalysator
Explizit erzählt wird das, was man die Backstory, also die Hintergrundgeschichte der Figuren nennt, in „Toni Erdmann“ nicht. Doch all das scheint in wenigen Szenen zu Beginn von Maren Ades neuem Film durch die Handlung hindurch. Wenn Winfried den Postboten in seine albernen Maskeraden einbindet, er beim Familienfest auf seine Ex-Frau trifft und seine Tochter bei einem Kurzbesuch die halbe Zeit am Handy hängt. Und wenn mal kein echtes Telefonat wichtiger ist als die Familie, dann tut Ines einfach so, als ob sie telefonieren würde, damit sie den fragenden und nach Kontakt suchenden Blicken des Vaters ausweichen kann. Bald darauf stirbt Winfrieds Hund, und den frisch pensionierten Vater hält nichts mehr in seinem Haus. Kurzerhand reist er zu seiner Tochter nach Bukarest. Er kündigt seinen Besuch allerdings nicht an, sondern im Gegenteil: Der nervige Spaßvogel überrascht seine Tochter in der schicken Lobby ihrer Firma mit einem schiefen Plastikgebiss im Mund und ist auch sonst in seinem Schlabberlook wenig repräsentativ. Sein Witz kommt nicht an, der unbeholfene Versuch, Nähe zur Tochter herzustellen, geht nach hinten los, und die nächsten Tage sind ein zähes Miteinander voller gegenseitiger Vorwürfe und Enttäuschungen – mal mehr, mal weniger offen vorgetragen. Dann reist der Vater wieder ab. Beziehungsweise: Er tut bloß so und kommt dann zurück als sein Alter Ego Toni Erdmann: Mit schiefem Gebiss, schlecht sitzender Perücke, einem Furzkissen und dem festen Willen, mit seiner Tochter in Kontakt zu kommen – ob sie will oder nicht.

Maren Ades Erzählkunst steht fest in der Tradition des Realismus. Bereits mit ihrem großartigen Spielfilm-Debüt „Wald vor lauter Bäumen“ (2003) und später in „Alle Anderen“ (2008) hat sie bewiesen, wie gut sie das Zwischenmenschliche beobachtet, auch wenn man es kaum sieht – überspielte Hilflosigkeit, versteckte Sehnsüchte, latente Aggressionen und Übergriffigkeit. Schon hier waren es die Spleens der Protagonisten, die spielerisch zu höheren Erkenntnissen führten. In „Toni Erdmann“ ist ein solcher Spleen innerhalb des Films gar zu der titelgebenden Figur herangewachsen. Toni Erdmann wird zum Katalysator des Vater-Tochter-Konfliktes. Die peinlichen, übergriffigen Auftritte von Toni Erdmann bieten Winfried die Gelegenheit, seine zaghaften Witzchen bis ins Groteske zu steigern und mit diesem größeren Kaliber doch noch eine Reaktion bei seiner Tochter auszulösen. Tatsächlich löst diese Witzfigur in Ines langsam etwas aus und scheint den beiden eine Möglichkeit zu geben, wieder in Verbindung miteinander zu treten. Und sie bietet auch Maren Ade die Möglichkeit, in ihrem Film trotz des ernsten, realistischen Grundtons spielerisch in andere Sphären vorzudringen. Dass diese Komik sich immer an der Grenze des Erträglichen entlang hangelt und starke Gefühle der Fremdscham provozieren, kennt man aus ihren Filmen – nicht zuletzt aus „Wald vor lauter Bäumen“.

Doppelter Boden
Mit Peter Simonischek als Winfried und Sandra Hüller als Ines hat Maren Ade ihren Vater-Tochter-Konflikt großartig besetzt. Während Hüller die versteckten Unsicherheiten, Irritationen und Enttäuschungen ihrer Figur subtil aufscheinen lässt, geht Simonischek vor allem in der Rolle Toni Erdmann auf. Oder besser: In der Rolle des Winfried, der in der Rolle des Toni Erdmann aufgeht. Durch diesen doppelten Boden ist der Film auch über seine überraschende Länge von 162 Minuten stets spannend, komisch und berührend. „Toni Erdmann“ löste im Mai in Cannes einen kleinen Skandal aus, weil der Film nach seiner Vorführung auf dem Festival schnell zum internationalen Kritikerliebling wurde, dann aber zur allgemeinen Überraschung bei der Preisverleihung komplett leer ausging. Warum der Film am Ende keinen einzigen Preis erhielt bleibt auf ewig ein Geheimnis der Jury. Warum er die Kritiker begeisterte liegt indes auf der Hand: „Toni Erdmann“ umschifft so leichtfüßig und überraschend die Klippen deutscher Filmproduktion zwischen bleiern schwerem Drama und platter Komödie, dass es eine wahre Freude ist.

(Bundesstart: 14.7.2016)