„1001 Nacht“ von Miguel Gomez

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Der Jubel über die EM ist noch nicht verklungen, da startet die EU ein Strafverfahren gegen die „Defizitsünder“ Portugal, die sich gerade ganz langsam vom wirtschaftlichen Tiefpunkt erholt haben. Der EU geht das aber nicht schnell genug, sie will mit einer absurden Logik Geldstrafen verhängen. Zum Lachen? Zum Weinen? Im Jahr 2013, dem Tiefpunkt der Krise in Portugal, will der portugiesische Regisseur Miguel Gomes die Lage in seinem Land porträtieren und gerät dadurch selber in eine Krise. Denn wie will man einen Film über dieses schöne Land machen, und zugleich von dessen unschöner Gegenwart erzählen? Gespart hat Gomes nicht – am Ende ist es nicht bei einem Film geblieben: Mit einer Gesamtlaufzeit von sechseinhalb Stunden wird „1001 Nacht“ im August in den drei Teilen „Der Ruhelose“, „Der Verzweifelte“ und „Der Entzückte“ ins Kino kommen.

Nach 25 Minuten – der Regisseur hat ob des gewaltigen Vorhabens, den Zustand eines ganzen Landes zu spiegeln erst einmal Reißaus genommen und das Projekt an Scheherazade übergeben – kommt der Filmtitel ins Bild und eine Texttafel erklärt, dass sich der Film nun der Erzählstruktur von 1001 Nacht bedient: „Die Geschichten, Figuren und Orte, von denen Scheherazade erzählen wird, basieren auf wahren Begebenheiten, die sich von August 2013 bis Juli 2014 in Portugal ereignet haben“. Die Regierung habe in dieser Zeit eine ungerechte Sparpolitik betrieben, die die halbe Bevölkerung in die Armut getrieben habe. Scheherazade erzählt nun wie in „1001 Nacht“ einem König Geschichten, um ihrer Hinrichtung zu entgehen. Damit der König ihrer traurigen Geschichten nicht überdrüssig wird, verpackt sie die kuriosen und tragischen Meldungen von entlassenen Arbeitern, fragwürdigen Politikern, Brandstiftung, gestrandeten Walen und Doppelselbstmorden in märchenhafte Formen mit Seejungfrauen, sprechenden Tieren, heldenhaften Verbrechern und absurden Prozessen. Einige der Episoden erscheinen beinahe dokumentarisch, andere sind fantastisch oder absurd.

Der frühere Filmkritiker Miguel Gomes, der bereits im Jahr 2012 mit seinem Kinodebüt „Tabu“ über die Kolonialzeit Portugals eine ganz bemerkenswerte Erzählform zwischen Realismus und Fantastik gefunden hat, vermischt auch hier auf beeindruckende Art die Ebenen. Er wollte offensichtlich keinen Sozialinterventionsfilm machen, der agitatorisch die Geißel des Kapitalismus anprangert. Stattdessen verknüpft Gomes ganz in der Tradition von Buñuel oder Pasolini die Erzählformen und mischt Lachen mit Weinen. Portugal ist ein armes Land, dem sich Gomes mit einer überaus reichen Fantasie annimmt. Das ist wohl das genaue Gegenteil eines Collagenfilms wie „Deutschland. Dein Selbstporträt“. Immerhin: „1001 Nacht“ wurde koproduziert von Maren Ades („Toni Erdmann“) Firma Komplizen Film.

(Bundesstart Teil1: 28.7. / Teil 2: 11.8. / Teil 3: 25.8.)