„Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“
von Matt Ross

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Ben und Leslie leben mit ihren sechs Kindern fernab jeglicher Zivilisation in den Wäldern Oregons. Dort erhalten sei ein hartes Survivaltraining, werden zivilisationskritisch erzogen, aber bekommen auch eine vorzügliche Allgemeinbildung. Die drei Jungen und drei Mädchen zwischen 6 und 18 werden jeden Morgen durch den Wald gescheucht, müssen Krafttraining ebenso machen wie Felsklettern für Fortgeschrittene. Dass sie die Pflanzen und Tiere in ihrer Umgebung in- und auswendig kennen, versteht sich von selber. Danach ist Schule, wobei neben dem Einmaleins, Sprachen und den anderen klassischen Schulfächern ein Schwerpunkt auf Systemkritik und antikapitalistische Theorien liegt. Schließlich feiert man auch nicht das fragwürdige, materialistische Märchenfest Weihnacht, sondern den Noam-Chomsky-Tag. Alleine der Drittjüngste ist in Anbetracht des gut gemeinten Drills etwas widerspenstig. Doch als nach längerer Krankheit Leslie stirbt, droht die alternative Lebenswelt der Familie auseinanderzubrechen. Für die Bestattung fährt die auffällige Familie in einem nicht minder auffälligen Schulbus, der an den Bus von Ken Keseys Prankster-Hippies erinnert, zu Leslies Heimat in Texas, wo die Kinder erstmals mit der US-amerikanischen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts und schließlich auch mit sich selbst konfrontiert werden. Willkommen sind sie dort nicht. Das hatte Leslies Vater Jack (Frank Langella), der Ben (Viggo Mortensen) für den Tod seiner Tochter verantwortlich macht, bereits am Telefon unmissverständlich klargemacht. Ben wolle er am liebsten verhaften lassen, weil er dessen Umgang mit den Kindern als Missbrauch ansieht.

Matt Ross hat sich für „Captain Fantastic“ zwei Extrempositionen ausgesucht: Hier den 100-prozentigen Zivilisationsflüchtling, der fast alles, was er anpackt, perfekt macht. Dort der böse Schwiegervater mit seiner riesigen Villa, der Ben die Kinder streitig machen will. Ross kann den Effekt des Kontrastes sowohl für komische als auch für dramatische Momente nutzen. Und so schwankt der Film zwischen ernsten Momenten und lustigem Culture-Clash, wenn die Hippiefamilie in die Zivilisation eindringt. Natürlich sind die Cousins strohdumm und haben nur die Playstation im Kopf. Natürlich hat Jack einen zwei mal drei Meter Bildschirm im riesigen Wohnzimmer und lässt die Kids dort virtuell auf Jagd gehen, während sie die echte Jagd sicher viel besser beherrschen als er selbst. Im Gegenzug staunen Bens Kinder beim Anblick von Shopping-Malls und der älteste hat vom Umgang mit Mädchen keinen blassen Schimmer. Das stand nicht auf dem Lehrprogramm des Vaters, dort gab es nur biologistische Sexualkunde. Überhaupt fehlt den sechs Kindern jegliche Übung im Umgang mit anderen Menschen und vor allem mit anderen Altersgenossen. Auf den Effekten des Kontrasts ruht sich der Film jedoch nie aus. Er nimmt sich bei der Auslotung des Konflikts Zeit für Details, Widersprüche und Ambivalenzen. Neo-Hippie-Kitsch gibt es nur ganz selten.

(Bundesstart: 18.8.2016)