„Alles was kommt“ von Mia Hansen-Løve

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Nathalie hat eine erstaunliche Energie. Das merkt man in jedem Augenblick. Ob sie sich Zutritt zu der von politisierten Schülern verbarrikadierten Schule verschafft, um ihren Unterricht durchzuführen, ob sie mit ihrem Verlag verhandelt, der gerade eine ‚jüngere Linie‘ anstelle ihrer etwas angestaubten Lehrbücher ins Programm nehmen will, oder mit ihrem Mann und den erwachsenen Kindern den Alltag bewältigt – Schwäche zeigt Nathalie selten. Nur ihre übergriffige Mutter zerrt in letzter Zeit etwas viel an ihren Nerven und plagt sie mit hysterischen nächtlichen Hilferufen übers Telefon. Dass Nathalie auch zäh ist, wenn ihre eingespielte Welt ins Wanken gerät, merkt man, als ihr Mann sie plötzlich und unvermittelt für eine Jüngere verlässt. Nun sitzt die begeisterte Philosophin alleine und ernüchtert zwischen all ihren Büchern, und muss ihr Leben neu sortieren. Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann ist weg – das ist eine große Herausforderung für eine Frau, die spöttisch sagt: „Frauen über 40 sind eh für die Mülltonne“. Aber eigentlich weiß sie es besser, schmeißt stattdessen die Blumensträuße ihres Ex in die Mülltonne und erkundet neue Möglichkeiten.

Leicht und fließend
So wie der Zuschauer in diesen Film hineinfällt – ohne Exposition, erklärende Einführung – so entlässt der Film den Zuschauer nach 100 Minuten auch relativ unvermittelt. Der Filmtitel „Alles was kommt“ ist eine Phrase, der sich die Protagonistin öffnet, nachdem ihr altes Leben nicht mehr funktioniert wie bisher. In gleicher Weise öffnet sich der Film jenseits dramaturgischer Formate ihrer Protagonistin. Weit weg von Klischees, von Zuspitzungen, unerwarteten Wendungen oder sonstigen dramaturgischen Kniffen, begleitet der Film Nathalies Umgang mit den neuen Herausforderungen. Langweilig erzählt, könnte man vermuten, aber das Gegenteil ist der Fall! Diese Frau dabei zu begleiten, wie sie ihr Schicksal meistert, ohne gleich als Opfer oder Märtyrerin inszeniert zu werden, aber auch ohne zur Heldin und Ikone zu mutieren, ist unglaublich spannend. Der Film ist so schnörkellos elegant gebaut, mit kaum auffallenden Ellipsen innerhalb des über die Jahreszeiten erzählten Zyklus‘, dass man sich als intimer Beobachter dieses Lebens fast ein wenig taktlos fühlt. Anders als bei Mia Hansen-Løves deutlichem Vorbild Eric Rohmer gibt es bei ihr weder Manierismen noch eine betont formelhafte Erzählweise. Bei Hansen-Løve wirkt alles leicht und fließend, ist aber das Gegenteil von oberflächlich und beliebig. Diese ruhige, kluge Inszenierung hat Mia Hansen-Løve bei der diesjährigen Berlinale den Bären für die beste Regie eingebracht.

Ambivalenzen und Widersprüche
„Wenn ich spüre, dass eine Szene nur einem bestimmten Zweck dient, dann schneide ich sie heraus.“ Dieser Satz von Mia Hansen-Løve beschreibt ziemlich genau, wie die Regisseurin ihre Geschichten erzählt. Die 35jährige hat bereits fünf Spielfilme gedreht, die allesamt auf die eine oder andere Art autobiografische Züge tragen. Alter und Geschlecht der Protagonisten – das hat sie gemein mit Xavier Dolan, dem anderen frankophilen Wunderkind des zeitgenössischen Kinos – spielen dabei keine Rolle. Sie erfühlt all ihre Figuren gleichermaßen. In „Jugendliebe“ lehnt sie sich an ihre unglückliche Jugendliebe und die darauf folgende und bis heute anhaltende Verbindung zu dem 25 Jahre älteren Regie-Kollegen Olivier Assayas an. In „Der Vater meiner Kinder“ verarbeitet sie den Selbstmord ihres Produzenten Humbert Balsan und im vergangenen Jahr ließ sie in „Eden“ die DJ-Karriere ihres Bruders im Paris der 90er Jahre Revue passieren. Nun hat sie sich von ihren Eltern inspirieren lassen, wie Nathalie und ihr Mann beide Philosophielehrer, die im Laufe der Zeit getrennte Wege gingen. Abgesehen davon, dass sich Mia Hansen-Løve für all diese Geschichten die eigene oder jene aus ihrem näheren Umfeld künstlerisch aneignet, ist den Filmen gemein, dass sie auf vollkommen unspektakuläre Art erzählen. Das Leben beobachten – so könnte die Überschrift über ihrem Werk lauten. Liebe, Sehnsucht, Trennung, Tod, aber auch Arbeit, Leidenschaft und immer wieder Philosophie und die Künste – Literatur, Musik – das sind die Kapitel, die sie in ihrem Werk aufschlägt. Erzählt werden diese Themen subtil durch die Figuren hindurch. Wir als Zuschauer lernen Nathalie kennen, so wie man Menschen eben kennenlernt: Ein erster Eindruck steht am Anfang, es folgen weitere Begegnungen, in unterschiedlichsten Situationen, beruflich und privat, und schließlich auch in einer Extremsituation. Aus all dem setzt sich langsam ein Bild eines Menschen zusammen. Nach einer hundertminütigen Tour de Force von Isabelle Huppert, die fast jede Szene in „Alles was kommt“ beherrscht, haben wir Nathalie als eine Frau erlebt, die es im Kino nur selten zu sehen gibt: Intellektuell, stark, ehrlich, vielleicht etwas überspannt, aber bis zum Schluss nicht abhängig von der Liebe eines Mannes. Nicht, dass sich Nathalie nicht nach (körperlicher) Liebe sehnen würde. Aber dafür opfert sie nichts von dem, was ihr im Leben wichtig ist. Mia Hansen-Løve schildert in all ihren Filmen durch und durch ambivalente Entscheidungen und Lebensentwürfe. Das nimmt aber weder ihren Figuren noch ihren Filmen die Kraft. Es macht sie nur um so viel wahrer.

(Bundesstart: 18.8.2016)