Zwischen Wut und Trauer:
„Die Ökonomie der Liebe“
von Joachim Lafosse

 

Es gibt Regeln und die müssen eingehalten werden. Zum Beispiel, an welchem Tag man für die Kinder, die Zwillinge Jade und Margaux, da zu sein hat. Heute ist Marie zuständig, aber plötzlich platzt Boris herein und bringt alles durcheinander. Der Ablauf gerät aus den Fugen: Die Kinder freuen sich über Papa, machen aber nicht mehr, was Mama sagt. Marie ist genervt, es kommt zum Streit. Die beiden sind seit 15 Jahren verheiratet und leben mit ihren Töchtern in einer schicken Eigentumswohnung mit pittoreskem Kopfsteinpflasterhof. Nun haben sich Boris und Marie für eine Trennung entschieden. Dass sie immer noch zusammen wohnen, liegt daran, dass die gemeinsame Wohnung Marie gehört und Boris sich keine eigene Wohnung leisten kann.

Der gelernte Architekt hangelt sich von Kleinstauftrag zu Kleinstauftrag, hat Schulden und deswegen sogar Ärger mit zwielichtigen Gestalten, die plötzlich vor der Tür stehen. Marie geht einem geregelten Job nach und hat außerdem durch ihre wohlhabenden Eltern einen finanziellen Puffer. Jetzt, wo die Beziehung in die Brüche geht, man aber noch zusammen wohnt, spielt das Ungleichgewicht der finanziellen Verhältnisse eine immer größere Rolle. „Die Ökonomie der Liebe“ ist ein Kammerspiel. Der Film ist ausschließlich in den vier Wänden der Familie gedreht. Das Zusammenspiel von Bérénice Bejo, deren Rolle der Marie an die gleichnamige, ebenfalls von ihr verkörperte Figur in Ashgar Farhadis „Le Passé“ aus dem Jahr 2012 erinnert, und Cédric Kahn ist beklemmend und erdrückend, aber so ausgeglichen, dass man kaum Partei ergreifen möchte. Teilimprovisiert, nähern sich die Schauspieler immer mehr den zermürbenden, sich stets im Kreis drehenden Mustern aus Vorwürfen, Erniedrigungen sowie natürlich Traurigkeit und Wut. Bei Marie findet man mehr Wut als Traurigkeit, weil Boris nicht gehen will. Auch Boris ist wütend, weil er sich ungerecht behandelt fühlt. Doch wenn man in ruhigeren Momenten die schön hergerichtete Wohnung sieht, die beiden Kinder, hin- und hergerissen zwischen den Eltern, dann kann die Traurigkeit kommen. Es gibt neben all dem Gezerre und Geschimpfe auch diese traurigen Momente im neuen Film von Joachim Lafosse. In einer stummen Nachtszene, wenn die Eltern nicht schlafen können, oder in einer wunderbaren Szene, als die Kinder tanzen und schließlich die Eltern auffordern mitzutanzen: Zögerlich nähern sie sich einander an, dann umschmiegen sich die Körper der Eltern nach langer Zeit das erste mal wieder. Die im ganzen Film großartig spielenden Kinder freuen sich, es ist fast wie früher. Auch Boris macht das Hoffnung, Marie aber machen die Erinnerungen, die hochkommen, vor allem traurig, weil sie wieder spürt, was verloren gegangen ist. Am nächsten Morgen geht der Streit um Geld, der das Gespräch um Anerkennung ersetzt, wieder los.

In diesem seltenen Moment ist es ein Tanz, an anderen Stellen ein Ringen, das Lafosse mithilfe einer besonders kleinen, beweglichen Steady-Cam elegant in den Wänden der Wohnung einfängt, mit ständiger Verschiebung der Front, mit Gebietsverlusten und Teilsiegen. Ein Kleinkrieg, der hässlich und traurig zugleich ist und keinen Raum für Liebe lässt.