Unsoziale Willkür:
„Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach

 

Um mehr Transparenz in die Arbeit der Jobcenter zu bringen, hat die Internetplattform FragDenStaat.de im Oktober die Aktion FragDasJobcenter ins Leben gerufen. Dort können User die fragwürdigen Zielvereinbarungen und Weisungen der Jobcenter anfragen. Denn dass die Behörden vor allem die Arbeitslosenstatistiken bereinigen sollen und dabei auch noch möglichst viel Geld durch oft willkürlich vollstreckte Sanktionen sparen sollen, haben zahlreiche absurd anmutende Fallbeispiele aus der jüngeren Zeit gezeigt. Hat man Ken Loachs neuen Film gesehen, kann man davon ausgehen, dass das in England nicht besser aussieht.

Daniel Blake ist ein typischer Vertreter der britischen Arbeiterklasse: Sein Leben lang hat er als Schreiner gearbeitet. Nebenher musste er sich um seine psychisch labile Frau kümmern, die inzwischen gestorben ist. Nach einem Herzinfarkt kommt der 59-Jährige langsam wieder auf die Beine, kann aber noch nicht zurück an seinen Arbeitsplatz, und ob er überhaupt wieder Arbeitsfähig ist, bleibt fraglich. Zumindest sieht das sein Arzt so. Die Behörden halten ihn hingegen für bedingungslos einsatzbereit. Daher werden ihm die Bezüge gestrichen und er muss sich auf Jobsuche begeben: mit einer Bewerbungsmappe, die er in seinem bisherigen Leben noch nie gebraucht hat, und mit Hilfe des Internets, das er noch nie benutzt hat. Da das vorhersehbar nicht klappt, folgen weitere Sanktionen. Als er die junge, alleinerziehende und arbeitslose Kathie (Hayley Squires) und ihre beiden Kinder kennenlernt, schöpft er aus seiner Wut über das Sozialsystem neue Kraft, und beginnt, der jungen Familie zu helfen. Im Kontakt mit den Kindern blüht er auf, und auch die kleine Familie freut sich über den neuen ‚Opa’.

Als im Frühjahr in Cannes Maren Ades gefeierter Film „Toni Erdmann“ leer ausging und stattdessen Ken Loachs Film den Hauptpreis gewann, richtete sich der Groll der Kritiker gegen die Entscheidung. Das konnte man falsch verstehen und dem Film zur Last legen. Dabei ging es wohl nur um die Enttäuschung, dass mal wieder ein renommierter und altgedienter Mann einer noch international unbekannten Filmemacherin vorgezogen wurde. Denn „Ich, Daniel Blake“ ist ein filmisch beeindruckender wie gesellschaftlich wichtiger Film. Und das, obwohl er ganz im typischen Stil von Ken Loachs anderen Filmen seit seinem Debüt in den 60er Jahren scheinbar nüchtern und sachlich von großen menschlichen Dramen und ebenso großen politischen Fehlern erzählt. Tatsächlich wirkt das Figurenarsenal wie am Reißbrett zusammengestellt und die Story nach Agitprop-Regeln geknüpft. Die Kunst von Ken Loach und seinen Darstellern besteht auch hier wieder darin, dass man im Kino dann doch nie das Reißbrett sieht oder den Agitprop spürt, sondern stets emotional ganz nah an den Figuren ist. Es gibt Szenen in diesem Film, die einem trotz ihrer Unaufgeregtheit und Pathosferne die Tränen in die Augen treiben und einem förmlich den Boden unter den Füßen wegziehen, ganz so wie es den Protagonisten im kapitalistisch agierenden Sozialsystem ergeht. Lange nicht mehr so traurig und wütend zugleich aus dem Kino gekommen.