So nah und doch so fern:
„Einfach das Ende der Welt“
von Xavier Dolan

 

Wohin die Reise geht, und wer da reist, das erzählt uns Xavier Dolan in seinem neuen Film „Einfach das Ende der Welt“ gleich mit der ersten Szene: In einer von Musik unterlegten Parallelmontage sehen wir zum Einen einen eleganten, jungen Mann Anfang Dreißig in einem Taxi. Zum Anderen fängt die Kamera ein, was sein Blick aus dem Fenster auf der Fahrt erhascht: trostlose Schaufenster, Vorortsiedlungen der unteren Mittelschicht, Brachland, Tristesse. Das Eine mag zum Anderen nicht recht passen. Und doch gehört es zusammen.

Der Mann im Taxi kommt aus dieser Gegend, die eine Gesellschaftsschicht repräsentiert, die seit dem neunten November dieses Jahres (Stichwort Trump-Wahl) in aller Munde ist. Louis hingegen repräsentiert die andere Seite: Er ist erfolgreich, finanziell reich, kulturell gebildet und gehört einer elitären Bildungselite an, die die Leute aus seiner alten Heimat nicht verstehen wollen oder können. Louis ist Autor, wohnt in der Großstadt und ist schwul. Seine Familie – die Mutter, den Bruder und die viel jüngere Schwester – hat er ohne offensichtlichen Grund vor zwölf Jahren verlassen. Nur ein paar Postkarten hat er aus aller Welt geschickt. Den Rest haben sie aus der Zeitung erfahren, denn den Kontakt hat er fast vollständig abgebrochen. Nun besucht er seine Familie, um ihr etwas mitzuteilen. Aber das ist gar nicht so einfach, in diesem emotionalen Geflecht aus Freude und Wut, Angst und Hoffnung, Erwartung und Enttäuschung.

Emotionales Geflecht
Der deutsche Verleih hätte sich kaum ein besseres Startdatum für diesen etwas anderen Familienfilm aussuchen können. Das Fest der Liebe artet nicht selten in kleine Schlachten aus, bei denen sich alles entlädt, was in den Jahren an Psychodynamik angestaut wurde. Wenn man den Jungstar Xavier Dolan, Regisseur, Drehbuchautor und Editor seiner bislang sechs Spielfilme auf etwas festlegen kann, dann vielleicht auf das Thema Familie. Sein Debüt „I killed my Mother“ erzählte halb autobiografisch von einem komplizierten Abnabelungsprozess zwischen Mutter und Sohn, in „Mommy“ beschrieb er ein ungleich komplizierteres Mutter-Sohn-Verhältnis. Nun geht es um eine fünfköpfige Familie und ihre inneren Konflikte. Leise Töne zwischenmenschlicher Beziehungen kann man von dem oft als Wunderkind etikettierten Kanadier kaum erwarten. Aber statt ausladender, melodramatischer Szenarien geht Dolan dieses Mal ganz nah ran und mitten rein. Wie mit einer Lupe seziert er die Beziehungsgeflechte. Stilistisch ist das, was Regie, Kamera und Darsteller hier vorführen, mitunter extrem realistisch. Mit Handkamera auf engem Raum gedreht, als wäre man Teil der auf der Leinwand sich entfaltenden Machtkämpfe. Dann wiederum neigt der Film zur Überhöhung. Pathos ist bei Dolan kein Schimpfwort, sondern Teil der Strategie, die Dinge ganz genau anzusehen: Er macht sie größer. Da schreckt er weder vor hysterischen Wutausbrüchen noch vor massivem Musikeinsatz und nicht einmal vor der beinahe verbotenen Slowmotion zurück. Die heißt nicht umsonst auf Deutsch Zeitlupe. Auch hier kann man – richtig eingesetzt – wie durch eine Lupe mehr sehen. Tatsächlich ist Dolans Kino ein Kino des ‚mehr‘, ein reiches Kino. Und doch ist dieses Mal vieles anders: Eng ist es in den Zimmern des Familienhauses. Vielleicht nicht so eng, wie es einem die dicht an den Gesichtern des Starensembles (inzwischen kriegt der 27-jährige, gefeierte Regisseur sie alle: von Gaspard Ulliel und Léa Seydoux über Vincent Cassel und Marion Cotillard bis hin zur französischen Grande Dame Nathalie Baye) entlang fahrende Kamera weiß machen will. Aber Dolan sucht diese Nähe, um jede Gefühlsregung abzutasten. Was den Figuren im Film an Nähe abgeht – sie mögen noch so viel reden und noch so laut streiten, sie kommen sich kein bisschen näher – das scheint Dolan filmisch zu erforschen. Er kriecht förmlich in die Beziehungen.

Tiefes Mitgefühl
Ja, das nervt! Und genau das wurde dem Film von Kritikern vorgeworfen, als er im Frühling in Cannes den Großen Preis der Jury gewann. Aber so ist das eben mit Familienkonflikten: sie nerven! Die einen nerven, weil sie rumjammern, die anderen, weil sie rumschreien, und Louis nervt, weil er nur stumm dasitzt. Erst in Louis‘ wie ein Musikclip inszenierten Tagträumen erinnert der Film mit stimmungsvollem Gegenlicht, Zeitlupe und lauter Filmmusik an den überbordenden Pathos früherer Werke. Louis träumt sich weg. Das hat er immer schon getan und das merken die anderen Familienmitglieder. Und sie reagieren darauf: beleidigt die Schwester, enttäuscht die Mutter, aggressiv der Bruder. Louis scheint der Sympathieträger zu sein: Er ist elegant, eloquent, ruhig und wirkt schon rein äußerlich wie ein Ebenbild des Regisseurs (mit dem er nicht nur das Künstlertum teilt, sondern auch die Homosexualität). Doch wie in seinen anderen Filmen spürt man, dass der Regisseur alle seine Figuren liebt. Nur weil man verleitet ist, in der Hauptfigur das Alter Ego des Regisseurs zu sehen, sollte man Dolans tiefes Mitgefühl für die anderen Figuren nicht übersehen.