Fantastisches Füllhorn
„Black Hammer“ von Jeff Lemire

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Auf dem diesjährigen Comic-Salon Erlangen war eine Ausstellung der kanadischen Comic-Szene gewidmet, in deren Zentrum der zurzeit wohl erfolgreichste kanadische Comic-Zeichner und -Autor stand: Jeff Lemire. Lemire steht zugleich für den gelungenen Spagat zwischen Independent und Mainstream, zwischen Autoren-Comic und industrieller Massenware. Als sein erstes grösseres Werk – die Essex County-Trilogie, die im ruralen Kanada, in dem auch Lemire aufwuchs, angesiedelt ist – erschien, wurde dieses noch dem Autoren-Comic zugeordnet. Doch schon bald schrieb Lemire für die grossen amerikanischen Verlage Superheldengeschichten…

Parallel dazu erschienen weiterhin persönlichere und wieder selbst gezeichnete Comics wie Der Unterwasserschweisser, mit dem er seine nahende Vaterschaft verarbeitet hat. Inzwischen sind die beiden Welten, in denen er verkehrt, dicht zusammengewachsen. Und so konnte seine aktuelle Serie Black Hammer entstehen. Hier fungiert er als Autor, das Zeichnen hat er Dean Ormston überlassen. Jener arbeitet auch viel eher im Geist eines individuellen Stils als dem einer industriell gefertigten Superhelden-Reihe und erinnert wohl nicht von ungefähr an Lemires eigene Zeichnungen – vor allem an seine dystopische Scinece-Fiction-Serie Sweet Tooth.

Black Hammer ist ein Füllhorn an Ideen, als wäre es ein Debüt, aber in Form gebracht von einem, der längst souverän alle dramaturgischen Kniffe beherrscht: Eine Farm, wie die, auf der Lemire selber aufgewachsen ist, ist zu einer Art Freiluftgefängnis für eine Handvoll Superhelden geworden. Der grosse Showdown mit dem Anti-Gott endete in einem hellen Blitz, der sie alle an diesen Ort nahe einer langweiligen Kleinstadt schleuderte. Wollten sie fliehen, würden sie an einer unsichtbaren Grenze pulverisiert. Das wissen sie, weil genau das vor zehn Jahren ihrem Helden Black Hammer widerfuhr. Der erste Band webt in den drögen Alltag, den Frust der Gefangenen und deren innere Streitigkeiten die Vorgeschichten der Protagonisten, während im zweiten Band plötzlich eine junge Frau auftaucht – Black Hammers Tochter. Wie Lemire hier ungezügelte Fantastik mit geerdeten Emotionen kombiniert und zugleich ein Zitatenspiel auf Pulp-Ebene entfacht, geht schon deutlich in die Richtung eines Alan Moore mit seinen ausserordentlichen Gentlemen. Eine bemerkennswerte Comic-Reihe ist Black Hammer allemal. Die ersten beiden Sammelbände sind inzwischen auf Deutsch erschienen.

Die Kritik ist zuerst in Strapazin Nr. 132 erschienen