Art Cologne 2001

Zwischen den Orten

Nachdem die Relevanz der Art Cologne in den letzten Jahren zunehmend angezweifelt wurde (obwohl der Kontrahent in Berlin sich auch nicht durchsetzen konnte), wird dieses Jahr mit dem Slogan ‚The Artpole of the world’ diese Relevanz schlicht wieder behauptet. So kann man’s auch machen…

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Katz und Goldt

1997 hat der Graphiker und Zeichner Stephan Katz auf gut Glück einige von Max Goldt geschriebene Geschichten illustriert und dem Autor zugesandt. Dem gefiel’s und man entschloss sich zu einer Zusammenarbeit.
Seitdem gibt es neben Büchern, Platten und Hörspielen auch Comics von Max Goldt. Inzwischen steht der vierte Band in den Regalen.

Als erstes legten Stephan Katz und Max Goldt der Öffentlichkeit das beim Berliner Comic-Verlag Jochen Enterprises erschienene Heft „Wenn Adoptierte den Tod ins Haus bringen“ vor. Dort sind auch die Nachfolgebände „Koksen um die Mäuse zu vergessen“ und „Ich Ratten“ erschienen, die Zahlreiche Comic-Strips und Cartoons versammeln, von denen einige zuvor in diversen Magazinen erschienen waren. Als sich Katz und Goldt entschlossen, einen vierten Band zusammenzustellen, hatte ihr ehemaliger Verlag aber leider schon das Zeitliche gesegnet. Man musste also einen neuen Partner finden und fand ihn auch schnell im Carlsen Verlag. Dem jedoch gefiel anscheinend nicht nur der neu vorgelegte farbige Band „Oh, Schlagsahne! Hier müssen Menschen sein“, sondern auch die früheren. Und da die ersten drei s/w-Bände bereits vergriffen waren, verlegte man gleich noch die alten Titel aufs Neue, und zwar als schicke Hardcover-Ausgaben, teilweise mit Bonusmaterial versehen. Das hat zur Folge, dass nun ein völlig überforderter Rezensent vor 4 Comic-Alben mit höchst merkwürdigen Titeln und schlacksig-naiven Zeichnung mit viel Rastermuster-Hintergründen sitzt, und versucht, das alles irgendwie anschaulich zu machen, oder zumindest in den ominösen Humor-Kosmos von Max Goldt einzuordnen.

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Versuchen wir also ersteres durch letzteres: Max Goldt fiel wahrscheinlich zuerst einem größeren Publikum mit dem ´82er Foyer des Arts-Hit „Wissenswertes über Erlangen“ auf. Die dort beschriebene kleinbürgerliche Spießigkeit mit all ihren Klischées, Vorurteilen, Gemeinheiten und unfreiwilligem Humor zieht sich seitdem durch Goldts Schaffen: Etliche Platten zusammen mit Gerd Pasemann als Foyer des Arts, zahlreiche Bücher mit Kurzgeschichten und Kolumnen, Hörspielkassetten und seit 1997 eben auch Comics. Bei den Comics reicht die thematische Palette von oben genannten Beschreibungen (‚Erlangen’ gibt es im Bielefeld-Remix) über die Verarbeitung von Schwulen-Klischées (mit der Serie „Die beiden netten Homos“), pseudo-analytischen Diskursen (‚Pilze sind Jazz’) bis zu haarsträubenden Wort/Bild-Spielen und derben Zoten.

Auf beeindruckende Art zeigt sich schon nach den ersten Seiten der Lektüre, dass weder eine Orientierung an linearen Handlungssträngen noch das warten auf Pointen viel Sinn macht. Beides kann man hin und wieder vorfinden, die Regel ist es aber keinesfalls. Somit siedeln sie sich zwischen ihren ehemaligen Berliner Verlagskollegen OL (thematisiert kleinbürgerliche Spießigkeit extrem bösartig) und Phil/Fil (Meister im sinnentleerten Abschweifen von der zentralen Handlung einer Geschichte, nachzuprüfen an seinem Epos „Didi & Stulle“) an. Strips, die gekonnt ins leere laufen und jeglicher Pointe entbehren, dafür aber zwischendurch mit zahlreichen Bonmots aufwahrten wechseln sich ab mit Cartoons, die auch nach längerem Studium äußerst rätselhaft bleiben und vielleicht einfach nur zu zu später Stunde am Tresen entstanden sind. Aber: auch wenn man sich hin und wieder sehr an der Leichtigkeit des Un-Sinns ergötzen kann findet der aufmerksame Leser doch immer wieder äußerst treffend beobachtete hässliche Kleinigkeiten und schöne Großartigkeiten des Alltags zwischen provinziellem Mief und großstädtischer Hipness-Arroganz charmant beschrieben.

Zuerst erschienen in De:Bug 12/01

Alter Ego: Humor und Härte

Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke aka Alter Ego vermitteln zwischen Härte und Humor.

Gestern war Krieg in den USA! In der folgenden Nacht setzten sintflutartige Regenfälle ein, die bis in den Morgen andauerten. Jetzt hat sich das Wetter etwas beruhigt. Leichte Weltuntergangsstimmung liegt trotzdem über dem Szenario, als wir uns mit Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke, die zusammen das Produzentenduo Alter Ego bilden (ihr anderes Ego ist Sensorama) in den Räumen der intro-Redaktion treffen. Die Wartezeit bis zum Beginn des Fotoshootings (sämtliche Verspätungen und Pannen werden zur Zeit auf die Terroranschläge geschoben) überbrücken wir naheliegenderweise mit Gesprächen über die Ereignisse in den USA. Die Stimmung schwankt zwischen Besorgnis und hilflosem Rumalbern. Als die Fotosession beginnt, ist der Himmel immer noch tief bedeckt. Während Jörn eher Schlichtes bevorzugt und sich tapfer, aber letztendlich erfolglos gegen Pullunder wehrt, sucht sich Roman kontrastierend zur gedämpften Tagesstimmung einen schreiend-knalligen Pullunder aus dem Kleiderfundus aus: „Wo’s richtig weh tut fängt’s an Spaß zu machen.“

Vom Missverständnis zum Clubhit

Wenn das auch die Losung für „Betty Ford“, den viel gefeierten letztjährigen Clubhit von Alter Ego war, dann scheint sie gut zu funktionieren. „Betty Ford”, ein mächtig schiebender Technotrack, erschien Ende 1999 als 4-Track-EP auf Klang Elektronik, „ist aber 2000 erst richtig durchgebrochen“(Roman). Denn eigentlich war der Track auch nur eines der beiden B-Seiten Stücke. Nach anfänglicher Verwunderung hat sich dann aber nach und nach dieses Stück als der Clubtrack der EP durchgesetzt, und schnell kursierte die EP inoffiziell unter dem Titel „Betty Ford“.

Dabei ist Betty Ford für die Verhältnisse von Alter Ego ein ungewöhnlich hartes Stück. Denn Alter Ego wurde ursprünglich als das Ambient-Projekt der beiden gestartet, „seitdem hat sich das aber immer mehr verhärtet, und jetzt sind wir an diesem Punkt angelangt (Roman).“ ‚Diesen Punkt’ könnte man auch ‚Schrantz’ nennen, jenen harten Loop-Techno vornehmlich Frankfurter Provenienz. Jörn:“Es ist schon eine Schrantz-Hymne, das kann man so sagen. Aber den Begriff gab es zu der Zeit ja noch gar nicht.“ Der Track, der nach einem hochtourig laufenden Maschinenmotor mit kleinen Aussetzern klingt, bedient in der Tat das Schrantz-Publikum. Allerdings – und hier setzt ein Reihe von Missverständnissen und lustigen Zufällen ein – kann man im Stück noch einiges mehr hören – die stumpfen Momente sind doch eher vordergründig.

Digitaler Hardcore-Humor

Roman: „Die Idee ist völlig over-the-top, da sind vollkommen absurde Momente drin. Der Basslauf z.B.: schlimmer geht’s nimmer! Da gibt es wirklich stumpfe Elemente. Man muss die eben nur so einsetzen, dass es nicht peinlich wird.“

Jörn: „Es ist wie eine Achterbahnfahrt die über Höhen und Tiefen geht. Das gibt es im Augenblick selten. Die Stücke sind zur Zeit oft sehr eindimensional – DJ-Tools eben. „Betty Ford“ hingegen ist extra so gemacht, dass es aus dem DJ-Set herausragt. Es will sich in den Vordergrund spielen. Nicht ohne Grund hören so eine Platte auch ganz andere Leute: viele Ältere, viele Künstler, viele Studenten und viele Indie-Leute. Die gehen dazu aber nicht Techno tanzen, sondern finden das einfach gut, weil es so bizarr und absurd ist.“

Roman: „Das Stück nimmt eine gewisse Ernsthaftigkeit raus, die in vielen härteren Techno-Stücken ist. Es schwingt ein Quäntchen Wahnsinn mit, und das macht es etwas außergewöhnlich.“

Der Wahnsinn hat Methode

Deswegen auch der etwas verwirrende Titel: Betty Ford, die Frau von Henry Ford, hat eine Klinik für Suchtkranke Weltstars gegründet. Roman: „Weil der Wahnsinn einfach in der Luft lag, dachten wir, muss das auch im Titel erkennbar sein.“ Dass man bei dem Track auch an Motoren von z.B. Ford-Autos denken kann, ist hingegen nur eine weitere, willkommene Assoziation.

Verglichen mit Schrantz-Tools klingt „Betty Ford“ aber nicht wirklich hart. Dem Hörer schlägt nicht eine undynamisch permanent auf höchstem Level angesiedelte strukturelle Dichte entgegen, die einem rhythmisch gleichförmig spitze Sounds entgegenschleudert. „Betty Ford“ ist eher übersichtlich, mit fettem Bass produziert und konzeptuell Angelegt. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Stumpf und liegt direkt in der Nachbarschaft eines Wolfgang Voigt, der mit seinen Projekten „Auftrieb“ und „Freiland“ ähnliche Felder beackert. So war bei der Frage nach den Kandidaten für die längst überfälligen Remixe schnell klar, dass Voigt aka Wassermann mit von der Partie sein wird (auch eine Revanche dafür, dass Alter Ego zusammen mit Sven Väth dessen programmatische Technohymne „W.I.R.“ zerbröselt haben). Auf der kommenden Remix Platte findet sich – neben Versionen von Justin Berkovi und DJ Rush – auch ein Remix von März. Der ist zuständig für den bislang letzten Zufall in dieser Geschichte: März alias Ekkhard Ehlers kam zur rechten Zeit ins richtige Büro und wollte kurzer Hand auch einen Mix beisteuern. Roman:“Wir dachten: ‚Ok, dass kann eigentlich nur absurd werden, lassen wir den ruhig mal ran’.
Christian Meyer

Zuerst erschienen in: intro, 10/2001

Die Remixe von Betty Ford erscheinen als CD bei Zomba, als Vinyl-Maxis weiterhin bei Klang Elektronik

Ming (Interview)

Electro-Pop-Chansons

Das Brüsseler Duo kann sich einfach nicht entscheiden:, Elektronik oder Pop, lustig oder traurig, Kraftwerk oder Telex, Innen oder Außen. Mit Ming zwischen allen Stühlen!

Text: Christian Meyer

Da stellte sich doch leichte Verwirrung ein, als ich kurz nach dem Interview mit dem Belgischen Electro-Pop Duo Ming eine Anzeige für das neue Album von Ming in einem Fachmagazin erblickte. Demnach heißt das überraschenderweise gerade erschienene Debutalbum des anscheinend Britischen Duos nicht ‚Intérieur/Extérieur’, sondern ‚Red’. Des Rätsels Lösung: es gibt zwei Mings und voraussichtlich bald auch den üblichen Namensstreit. Den werden hoffentlich die Belgischen Ming für sich entscheiden können: zum einen, weil sie zuerst da waren, und wer zuerst nennt, heißt schließlich auch zuerst! Zum anderen, weil man von diesen beiden äußerst sympathischen und sensiblen Menschen am liebsten alle Probleme dieser Welt fernhalten möchte. Irgendwie kann man bei ihrem Anblick nicht glauben, dass sie dem standhalten würden (was mit Sicherheit überhaupt nicht stimmt!). Ich treffe Frédérique (kurz Fred) und Nicolas am Rande des Electro Bunker Open-Airs in Köln am Rhein, genauer am Strand des Rheins, wovon die unterschiedlichsten Schiffsmotorengeräusche auf der MD ein munteres Liedchen brummen und die sowieso in lustigem Englisch Sinn zerbröselnden O-Töne verschlucken. Wir befinden uns jedenfalls (dr)außen…

De:Bug: Wie kann man den Albumtitel Intérieur/Exterieur verstehen?

Fred: Einige Songs erzählen die Innenansicht, einige die Außenansicht.

De:Bug: Das müsst ihr genauer erklären, ich verstehe fast kein französisch. Wovon redet ihr in den Texten, beziehungsweise wer von Euch schreibt sie überhaupt?

Nicolas: Manche Texte schreiben wir gemeinsam, manche alleine, das hängt davon ab, wer die Musik geschrieben hat. Ein Text ist auch von dem Dichter Arthur Rimbaud. Die Sprache, die wir benutzen, ist ähnlich poetisch. Wir beschreiben keine Alltagsdinge und benutzen auch keine Alltagssprache. Manchmal sind die Texte sehr abstrakt, manchmal sehr materiell. Fred hat dazu ein Stück geschrieben – Sentir et Analyser – das von beidem, vom Fühlen und Analysieren, handelt.

Fred: Im Französischen Chanson – in bestimmter Weise beziehen wir uns darauf, wenn auch nicht bewusst (alleine dadurch, das der Chanson in Belgien sehr präsent ist und sie in Französisch singen/Anm. CM) – gibt es etwas sehr affektiertes…
Für dieses Album habe ich versucht, nicht zu realistisch zu sein, sondern einen neuen Weg in der Poesie zu gehen. Zwei oder drei Stücke sind aber trotzdem ‚exterieur’, nicht metaphorisch, sondern sehr präzise, technische Beschreibungen von Dingen.

De:Bug: Passt dazu Euer Fassbinder Zitat „Liebe ist kälter als der Tod“?

Nicolas: Das ist als Hommage an Fassbinder gemeint. Er hat auch Musik mit kalten Texten und lustiger Variete Musik gemacht. (hat er das wirklich gesagt, oder versuchen mir hier die Interferenzen eines Schiffsmotors unterzujubeln, Fassbinder hätte auch Musik gemacht?). Der Intérieur-Part tritt bei Rimbaud hervor: er beschreibt einen Zeitgeist, der sehr aktuell erscheint. Das Leben in der Großstadt, die Situation der Jugend, die Opfer der Zeit sind – aber sie unternehmen nichts dagegen.

De:Bug: Musikalisch versuche ich Euch jetzt mal ganz platt mit anderen Brüssler Bands in einen Topf zu schmeißen: Die New Wave Band Honeymoon Killers war ähnlich wie ihr melancholisch und lustig zugleich. Was von beidem ist für Euch bedeutender?

Fred: Es ist einfach beides da!

Nicolas: Ich weiß nicht warum, aber für mich hat Musik immer etwas mit Melancholie zu tun. Aber auch wenn man so etwas Ernstes macht wie Musik, kann man nicht… ich bin nicht Stockhausen! Wir mögen es zu spielen, und es ist eben auch so etwas wie ein Spiel. Zur selben Zeit ist es aber auch wieder so ernst – wir hängen tatsächlich immer zwischen diesen beiden Aspekten.

De:Bug: Der Promozettel redet von starkem Kraftwerk-Einfluß in Eurer Musik. Ich denke eher an Telex, die ja ebenfalls aus Brüssel kommen: die waren weniger Streng, oft spaßig und sehr verspielt.

Nicolas: Dazu können wir nichts sagen. Telex ist uns zu nahe. Die waren soo belgisch. Die kommen aus unserer Parallelstraße. Die Leute machen über diese Nähe schon Witze.

De:Bug: Ihr werdet also oft mit ihnen verglichen?

Nicolas: Nein, und wir sind auch tatsächlich mehr von Kraftwerk beeinflusst. Wenn wir Telex hören, müssen wir immer lachen. Die machen ja ständig nur Witze. Sie haben z.B. 1980 das Stück ‚Eurovision’ auf dem Album Neurovision für den Grand Prix gemacht (wo übrigens auch das sehr schöne ‚Tour de France’ zu finden ist – soviel zum Telex/Kraftwerk-Vergleich!/Anm.CM).

De:Bug: Euer erstes Album Miso-Mix ist noch rauer als die neue Platte! Jetzt klingt alles reifer, erwachsener! Nicolas erzählte mir vorhin, dass ihr neues Equipment habt. Ist das der Grund für den neuen Sound.

Nicolas: Die Musik wird einfach immer wichtiger für uns. Früher haben wir den Schwerpunkt darauf gesetzt, kleine, lustige Melodien mit dem Synthesizer zu spielen. Jetzt versuchen wir Musik zu machen, die alle Möglichkeiten ausschöpft, die uns die Maschinen bieten. Wir sind darin allerdings keine Spezialisten, wir befinden uns eher auf Entdeckungsfahrt. Wir experimentieren, weil wir nicht genau wissen, was dies ist und wie jenes funktioniert.

Fred: Der Prozess des Suchens ist wahrscheinlich auch interessanter als der Moment des Findens.

De:Bug: Fühlt ihr euch der Elektronik-Szene nahe, oder seht ihr Euch eher einfach als Popmusiker? Denkt ihr darüber überhaupt nach?

Fred: (lacht) Wir reden tatsächlich sehr viel darüber. Es ist nicht so eindeutig

Nicolas: Nein, im Moment ist das nicht sehr klar… Vor zwei Jahren wollten wir nur noch elektronische Musik machen, keine Chansons mehr, keine Texte, nur herumexperimentieren. Jetzt wissen wir, dass wir auch andere Dinge machen müssen. Der Pop ist jetzt wieder zurückgekehrt.

De.Bug: Kein Gespräch ohne 80er Retro-Debatte: ihr covert Subculture von New Order. Ist das Eure Jugend?

Nicolas: Die Bassline ist so simple. Ich habe irgendeine Bassline gespielt, und merkte dann, das es von Subculture ist. Das ist alles!

Fred: Es sollte eigentlich etwas anderes werden, aber plötzlich war es New Order.
Für mich sind die 80er kein Jahrzehnt, bei dem man melancholisch werden kann, es war einfach eine lächerliche Zeit.

Nicolas: Eine wirklich schlechte Zeit!

Fred: Wenn das so weiter geht mit diesen Retrophänomen, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Das sind eben Modeerscheinungen.

Nicolas: Das ganze ist einfach nicht sonderlich interessant. Wir ziehen es vor, uns Gedanken über die Gegenwart und Zukunft zu machen. Viele Künstler sind anscheinend nicht fähig, über die Zukunft zu reden – und sie wissen auch nichts von der Gegenwart. Wenn man viel über die Zukunft nachdenkt, merkt man, dass das die totale Katastrophe ist, das Ende, das ist klar… aber ich will jetzt nicht zu negativ werden (lacht). Es ist ganz einfach diese Bassline zu spielen: dumm dum dumm dum.., und dieses 80er Zeug. Das könnten wir…

Fred: …1000 Jahre lang machen (große Belustigung allerseits)!

Nicolas: Wir machen auch so was, aber es ist eigentlich nicht unser Thema! Wir sind in den 80ern Groß geworden, und kennen deshalb die Musik genau, das ist alles.

Zuerst erschienen in De:Bug 10/01

Schlammpeitziger

Wühlen im Schlamm der gegenwärtigen Vergangenheit

Niedlich! Nie-dlich!! NIE-DLICH!!! So, das war schon mal vorab die übliche Portion ‚niedlich’ pro Schlammpeitziger-Artikel. Dann kann ich mich jetzt ja wohl einer weniger festgelegten Auseinandersetzung mit der Musik von Jo Zimmermann, wie sich Schlammpeitziger bürgerlich nennt, widmen. Denn er selbst gibt zwar einige steile Vorlagen, die den Gebrauch dieses Adjektivs fördert, aber eine Beschäftigung mit seiner Musik kann auch ganz anders gehen – und zwar so (im wirren Intuitions-Mix):

Die Schlamm-Kosmologie

Schmeißt man all sein Schlammpeitziger-Wissen in einen Topf, drängt sich einem unweigerlich die Vorstellung eines eigenen, kleinen Schlammpeitziger-Kosmos auf: da sind die in einem Paralleluniversum, unabhängig von der Musik entstehenden Coverzeichnungen, die aus einem großen Fundus über die Jahre angehäufter Zeichnungen ausgewählt werden. Da ist dieses eine, die gesamte Musik mit seinem Sound prägende Gerät (ein Casio Digital-Synthesizer, den er nach all den Jahren wie seine Westentasche kennt), mit dem bis vor kurzem die komplette Musik gemacht wurde (erst kürzlich sind ein Sampler und einige andere Geräte hinzugekommen). Da ist die freundschaftliche Zugehörigkeit zum Kosmos von A-Musik, in den er aber doch mit seiner unakademischen, intuitiven Musik nicht ganz hineinzupassen scheint.

Glücksrad-Musik

Vor allem Letzteres bestätigt sich beim Gespräch mit dem Künstler: Musik machen ist bei Schlammpeitziger sehr vom Zufall abhängig: nicht geplant, und auch nicht von technischem, musikwissenschaftlichem oder musikhistorischem Wissen abgeleitet. In der Musik prallen die verschiedensten Einflüsse aufeinander, ohne dass es theoretisierend knallt: es passiert einfach! Der als erstes vom Schlammpeitziger unverhohlen zugegebene und nachvollziehbare musikalische Einfluss kommt von New Wave-Elektronik à la Residents, Der Plan u.ä. Aber wie lassen sich all die anderen in die Textur der Stücke reingerutschten Elemente erklären? Vielleicht gar nicht künstlerisch, wie bei den orientalisch klingenden Sounds und Melodien seiner Fantasiefolklore: „Das passiert immer automatisch, wenn ich die schwarzen Tasten benutze“. Oder nur mit der zufälligen Koexistenz von musikalischen Ideen zu verschiedenen Zeiten, wie bei den deutlichen Anleihen beim Krautrock. Denn das hat Jo Zimmermann nie sonderlich bewusst in sich aufgenommen: „Als ich Frank Dommert kennenlernte (A-Musik; Entenpfuhl usw.), hat der mir von Harmonia erzählt. Vorher kannte ich so etwas nicht. Das ist dieses Phänomen von der gleichen Idee von Musik, die unabhängig voneinander und zu einer anderen Zeit entsteht“. Und jetzt, in anderen Zusammenhängen auch wieder funktioniert – anders funktioniert! Auch in produktionstechnischen Fragen ist das Ergebnis auf ähnliche Art dem Zufall ausgeliefert. Neugieriger Reporter: „ Wie wissen Sie, wann Sie die Arbeit an einem Stück beenden müssen, wann ist der Track fertig, wie schützten Sie sich davor, solange Ideen aufeinanderzustapeln bis das Ganze umkippt?“ Antwort des Künstlers:“Das bedingt die Technik, ich habe ja nur 8 Spuren! Wenn die voll sind, sind sie eben voll!“ Ja, so einfach kann das sein. Naiv könnte man das nennen, wenn das einerseits nicht negativ behaftet wäre, sich andererseits dadurch nicht wieder eine so gefährliche Nähe zu diesem anderen Adjektiv mit ‚n’ in the begining einstellen würde. Gefährliches Fahrwasser…

Jetzt Welterfolg, bitte!

Zu den Fakten: Die gerade erschienene erste Compilation ‚Collected Simple Songs Of My Temporary Past’ versammelt Lieblingslieder der bisherigen Veröffentlichungen, ausgesucht vom Musiker mit beratender Unterstützung von Freunden der A-Musik. Mit der CD soll der große Erfolg in GB und den USA, der bislang ausblieb, forciert werden. „Das wäre schon komisch, aber auch gut: Schlammpeitziger in den USA!“. Mit dem neuen Label Domino im Rücken wäre das sicherlich möglich und ein entscheidender Schritt nach vorne (ein Mixauftrag von Depeche Mode ist auch schon eingetrudelt). Leben kann er zwar schon seit zwei Jahren von der Musik (was ihn allerdings immer noch wundert!), besser leben wäre aber natürlich besser! Außerdem geht von den derzeitigen Entwicklungen ein neuer Motivationsschub aus, der zu neuem anspornt: Live werden jetzt nicht mehr nur die Melodien nachgespielt, wie bisher, sondern die Stücke auch lustvoll zerlegt (ha, gar nicht niedlich und auch nicht naiv!). À propos Melodien (die Dinger, weswegen ihm das Prädikat ‚niedlich’ so sehr anhängt): die wurden von vielen Hörern schon beim letzten Album vermisst, in Zukunft sollen die Stücke zusätzlich noch brüchiger werden und deutlich mehr nach vorne gehen. Die den meisten Tracks ihhärente sehnsüchtige Melancholie darf aber bleiben. Und er möchte auch nach wie vor seine Platten am liebsten im A-Musik-Fach wiederfinden. Soviel zur gegenwärtigen Vergangenheit inklusive besagter Compilation. Warten wir jetzt mal ab, was die vergangene Zukunft gebracht haben wird.

Zuerst erschienen in De.Bug 10/01

Roots Manuva: Madman im Audio-Zirkus!

Roots Manuva hat 1999 mit seinem Debut-Album ‚Brand New Second Hand’ nicht nur das Ninja Tune Sublabel Big Dada groß auf der Hip Hop-Landkarte markiert, sondern auch UK-Hip Hop wieder in’s Gespräch gebracht. Der war nach dem Ende von typisch britischen Fusionen von Shut Up And Dance (Hip Hop plus Breakbeat-Rave) oder der London Posse (Hip Hop plus Ragga) und zunehmend langweiligem Hardcore ziemlich lange in Vergessenheit geraten – die zeitgleich einsetzende Rawkus-Hysterie auf der anderen Seite des Atlantiks tat ihr Übriges…
In der Nachfolge von Manuva erschienen, allerdings weniger von der Presse beachtet, auf Big Dada weitere expanding Hip Hop Platten von New Flesh For Old oder Gamma, die Manuva an Eigenart nicht nachstanden, aber einen deutlich schärferen, von elektronischem Noise begleiteten Ton anschlugen. Nach Guest-Appereances bei Non-Hip Hop-Acts wie Leftfield, Mr. Scruff oder Herbalizer, die Manuvas open mindness unterstrichen, meldet er sich jetzt mit seinem zweiten Album zurück und kann seinen roughen Labelmates einiges entgegensetzen. Er hat allerdings auch weiterhin seine typische, vom Reggae geprägte Gelassenheit im Gepäck. Die Verbindung zum Reggae, die durch tiefe Bässe und teilweise eingestreutes Toasting präsent ist, ist ein erstes Indiz für den Herkunftsort London. In der Kombination mit Einflüssen von elektronischer Musik wird man noch deutlicher an diesen Ort der vielen Stilkreuzungen verwiesen.

De.Bug: Die Vermischung von Musikstilen scheint besonders typisch für England bzw. London zu sein. So sind schließlich Dinge wie Drum ‚n’ Bass, Trip Hop oder 2Step entstanden.

Manuva: Auf jeden Fall. In Bezug auf Hip Hop sieht das so aus: In den USA sind die Leute stark durch Funk beeinflusst, in England lieben die meisten Hip Hopper Reggae genauso wie Hip Hop.

Da verwundert es nicht, dass er sich einen alten Helden des britischen Hip Hop-Reggaes, Rodney P. von der London Posse, als Gast-MC auf sein Album holt. Woher aber kommen die Einflüsse für so ein Stück wie ‚Witness(one hope)’, die erste Singleauskopplung, das mit massiven elektronischen Sounds aufwartet?

Manuva: Ich höre ein bisschen elektronische Musik, z.B. Aphex Twin , Neotropic, andere Sachen auf Ninja Tune, und anderes, wo ich den Namen vergessen habe. Ich habe immer schon alle mögliche merkwürdige Musik gehört. Die Leute, die mich dazu gebracht haben, mit Synthesizern und Samplern zu arbeiten waren Art of Noise. Ich erinnere mich, wie sie darüber gesprochen haben, wie man Musik aus Fehlern macht, sich von den Regeln befreit. Das ist ein interessanter Aspekt beim Musik machen.

De:Bug: Hast Du bei all der Experimentierfreude keine Probleme mit dem Publikum? Experimenteller Hip Hop ist ja nicht gerade ein Kassenschlager, wenn ich an die Besucherzahlen der letzten Konzerte denke!

Manuva: Nein, in der Regel nicht. Wir kommen, um zu unterhalten, und je nachdem kannst Du die Musik ignorieren: just watch the Madman, the strange guy, the audio circus! Aber so viel wired stuff da ist, so sehr mache ich auch simpleres Zeug, um die Balance zu halten. There are awful safe tracks!

Das letzte Album hörte mit einem String-track auf, das aktuelle startet mit einem ähnlichen Intro. So hat man zunächst das Gefühl, dass Run Come Save Me die Konsequente Fortführung des Debuts ist. Aber ist das wirklich so, gibt es da nicht einige entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Platten?

Manuva: Ich hatte jetzt mehr Zeit, mich dahingehend zu entwickeln, mich nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen, was für das In-Ding gehalten wird oder was die ‚korrekte’ Interpretation von dieser verrückten Sache ist, die wir Hip Hop nennen. Ich war freier und weniger im Kampf mit der Welt. Auf der technischen Seite habe ich mir ein kleines Heimstudio, nein, kein richtiges Studio, eher eine kleine Homeproduction Suite, zusammengestellt. Vorher hatte ich einen Atari-PC mit 1 MB Speicherplatz, jetzt habe ich einen G4 mit 85 Gigabyte, viele Programme, ich kann jetzt Vocals und Instrumente zuhause aufnehmen.

De:Bug: Du spielst herkömmliche Instrumente?

Manuva: Ich würde nicht sagen, dass ich sie spiele, ich produziere Sounds mit ihnen: Gitarre, Bass, Spielzeug-Trompete… alles, womit man interessante Geräusche erzeugen kann.

Mann könnte vermuten, daß die Arbeit an dem neuen Album wegen des großen Erwartungsdrucks nach dem ersten, in der Presse sehr positiv aufgenommenem Album problematisch war. Nach so einem Erfolg wie bei seinem Debut möchte man auf keinen Fall enttäuschen… besser, man setzt noch einen drauf, um die hochgeschraubten Erwartungen zu erfüllen. Das führt dann in der Tat dazu, dass die neue Platte wilder und gehetzter klingt. Zumindst zu beginn von Run Come Save Me wartet Manuva heftig mit vielen düsteren elektronischen Sounds und komplexen Beats auf. Weil das so besonders exponiert an den Anfang gestellt ist und offensichtlich eine Herausforderung für den durchschnittlichen Hip Hop-Fan sein wird, kann man vermuten, dass das signalisieren soll: hier kommt ein neuer Style, da musst du durch, da musst Du mit arbeiten.

Manuva: (lacht) Das war nicht meine Idee, es fühlte sich einfach richtig an. Das letzte Album fing ziemlich understated an. Jetzt komme ich zurück mit Noise. Aber es gab tatsächlich einen großen Druck. Nach dem ersten Album wollte ich zuerst eigentlich gar nichts mehr, zumindest nicht als Roots Manuva, produzieren. Ich wollte nicht mehr Musiker, sondern lieber wieder Mensch sein. Zeit haben, die grundlegenden Dinge des Lebens zu genießen: einkaufen, waschen, mal aufräumen, wieder selber kochen, anstatt immer Fast-Food zu essen.

Aber es gibt ein neues Album, also gab es da doch noch das Bedürfnis, sich musikalisch auszudrücken!

Manuva: Ja, ich habe ein großes Bedürfnis, kreativ zu sein. Nicht nur mit Musik, ich probiere auch andere Dinge aus: mache merkwürdige Bilder, Computerkunst, filme mit meiner neuen Digitalkamera alles mögliche und schneide kleine Filme zusammen.

Das ist eine nicht geringe Bandbreite, die einen Fragen lässt, als was wir wohl in der Zukunft von ihm hören werden.

Manuva: Ich brauche erst eine Reaktion, um zu wissen, was ich danach tun werde. Ich glaube aber nicht, das es in nächster Zeit noch ein Roots Manuva Album geben wird. Ich werde andere Dinge machen: mit anderen Leuten Zusammenarbeiten, Produzieren, es ist aber noch nichts konkretes geplant. Ich habe aber einige gute, noch vage Ideen.

Hört sich alles danach an, als sei das MCing nicht gerade das wichtigste im Leben von Roots Manuva.

Manuva: Ich rede über alles mögliche, die Basisstruktur meiner Texte ist ziemlich zufällig. Meist sind meine Texte nur wahllos Wortspiele. Es gibt ein oder zwei Stücke mit linearen Erzählungen: eine über eine Beziehung, eine über das Aufwachsen in der Kirche, aber im Allgemeinen mische ich Erlebtes mit Fantasie und verbalen Tricks. Vor allem würde ich aber gerne meine musikalischen Ideen und träume ausdrücken. Ich würde gerne einen Track machen, auf dem nicht meine Stimme zu hören ist, der aber trotzdem meine Richtung hat. Ich würde gerne die Stimmen arrangieren, wie ein Dirigent bei einem Orchester, nur eben nicht für Streicher, sondern für MC’s… und für die Sounds, die man verwendet, um die rhythmische und melodische Struktur zu Erschaffen.
Christian Meyer

Das Album Run Come Safe Me erscheint am 13.8. bei Big Dada
Die Single Witness(One Hope) mit einem Remix von Part2 von New Flesh For Old ist bereits erschienen.

Zuerst erschienen in De:Bug 50

Techno Animal

Aus Fiktionen Fakten machen!

Techno Animal, das Projekt von Kevin Martin und Justin Broadrick, ist nach zehnjähriger Entwicklung vom Metall ihrer Prä-Techno Animal-Phase über Techno mit ihrem neuen Album ‚The Brotherhood Of The Bomp’ bei Hip Hop angelangt. Aber natürlich machen sie keinen Hip Hop im klassischen Sinn, auch wenn diesmal sogar MC’s vom Anti Pop Consortium, Rubberroom und Sonic Sum sowie Toastie Taylor, Dälek und Vast mit EL-P beteiligt sind. Ihr schmutziger Mutant-Hip Hop wühlt sich durch Berge spitzen Krachs zwischen Industrial und Punk-Flavour und kriecht durch Täler tiefer Bässe zwischen Dub und D&B. Konservative Old-School-Attitüden gibt’s anderswo!

Es ist schön, wenn man mit Pluspunkten in’s Gespräch einsteigen kann: Die De.Bug kennen sie gut von einigen ihrer deutschen Freunde. Und nach meinen Erfahrungen mit Dälek zeichnet sich erneut ab, dass die schlimmsten Krachmacher die nettesten Menschen sind. Doch die Vorteile drohe ich mit meiner schlechten Vorbereitung direkt wieder zu verspielen. Von den zahlreichen Veröffentlichungen der beiden kenne ich nur die erste Godflesh LP (Justins Metall-Band der frühen 90er), ihr gemeinsames Sidewinder-Album mit industrialmäßigem Techno und natürlich ihr neues Album. Ein Manko, das mir aber als Vorteil ausgelegt wird.

Justin: Es ist gut, Leute zu treffen, die nur das neue Album kennen und nicht die ganze Geschichte und den Mist. Das ist richtig erfrischend!

Kevin: Das kann ein großes Handicap sein, wenn Leute deine Vergangenheit kennen, den ganzen Ballast. Sie haben vorgefertigte Vorstellungen, wie du klingen solltest. Und sie wollen, dass du so bleibst. Aber für uns bedeutet Musik immer auch Wandel, Wir verändern uns als Menschen, und wir sind besessen von Musik, also verändert sich auch unsere Musik. Und manchmal wird dir das nicht erlaubt – besonders von den Medien. Musikmedien verhandeln Menschen häufig als eindimensionale Charaktere. Sie sind DAS, und sie dürfen nur DAS sein! Für uns ist es eine Herausforderung, uns immer wieder neu zu erfinden und unser Interesse an Musik immer wieder anzutreiben.

1. Hip Hop
De:Bug: Hip Hop steht bei der neuen Platte weit im Vordergrund. Wann hat die Beschäftigung damit angefangen? Bereits 1999 hat Kevin ja die Compilation
‚Collision Course’ mit dem Anti Pop Consortium, Mike Ladd, Rubberroom u.a. zusammengestellt.

Justin: Du kennst nur das neue Album, aber wir haben uns in den letzten 6 Jahren langsam und kontinuierlich auf dieses Album zu bewegt.

Kevin: Wir haben schon bei God (Kevins Rock-Band vor TA/Anm.CM) u. Godflesh mit Hip Hop-Rhythmen gearbeitet. Es ist eigentlich unmöglich, in England nicht von Hip Hop beeinflusst zu sein, wenn du Musik magst. Er ist immer da, spätestens seit den späten 80ern. Ein wichtiger Teil der Entwicklung von Techno Animal hatte mit dem Label Force Inc. zu tun. Da gab es die Electric Ladyland Compilations. Ich finde, das waren ziemlich wichtige Compilations für das Label und allgemein für Leute, die an Mutant-Hip Hop interessiert sind – Hip Hop, der nicht gewöhnlich, old-school, konservativ ist.

Justin: Vorher gab es nur die MoWax ‚Heads’ Compilation, die einen Wechsel im Hip Hop zum Instrumental-Hip Hop markierten.

Kevin: Wir haben beide die Idee von Trip Hop gemocht. Klar, das ist jetzt fürchterlich, aber als wir das zuerst gehört haben, diese Idee von psychedelischem Hip Hop… Hip Hop war immer psychedelisch, das haben wir daran geliebt. Vorher konnte man das nur auf den B-Seiten der 12“es hören, die wir immer schon geliebt haben. Dazu kannst du einfach tanzen, und musst nicht die Lyrics analysieren.

Justin: Da steht die Musik im Vordergrund. Und die Heads-Compilation hat klar gezeigt, dass die Musik im Vordergrund stehen kann, und nicht nur als Hintergrund dienen muss. Ok, auf Heads war es auch eher Hintergrundmusik, eine art Easy listening. Electric Ladyland war natürlich lange nicht so erfolgreich wie Heads, war aber der nächste große Anstoß für uns.

Kevin: Für die Leute auf Electric Ladyland war es schwierig, mit Rappern zu arbeiten. Das waren Alec Empire, Word Sound, Vadim, Leute die Hip Hop lieben und etwas neues, aufregendes machen wollten, aber weder den Kontext, noch das Geld hatten, um mit Rappern zu arbeiten. Sie wollten, dass es so gut klingt wie traditionelle Hip Hop-Platten, wollten es aber gleichzeitig in eine andere Richtung lenken.

Justin: Force Inc. und die ganze Frankfurt-Szene haben auch uns die Möglichkeit gegeben, unseren Fokus auszuweiten.

De:Bug: Glaubt ihr, dass ihr mit dem Album echte B-Boys erreichen könnt?

Justin: Wir hoffen es!

Kevin: Warum auch nicht? Ok, es ist neu, aber das ist immer auch eine Herausforderung.

Justin: Nimm Public Enemy. Sie hatten einen so unglaublichen Einfluss, aber als es erschien, wusste erst mal keiner, was das sein soll, dieses Chaos, dieser Noise. Dann hatte auch noch Funk, und es hatte politische Inhalte. Wow!!!

Kevin: Der Titel unseres Albums hat viele Ebenen, eine davon ist eine Hommage an den großen Einfluss der Bomb Squad (PE-Produzententeam/Anm. CM) auf uns. Auch bei unserem Album kannst Du sagen: was hat das mit Hip Hop zu tun, aber das kannst du genauso gut zu dem Cannibal Ox-Album sagen, zu Mr. Lif, zu Company Flow.

De:Bug: Im Moment gibt es ja viele Hip Hop-Sachen, die verstärkt mit elektronischen Sounds und Noise arbeiten. Ein Blueprint dafür war vielleicht das verrückte Company Flow Instrumantalalbum ‚Little Johnny from the Hospitul“.

Kevin: Bestimmt, und eine sehr vielversprechende Platte, denn Hip Hop läuft große Gefahr, zu einer Karikatur zu werden. Wir haben letzte Nacht Viva gesehen: da war eine europäische Crew zu sehen und im Publikum waren nur Leute, die absolut auf Old-School aus wahren, mit all den Klischees. Warum versuchen Leute zu sagen, sie wüssten was Hip Hop ist? In Wirklichkeit ist es so, dass viele Schwarze dem Hip Hop bereits den Rücken kehren und andere Musik bevorzugen. Die haben keine Lust mehr, Stücke zu hören, die 10 Jahre alt klingen. Darum liebe ich den Underground- Hip Hop von Def Jux, Anticon, Anti-Pop u.a., weil sie sich absolut auf die Zukunft konzentrieren und nicht auf die Vergangenheit. Science Fiction is generally Science Fact for us! Wir lieben die Idee des Futureshock, den Justin im Zusammenhang mit Public Enemy angesprochen hat. Wir wussten nicht, was das für eine Musik sein sollte, aber wir wussten, dass es aufregend ist und viel genialische Energie hat. Viel Major-Hip Hop, obwohl: Underground-Hip Hop eigentlich genauso – ist so schematisch geworden. Ehrlich gesagt finde ich vielen Major-Hip Hop seit einigen Jahren produktionstechnisch viel interessanter als Underground-Hip Hop.

2. INDUSTRIAL
De:Bug:In Eurer Musik sind immer auch deutliche Industrial-Einflüsse…

Kevin: Bei Industrial denke ich an wirklich üble Musik, Marilyn Manson, Gothic und so

De:Bug: Oh nein, entschuldige, ich meine frühe 80er: Throbbing Gristle, SPK usw.

Kevin: DAS hat uns in der Tat ziemlich beeinflusst. Und auch die Leute, durch die sie wiederum beeinflusst waren. Damals kannten wir das nicht, aber jetzt kennen wir Komponisten wie Penderecki, Ligeti, Luigi Nono…

De:Bug: Kennt ihr sein Stück ‚La fabrica illuminata’ von 1969, wo er einen Chor mit Geräuschen aus einem Stahlwerk verbindet.

Kevin: Nein, gibt es davon Aufnahmen? Schreib mir das mal auf, das muss ich auschecken! (hier also der Beweis für ihr unstillbares Interesse an neuen musikalischen Eindrücken und Erfahrungen. Daneben ist ein äußerst wichtiger Programmpunkt ihres Köln-Tages auch ein Besuch bei Kompakt im Anschluss an unser Gespräch)

Kevin: Justin hat das letztens schon mal in einem Interview gesagt: in der ursprünglichen Industrialmusik ging es darum, das Kranke in Deiner Umgebung und deine Neurosen in Dir zu untersuchen. Das ist eigentlich das selbe was wir machen.

De:Bug: Es ging damals ja auch um die körperliche Erfahrung dieses Krankheitszustandes . Zu den sehr lauten Konzerten wurden häufig Videos aus OP’s usw. gezeigt.

Kevin: Wie bei uns: Wenn wir live spielen – und es im Griff haben – ist das auch eine Erfahrung der absoluten Überlastung.

De:Bug: Ich weiß, ich habe es bei eurem Gig mit Dälek im Studio 672 im letzten Jahr nicht ausgehalten und musste gehen…

Kevin: Ja, ich erinnere mich. Die Anlage war leider nicht so gut, der Bass fehlte, und der ist sehr wichtig bei uns.

Justin: Wenn du nicht den Bass fühlen kannst, bist du nur der Attacke des ‚kchchc’ ausgeliefert, da fehlen Dir 60%…

3. Dub
De:Bug: Damit kommen wir zum dritten Eckfeiler Eurer Musik: Dub steht dabei ganz im Kontrast zu Industrial.

Kevin: Richtig, wir lieben alten Dub von Lee Perry, King Tubby, Scientist, Prince Jammy oder Prince Far I, aber wir wollen keine Musik machen, die klingt wie 1972. Wir wollen Dubmusik machen, die jetzt Relevanz hat. Leute wie Word Sound oder Chain Reaction/Rhythm&Sound machen das auch. Man kann sagen, dass sie auch eine Idee – wenn auch eine andere – davon haben, wie Dub in Zukunft klingen könnte. Wenn man Dub live mit einem Soundsystem erleben kann, dann ist das so intensiv, fast wie eine religiöse Zeremonie. Intensiver als ein Metallkonzert z. B. Du kannst dazu tanzen, daneben hast du aber auch diese extrem avantgardistische Magie –

Justin: Wir verwenden Dub nicht im traditionellen Sinn, das ist offensichtlich, wir benutzen die Art der Übertreibung, wie sie im Dub vorkommt.

Kevin: Wenn man elektronische Musik macht, kommt man eigentlich gar nicht drum herum, von Dub beeinflusst zu sein. Der Bass steht im Mittelpunkt, Dubplates und der Remix sind Erfindungen von Dub – am Anfang war Dub!

De.Bug: Es ist ein weites Feld, dass ihr von Dub zu Industrial spannt.

Justin: Eigentlich nicht, das macht alles Sinn. Durch Punk kam ich zu Reggae und durch Punk kam ich zu Industrial. On-U-Sound und Adrian Sherwood haben beides zusammengebracht und gezeigt, dass dazwischen gar nicht so viel liegt. Adrian Sherwood ist ein unglaublicher Produzent! Er hat an der Idee gearbeitet, Musik für Körper und Geist zu machen. All das wollen wir auch!

Kevin: Genau! Und wir woollen dabei in keine Kategorie passen – We don’t want to fit in!

Zuerst erschienen in 9/01

Roots Manuva: Run Come Save Me

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Er ist zur Zeit so etwas wie die Galionsfigur des zu neuem Leben erwachten Britischen Hip Hops, in dessem Mittelpunkt vor allem das Ninja Tune-Sublabel Big Dada steht. Mit seinem zweiten Album unterstreicht Mr. Manuva souverän diese Stellung: zu Beginn klärt er mit noisig-elektroiden Sounds, wo’s im Hip Hop in der nächsten Zeit spannend ist. Dann beruhigt er sich mit einigen ‚awful save tracks’ (Manuva) und entfaltet seine bereits bekannten, relaxten Skills als MC, die ebenso wie die omnipräsenten tiefen Bässe immer seine große Liebe zu Reggae und Dub mitschwingen lassen. So wird auch nicht nur gerappt, sondern auch getoastet und Roots-Reggaemäßig gesungen, alles in der für Manuva typischen, leicht verdrehten, dabei immer lockeren Art. Wer ‚böse’ mag, der probiere Track 3, wer’s ‚lieb’ will testet Nr.4 an.

(Big Dada, VÖ: 8/01)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 8/01

Peter Licht (Interview)

Mit Pop gegen Pop

Text: Christian Meyer

Wer, bitte schön, ist PeterLicht? Ganz einfach: PeterLicht ist Meinrad Jungblut! Und Meinrad Jungblut ist der mit dem Sonnendeck! Kramt nur mal in Euren Erinnerungen an den letzten Sommer, da findet sich bestimmt ein Eintrag unter ‚S’. Sein uns durch diesen letzten Sommer begleitender Electropop-Hit begrüßt uns auch jetzt noch auf diversen Anrufbeantwortern. In den Wintermonaten klang die Nachricht ‚wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck’ allerdings nicht gerade glaubwürdig. Jetzt, da wir ihr dank Sommer wieder glauben schenken können, kommt das Sonnendeck erneut über uns und wird ein großer Hit! Muß!

Auf der gerade erscheinenden CD ‚Lieder’ gibt es die 6 Stücke der ursprünglichen Meinrad Jungblut Vinylplatte ‚6 Lieder’, die im letzten Sommer bei dem kleinen Label Betrug erschienen ist. Dazu gesellen sich acht neue Stücke von Meinrad Jungblut, also Peter Licht, die aus der selben Zeit wie die 6 Lieder stammen. So bleibt auch jetzt sowohl die produktionstechnische wie auch die musikalische Bandbreite recht groß. Von perfekt produzierten Popsongs die an ‚Echt’ erinnern, uns im Text aber gleichzeitig vor der Popkultur warnen, über Donovan-Folklore mit Akkustik-Gitarre, ‚Lalala-Schubidu’ und 80er-Old-School-Rhythmus-Box zu Lowest-Fidelty Diktiergerät-Aufnahmen. Eine gewisse Einbettung in aktuelle Entwicklungen elektronischer Musik schimmert manchmal durch (‚Ihr lieben 68er’, ‚Fuzzipelz’), ganz sicher sein kann man sich da aber nicht. Ein sonniges Schlagergemüt, NDW-Obskurität und anarchistischer Humor sind ebenso deutliche Zutaten für seine populären Lieder.

Der charmante Underground-Hit und seine 13 Begleiter hätten eine stärkere Präsenz in den Medien auf jeden Fall verdient. Möglich scheint das jetzt durch die große Plattenfirma im Hintergrund zu sein. Erste Anzeichen hierfür sind der verstärkte Medienrummel inklusive niedlichem Trash-Video des Produzententeams Datenstrudel. Hat das vielleicht auch inhaltliche Konsequenzen? Man könnte sich ja denken, dass so eine Firma erst mal gerne noch ein paar Sonnendecks mehr hätte…

PeterLicht: Klar, aber die fanden auch alles andere lustig. Die mochten das gesamte Konzept. Von denen gibt es keinen Druck. Der Deal ist so: ich mache Platten, und sie veröffentlichen die, wenn ihnen der gesamte Cluster gefällt. Wenn nicht, dann wird nichts davon veröffentlicht.

Netter junger Mann am anderen Ende der Leitung, denke ich nicht nur wegen seines Sorglosigkeit suggerierenden Namens („Peter wie Peter Pan, Peter Alexander oder Peter W. Adorno“) und seiner unbekümmerten Auskunftfreudigkeit, sondern auch, weil letzteres zutrifft, obwohl unser Gespräch die Promotionweisheit, dass der Künstler immer die gleichen Fragen beantworten muss, allzu wörtlich nachstellt. Wegen einer versauten Bandaufnahme von unserem ersten Telefonat lässt Herr Licht nun alle Fragen noch einmal über sich ergehen.

PeterLicht: Das ist eigentlich ganz gut, wenn die Fragen immer die gleichen sind. Da fühlt man sich sicherer und kann sich auf anderes konzentrieren, die Geschwindigkeit zum Beispiel. Man kann immer schneller werden beim beantworten von Fragen.

Virilio hätte seinen Spaß daran, aber gemeinerweise habe ich natürlich auch ein paar neue Fragen mitgebracht – jetzt wird’s also ernst:

De:Bug: Neben der Musik stehen auch die Texte der Stücke, die mit klugen, hübsch formulierten Bonmots nicht geizen, im Vordergrund. Auf der Platte werden viele ernste Themen unernst und in blumiger Sprache behandelt: die Entmündigung der 68er, Beschreibungen von Parkplatzsuchneurosen, eine Warnung vor der Popkultur.

PeterLicht: Das ist alles total ernst gemeint.

De:Bug: Wenn Du ernste Themen ernst behandelt hättest, wäre vielleicht auch etwas höchst peinliches dabei herausgekommen.

PeterLicht: Peinlich kann natürlich auch wieder gut sein!

De:Bug: ‚Ihr lieben 68er’ ist inzwischen auf etwas problematische Art von den Ereignissen eingeholt worden. Im Moment herrscht im Mainstream die Meinung, alles war ein großer Fehler und die Beteiligten mögen sich jetzt doch bitte in aller Öffentlichkeit dafür entschuldigen. Eine Kritik der 68er spielt inzwischen den falschen Leuten zu.

PeterLicht: Das Stück ist schon drei Jahre alt, und ich bin ja kein Kabarettist, der das Zeitgeschehen behandelt. Außerdem mag ich die 68er ja. Die Musik ist schließlich auch sehr 68er kompatibel, nette Lieder, oft mit Gitarre. Aber es stimmt schon, ein bisschen komisch ist das doch.

De:Bug: Und wie sieht’s mit der Gefahr aus, dass aus dem Sonnendeck ein Katzeklo wird?

PeterLicht: Du meinst ein Sonnenklo! Hat das Helge Schneider geschadet?

De:Bug: Schon, der wollte ja auch und besonders seine seriöseren Sachen gewürdigt wissen und hat auch mal Leute aus dem Saal entfernen lassen, die immer nur nach dem einen Stück gerufen haben. Du willst ja wahrscheinlich auch, dass die Leute genauso Deine sperrigeren Stücke würdigen…

PeterLicht: Ja, aber es ist mir schon klar, das nicht jeder alles gut finden kann. Hauptsache, sie hören erst mal ein Stück. Mir selbst sind die Stücke alle gleich wichtig, aber ich kann den Leuten da ja nichts vorschreiben. Der eine sieht’s so, der andere so. Deshalb erkläre ich meine Musik auch nicht. Ich weiß nicht wie sich das entwickelt, aber im Moment ist mir das noch egal.

Zuerst erschienen in De:Bug 08/01

Mush Records

Da bekommt man als Freund merkwürdigen Hip Hops im Laden eine Platte in die Hand gedrückt, bei der man sich dreimal überlegt, ob man diese Musik zwischen Geräuschcollage, Breakbeats, Spoken Poetrie und Rap jenseits von Macho- und Ego-Lyrics noch Hip Hop nennen soll (am vorläufigen Ende der Überlegungen dann aber doch nichts dagegen spricht), mit einem Cover, das deutlichst an das Artwork des legendären Free-Jazz Labels ESP erinnert (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Free Jazz-Label nennt, denn schließlich wurden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Die LP – Ende letzten Jahres von der New York Times zu einer von 10 wichtigsten übersehenen Platten des Jahres gewählt – heißt Circle, ist von Boom Bip & Dose One und auf dem US-Amerikanischen Hip Hop-Label Mush erschienen (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Hip Hop-Label nennt, denn schließlich werden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Mush, erfährt man nach kurzen Nachforschungen, ist eines von zwei unter dem Firmennamen Dirtyloop zusammengefassten Labels (Three to Five, das zweite Label, veröffentlicht House zwischen Tech, Deep und Disco). Wenn man daraufhin die Mush-Compilation Ropeladder12 durchforstet, bekommt man zwar einen Überblick über die Veröffentlichungen des Labels, ein Verstehen dieser Mischung aus
avantgardistischem Hip Hop und Downbeat-Experimenten auch in Indie-Rock Nähe ist jedoch noch in weiter Ferne. Ein guter Grund, um bei Dirtyloop-Gründer Robert Curcio nachzufragen, wie, warum und vor allem wo solch musikalisch wunderlichen Dinge passieren.

De:Bug: Wie sieht der geographische und soziale Background der Labelbetreiber und der Künstler aus?
Robert Curcio: Unsere soziale und ethnische Herkunft ist so unterschiedlich wie sie nur sein kann. Mush wird von einer Gruppe
Individualisten betrieben, die quer über die USA verstreut sind. Im Sommer werden wir unser Hauptbüro aber nach L.A. verlegen und dort bis zum Ende des Jahres die meisten Beschäftigten versammeln. Bei den Künstlern sieht es ähnlich aus: Wir haben über 30 Künstler auf unserem Label, die aus New York, San Francisco, Los Angeles, Baltimore, Maine, Chicago, Minneapolis, Cincinnati und Tokyo kommen. Wir respektieren alle unsere Künstler für ihre Individualität und ihr Talent.
De:Bug: Was war der Hauptgrund, Mush (bzw. Dirtyloop) zu gründen: Habt ihr eine Lücke in der Musikproduktion gesehen, die es zu füllen galt, war es Unzufriedenheit mit der Veröffentlichungspolitik anderer Label besonders im Hip Hop oder war der Anstoß eine bestimmte Platte, die ihr unbedingt rausbringen wolltet?

RC: Ende 1997 hatte ich ein kleines Studio und habe die ersten Produzenten für Mush (Boom Bip, DJ Osiris, Lulu Mushi) bei
Studiosessions kennengelernt. Eines Tages haben Lulu Mushi und ich darüber gesprochen, wie wir unsere Musik veröffentlichen könnten und entschieden uns, ein eigenes Label zu gründen. Mush wuchs dann schnell von einem Label, das 3 Veröffentlichungen und einen Vertrieb im ersten Jahr hatte, zu dem was es heute ist: Für 2001 sind über 30 Veröffentlichungen geplant. Und allein in den USA haben wird inzwischen 15 Vertriebe, die wiederum für den Export in die großen Musikmärkte der Welt sorgen.
De:Bug: Wie sieht eure Veröffentlichungspolitik aus und falls Du das verraten kannst ¬ was sind eure ökonomischen Strategien?
RC: Wir veröffentlichen Musik, die wir lieben, unabhängig vom Genre. Unsere Platten gibt es deshalb hauptsächlich in Läden, die sich auf verschiedene Genres spezialisiert haben. Unsere Strategie: Wir verkaufen an so viele Vertriebe wie möglich und versuchen Lizenzen außerhalb der USA zu verkaufen. Außerdem arbeiten wir daran, möglichst viele Artikel und Reviews über unsere Künstler zu bekommen (Tja, so schnell ist man Teil einer Marketingstrategie, Anm.d.A.). Dann lassen wir die Musik für sich sprechen!

De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu DER Hip Hop-Community aus (um mal an diesem Mythos kräftig mitzustricken). Mush scheint ja ungewöhnlicher Weise auch eine deutliche Nähe zu Independent-Rock zu haben?
RC: Obwohl einige Mush-Releases qualitätvoller Abstract Hip Hop sind, sind wir nicht wirklich ein Hip Hop-Label. Unsere Bandbreite reicht vom besten Abstract Hip Hop, über Dancefloor Jazz und Independent Rock zu Latin angehauchten Grooves. Gerade haben wir sogar einen Drum’n’Bass-Act für eine Reihe von EP¹s gesignt. Doch auch wenn wir in den verschiedensten Genres veröffentlichen, achten wir darauf, dass man überall etwas findet, was den gesamten Mush-Katalog kohärent hält: Qualität in der Musik, bei den Vocals und im Artwork.

De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu dem anderen boomenden Ausnahme-Label „Anticon“ aus? Ihr habt ja einige Gemeinsamkeiten, was die musikalische Offenheit, einige Künstler und die Außenseiterrolle im Hip-Hop betrifft.
RC: Wir sind riesige Fans von Abstract Hip Hop und Anticon ist die beste Abstract-Hip-Hop-Crew der USA. Wir arbeiten mit ihren
Künstlern, wenn es sinnvoll ist und sich die Möglichkeit ergibt. Bislang sind haben „Circle“ von „Boom Bip“ und „Dose One“
veröffentlicht. Dann sind da noch Releases der „So Called Artists“ (Sole, Alias, DJ Mayonnaise) im Programm. Jel und The Pedestrian sind für 2001 geplant. Dose One macht etwas A&R für Anticon- und Mush-Künstler. So hat er zum Beispiel Mush mit „Radioinactive“ aus LA, „Aesop Rock“ aus New York und „Labtekwon“ aus Baltimore zusammengebracht.
De:Bug: Wie sieht die Zukunft von Mush aus?
RC: Wie ich schon sagte, ziehen wir nach einem kalten Winter diesen Sommer von Chicago nach LA. Wir hatten unser Büro in beinahe jeder Metropole, jetzt wollen wir an einem Ort bleiben. Weil wir jetzt immer größer werden, wird das sonst zu anstrengend. Für die Leute wird es auch einfacher, uns zu finden. Und: es ist hübsch und warm hier.

Zuerst erschienen in De:Bug 08/01

Squarepusher: Go Plastic

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Squarepusher bringt auf seinem neunten(!?) Album die drei Hauptströme seiner Arbeit erneut ordentlich durcheinander, nachdem er zuletzt eine ruhigere Phase mit sehr experimentellen, dubbigen, ‚akustischen’ Tracks hatte. Schon der Vorgänger ‚Selection Sixteen’ hatte einen darauf vorbereitet, nun, auf dem neuen Album, verheddern sich die drei Ansätze Dub-Noise, Jazz-Avantgarde und Breakbeatmutationen auch innerhalb der einzelnen Stücke. Kraut und Rüben, sozusagen! Mit dieser weiteren Komplexitätssteigerung, für die er sich diesmal immerhin 11/2 Jahre Zeit genommen hat, ist eine Rückführbarkeit seiner eigenen auf andere Musik kaum noch möglich: der Squarepusher-Kosmos klingt autark wie nie, ist aber beileibe nicht autistisch: das hört man bei ‚My Red Hot Car’, seiner Version von 2Step. Hier hält er den Break- und Noisewahnsinn zwar deutlich im Zaum, doch trotz der Wiedererkennbarkeit des okkupierten Genres gelingt ihm das Aufsprengen langweiliger 2Step-Dogmen – mit einem ausgesprochen schönem Stück als Opener für eine ausgesprochen tolle Platte.  

(Warp, VÖ: 25.6.2001)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 7/01  

DJ Krush (Interview)

Global-Hip Hop!

DJ Krush weltweit auf der Suche nach neuen Sounds

Text: Christian Meyer

Kakusei, DJ Krush letztes reguläres Studioalbum von 1999 war im Rahmen von Hip Hop von selten gehörter Radikalität. Das monolithische, schwer zugängliche Instrumentalalbum zeigte bereits mit dem auf dem Cover abgebildeten eingeschneiten Turntable, dass hier für eine Annäherung viel Hörarbeit geleistet werden musste. Kühl und spröde präsentierte sich hier ein Entwurf, der wie der Höhepunkt und das gleichzeitige Ende von Hip Hop klang – danach war in dieser Richtung erst mal nichts mehr möglich (wir wissen natürlich, dass inzwischen andere Leute an ganz anderen Stellen großartig weitergearbeitet haben, aber das ist eine andere Geschichte…)! Krushs neues Album Zen will man als durchschnittlicher, auf Linearität bestehender Fortschrittsgläubiger dann trotzdem wieder als Nachfolger seines Meisterwerks Kakusei hören. Aber Kakusei hat schon den richtigen Eindruck hinterlassen: Zen ist lediglich chronologisch gesehen dessen Nachfolger! Kakusei war sehr abstrakt und fragil, insgesamt aber ein einheitlicher Wurf. Auf Zen hingegen findet man sehr unterschiedliche Musik: Deepe, aber auch aggressive Rap-Tracks, atmosphärischen ‚Trip Hop‘ (auch mit dem obligatorischen Frauengesang), Stücke, die man ‚Jazz-Hop‘ nennen könnte und einige in Bezug auf Rhythmus und Soundauswahl experimentellere Stücke, ähnlich wie auf Kakusei. Besonders wegen der Stücke, die man Trip- oder Jazz-Hop nennen könnte, klingt das neue Album, als hätte Krush ein Retrospektive mit allen Styles seiner Karriere zusammengestellt. Ganz im Gegensatz zu dem kompromisslosen Vorgänger von 1999, wo ein Sound dominierte. Ist Krush, mit knapp 40 Jahren ein absoluter Oldie im Hip Hop Geschäft, am Punkt einer Rückbesinnung angelangt? Will er einfach auf seine früheren Styles nicht verzichten, sich nicht häuten und sie weiter in seiner Musik integrieren? Oder war Kakusei einfach zu schwer und düster, um in diese Richtung konsequent weiter zu gehen?

Krush: Ich hatte nicht vor, ein retrospektiv klingendes Album zu machen. I wanted to make an album about moving forward, forward into the 21st Century. Das Wort ZEN
bedeutet Stück für Stück oder Schritt für Schritt. Ich wollte meine Musik Schritt für Schritt vorwärtsbringen. Aber Deine Frage macht mich nachdenklich: Jeder, der vorwärts kommen möchte, muss zurück blicken und aus seinen Erfahrungen lernen. Ich denke, ich habe auf meine musikalische Vergangenheit zurückgeblickt, um vorwärts in die Zukunft schreiten zu können. Es stimmt: auf der Platte sind sehr viele Elemente meiner Kreativität und meine Lebens. Sie blickt nach vorne, aber dass heißt auch, zurück zu schauen.

Wenn man sich mehr auf die experimentelleren Stücke des Albums konzentriert, dann findet man Tracks, die mit klassischen arabischen, asiatischen und afrikanischen Sounds arbeiten. In ‚Sonic Traveler’ werden sogar asiatisch klingende Sounds mit afrikanische Rhythmen kombiniert, was in so etwas wie, hmmm… eine freie Art Drum ‘n’ Bass mündet. Wird hier vielleicht an einer neuen Weltmusik gearbeitet, einer besseren als die, die man bislang zu hören bekam?

Krush: Ich habe nicht direkt vor, eine neue Weltmusik zu erfinden. Aber ich brauche mehr Klangfarben, um das, was in meinem Kopf ist, auszuführen. Wenn man das dann Weltmusik nennen kann, dann mache ich wohl Weltmusik. Aber ich möchte meine Musik einfach frisch, neu und spannend halten.

De:Bug: Weil Du häufig aus einer japanischen Tradition kommende Sounds verwendest, hat es den Anschein, dass Du von Japanischer Folklore beeinflusst bist. Ist Japanische Folksmusik wirklich präsent im Japanischen Alltag, oder ist das bei Dir nur ein Spiel mit Deiner Herkunft? Ich frage das, weil es in Deutschland eher ungewöhnlich ist, von Folksmusik musikalisch geprägt zu sein bzw. solche Elemente in die Musik einfließen zu lassen (allerdings ist japanische Folklore auch um einiges spannender als deutsche Folksmusik!)

Krush: Eine interessante Frage! Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass Japanische Folksmusik im Japanischen Alltag eine Rolle spielt. Es gibt da eher viel Pop- und Rockmusik, die ich allerdings nicht sonderlich interessant finde. Japanische Folklore ist in meinem Alltag nicht präsent, aber ich bin von ihr beeinflusst. Ich bin fasziniert vom Gebrauch des MA (ein japanischer Begriff, der eine Spannungsgeladene Stille voller Erwartung bezeichnet – sozusagen der Break, bevor es wieder ‚losdonnert’/Anm. CM) in
Japanischer Musik. Wie würdet ihr das übersetzen? Vielleicht: „a silent time, space with tension“. Das ist ein durchgehender Faden in Japanischer Folksmusik. Eine Unsichtbare Verbindung der Musik mit ihrer Umgebung.

De:Bug: Könntest du etwas über Deine Gäste auf der Platte sagen, warum Du sie ausgewählt hast und wie die Arbeit mit ihnen verlief?

Krush: Mit The Roots war es bereits meine vierte Kollaboration. Es war immer eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Für Company Flow gab es noch einen anderen Track, den ich zu EL-P geschickt habe. Er hat den des Albums ausgewählt, und auch alles andere habe ich ihnen überlassen. EL-P war sehr ernsthaft und immer pünktlich. Mit Mr.Len kommt man auch sehr gut zurecht. They’re such nice guys.
Von Zap Mamas Vocal Style war ich sofort beeindruckt. Ich wollte einen Track mit Frauenstimme machen, nicht reiner R&B, aber auch nicht im europäischen Style (er meint wohl im Trip Hop-Stil/Anm. CM). Als ich ihr Demo hörte, fand ich es perfekt. Ich schickte ihr den Track, und sie war sehr interessiert. Sie schickte es zurück mit einer Melodie und Texten, die perfekt zu meinem Image passten. Also bin ich nach LA gefahren um es aufzunehmen. Sie singt, als ob ihre Kehle ein Instrument ist. Ich war beeindruckt, das live zu erleben, es war eine magische Erfahrung!
Tunde Ayanyemi ist ein Nigerianischer Percussionist, mit dem ich mit RYU, unserem DJ-Projekt, zusammengearbeitet habe. Ich wollte, dass das Stück klingt, als würden wir beide in Schallgeschwindigkeit durch verschiedene Länder reisen. Sein trommeln klingt rauh, weil er nie auf eine theoretische Art Musik gehört hat, und nie Dancemusic gehört hat. Also habe ich versucht, ihn nach der Struktur des Tracks spielen zu lassen, aber es endete damit, dass er einfach improvisiert hat.
Sunja Lee ist eine Koreanerin, die fließend vier Sprachen spricht. Sie hat den Track in Koreanisch, Englisch und Französisch aufgenommen, und die Versionen sind alle vollkommen unterschiedlich. Ich habe mich dann für die Englische entschieden, weil das am besten zu der Struktur des Tracks passte.
Mit Kazufumi Kodama bin ich auf seiner Record-Release Party aufgetreten. Es war unglaublich, wir haben uns nur über den Sound verbunden gefühlt. Ich habe ihm am selben Abend noch ein Angebot für eine Zusammenarbeit gemacht.

De:Bug: Was wird es in der Zukunft geben, was sind Deine nächsten Projekte?

Krush: Ich habe gerade erst dieses Album beendet, da möchte ich noch nicht über neue Projekte sprechen. Als nächstes werde ich neben meiner Europatour (die Deutschlandtermine waren bereits Mitte Juni/Anm. CM) einen Remix für Herbie Hancock’s neues Album mit Vocals von Chaka Khan machen. Das wird großartig! Peace, Love and Arigato!

Zuerst erschienen in De:Bug 07/01

Oliver Husain & Michel Klökorn: Musikclips ffür Sensorama

Dokpop: Mit Sensorama-Videos den Alltag zum tanzen bringen

Oliver Husains und Michel Klökorns Arbeit als Videoclipregisseure ist wahrscheinlich den meisten durch ihr ausgezeichnetes Video zu ‚Star Escalator’ von Sensorama bekannt. Zuvor hatten sie bereits deren Track ‚Echtzeit’ verfilmt. Dass sie jetzt auch wieder ‚Where the white rabbits sleep’, die erste Singleauskopplung aus Sensoramas neuem Album ‚Projektor’, mit aufblasbaren Werbeobjekten verfilmen (bzw. Michel Klökorn diesmal zusammen mit Anna Berger) und auch die nächste Auskopplung bebildern werden, macht sie definitiv zu den Hofregisseuren der Frankfurter Musikproduzenten. Welche Parallelen man zwischen den einzelnen Clips ziehen kann, und was beim neuen Video doch anders war, verrieten sie im Interview mit De:Bug.

„Oliver Husain & Michel Klökorn: Musikclips ffür Sensorama“ weiterlesen

Prefuse 73: Vocal Studies & uprock narratives

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Warp macht anscheinend Ernst mit Hip Hop. Nicht nur, dass sie ‚Circle’, die großartige LP von Dose One & Boom Bip lizensiert haben, jetzt veröffentlichen sie mit Prefuse 73 auch noch ein Hip Hop-Projekt von Scott Herren. Der Titel macht jedoch direkt deutlich, dass es sich hier – wie auch bei ‚Circle’ – um äußerst eigenwilligen Hip Hop handelt. Als Laptop-Nerd bricht er die Beats öfter, als es dem durchschnittlichen B-Boy lieb ist, denn das könnte beim coolen Kopfnicken üble Folgen haben. Auch die Raps werden zärtlich zerschnipselt, so dass man nur noch von Cut Up-Lyrics reden kann. Ähnlich wie bei den Rap-Tracks von Funkstörung (wenn auch nicht ganz so radikal), ist dies Hip Hop, der sein Publikum eher bei aufgeschlossenen Elektronik-Hörern denn bei dogmatischen Hip Hop-Fans finden wird. Gelungene Überraschung!

(Warp, VÖ: 11.6.2001)

 

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 6/01

„Black Box BRD“ von Andres Veiel

Das derzeitige Interesse an ´68 und die Folgen reicht von hysterischer Abwehr bis zu naiver Affirmation. Der Dokumentarfilm Black Box BRD von Andres Veiel (‚Die Überlebenden’) positioniert sich in der Mitte dieser Pole, will es damit aber keinesfalls allen recht machen. Im Gegenteil: den meisten dürfte es eher unangenehm sein, wenn die Feindbilder – hier wie dort – nicht mehr klar umrissen sind.

Black Box BRD.jpg

Veiel nähert sich in seinem Film zwei ‚deutschen’ Biographien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, mit Interviews, ‚Ortserkundungen’ und privatem Film- und Fotomaterial: Dialogisch wird der Lebensweg von Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der 1989 bei einem Anschlag der RAF ums Leben kam, gegen die Entwicklung von Wolfgang Grams, jenem RAF-Mitglied der ‚dritten Generation’, das 1993 bei dem Versuch der Festnahme in Bad Kleinen durch einen aufgesetzten Kopfschuss ums Leben kam, gestellt. Nach einer deutlicheren Verbindung dieser beiden Menschen wird in dem Film nicht gesucht – überhaupt ist Enthüllungsjournalismus nicht Veiels Sache. Spekulationen über Grams’ Beteiligung am Herrhausen Attentat finden nicht statt – die schwarzen Löcher der Geschichte werden nicht mit harten Fakten gestopft.
Stattdessen kommt im Verlauf des Films zunehmend eine emotionale Ebene ins Spiel. Das geschieht offensichtlich auch in der öffentlichen Diskussion, allerdings mit ganz anderem Ergebnis: während dort Trotz und Rechthaberei regieren, scheinen im Film die hinter den Daten der Ereignisse stehenden Menschen auf. Das erklärt ihre Entwicklung, ohne dass die zweifelhaften Momente ihres Handelns unterschlagen werden. In Interviews mit Verwandten, Freunden und Bekannten tastet sich Veiel an eine Kartografie der Seelen zweier Menschen heran, die beide durch ihr konsequentes Handeln zunehmend in Isolation geraten. Dabei zeigt der Diplom-Psychologe außerordentliches Gespür für seine Gesprächspartner (sogar den medienverachtenden Helmut Kohl bringt er zum reden!).
Ebenso einfühlsam wie in den Interviews agiert Veiel als Regisseur in der Auswahl der Bilder: nicht nur im Gespräch entlockt er den Interviewpartnern interessante Aspekte einer emotional offensichtlich noch längst nicht verarbeiteten deutschen Geschichte, auch die Kamera ‚erzählt’ beim Abtasten der Personen und ihrer Umgebung Geschichten. Oft werden dadurch Äußerungen treffend unterstrichen, mitunter aber auch unterwandert. Das führt zu einer Spannung, die unkommentiert und unaufgelöst in das Denken des Zuschauers einfließt.
(Bundesstart: 31.5.01)

Zuerst erschienen in 05/01

Mathias Schaffhäuser / Ware Records

Eine Ware Geschichte

Das Kölner Technohouse Label Ware ist inzwischen bei der Katalognummer 20 angelangt, und immer noch ist es Labelgründer Mathias Schaffhäuser, der Ware im Alleingang führt.
Doch seit kurzem deutet einiges auf große Veränderungen und sogar Ambitionen Richtung Charts hin. Im Oktober 2000 ist Ware beim EFA-Vertrieb untergekommen, und – Zufall oder nicht – seitdem scheint die Produktivität gestiegen und eine Annäherung an den Mainstream stattzufinden. Sogleich sind auch verhaltene Bedenken zu hören, doch man sollte hier genauer hinhören und hinsehen. Dass die Veränderungen eher oberflächlicher Art sind, und sich eigentlich gar nicht so viel geändert hat, ist im medialen Tumult leider etwas untergegangen. De:Bug traf sich mit Mathias Schaffhäuser, um im Dialog das mediale Zerrbild ein wenig geradezubiegen.

De.Bug: Nach der Ware 15 von Caulfield scheint es einen Einschnitt zu geben. Seitdem drängt es Ware an die Oberfläche: mit Vollcover, Sticker auf dem Cover, Radio-Edit, kurz hintereinander Alben von Decomposed Subsonic (Blaue Löwen) und Dir (Love & Business). Bis dahin wurde bei Ware, von kleinen Ausflügen abgesehen, relativ stringent an abstraktem Minimal-Techno u. -House gearbeitet.

Mathias Schaffhäuser: Wie so oft ist das Zufall. Es war nicht groß geplant, dass die 16 (Laub & Schaffhäuser), eine ganz normale Maxi eigentlich, ein Vollcover bekommt. Die 19 und 21 werden auch wieder ganz normal sein, im schwarzen Lochcover. Damit will ich auch klar machen: es hat sich nichts geändert, es ist nur etwas dazugekommen.

De:Bug: Aber so einen Radio-Mix wie auf der Ware 18 mit den ‚Blaue Löwen’-Remixen von Decomposed Subsonic macht man natürlich nicht zufällig…

MS: Klar. Der wurde eigentlich von der Promotionagentur angestoßen, die das so gut fanden, dass sie damit Radiopromotion machen wollten. Dafür braucht man einen adäquaten Mix, damit die Leute bei dem langen Intro beispielsweise nicht gleich abschalten, weil sie denken, da ist eine Störung im Sender. Radio hat ganz eigene Gesetze. Und der Mix ist ja nicht mainstreamiger, sondern einfach kompakter. Dazu wird es noch ein Video geben. Was damit sonst noch passiert, ist noch nicht klar. Es ist auf jeden Fall nach wenigen Wochen bereits die best verkaufte Maxi auf Ware.

De:Bug: Bezeichnend ist schon, das auch Dein Album mit dem Icehouse-Cover ‚Hey little girl’ massiv popig anfängt. Dann folgt allerdings doch wieder das, was man von Dir kennt. Ein interessanter Schachzug!

MS: Man hat da die fertigen Stücke und schiebt sie hin und her, und probiert verschiedene Reihenfolgen aus. Ich habe aber dann schnell gemerkt, dass das Unsinn ist, das Stück woanders hinzustellen als an den Anfang. Das wirkt immer wie versteckt, als würde man dann doch nicht dazu stehen! Auch dramaturgisch macht es woanders keinen Sinn. Wenn es mittendrin ist, ist das ein zu großer Break, und es ans Ende zu stellen wäre zu schade. Bei einer LP achte ich ja darauf, das man das in einem guten Flow hören kann. Wenn man wirklich nicht auf das Stück steht, dann beginnt man einfach mit Stück 2 und alles ist gut. ‚Take me to your heart’, die andere Coverversion, fällt da nicht so raus, das ist trackiger.

De:Bug: Aber Dir ist bewusst, dass das auf bestimmt Leute sehr provokant wirkt?

MS: Natürlich, das Stück ist absolut polarisierend.

De:Bug: Genau wie die Covergestaltung der Alben!

MS: Ja, wobei das für mich keine 80er-Ästhetik ist, wie oft gesagt wurde. Ich denke da eher an die 70er, z.B. E.L.O. Im Kopf hatte ich: schwarze Fläche, goldenes Herz – komplett plakativ. Meine Grafikerin meinte dann: Wenn Du schon Herz-Schmerz-Kitsch machst, dann aber richtig. Das ist auch schön als Gegenpol zur inzwischen abgenutzten Minimalästhetik im optischen Bereich.

De:Bug: Also stattdessen uncoole Herz-Kettchen und Quietscheentchen (auf dem Cover der Decomposed Subsonic-CD).

MS: Für mich hat das auch was romantisches. Ich finde meine Musik ja auch zärtlich. Dass das immer nah am Kitsch liegt, ist halt so.

De:Bug: Wie ich schon in Bezug auf Dein Album sagte, gibt es ja hinter den vordergründigen Pop-Aspekten weiterhin und vor allem das, was man bisher von Ware kannte. Als ich eben noch mal das Decomposed Subsonic-Album gehört habe, ist mir wieder aufgefallen, wie experimentell es ist. Da kann er mir noch so oft sagen, dass er jetzt Popmusik machen würde.

MS: Ja, total. Die Platte ist meiner Meinung nach von vielen sehr falsch rezipiert worden. Auf der Platte sind 3 Stücke, die was offensichtliches haben. Der ganze Rest ist schräger Krempel – der natürlich trotzdem gut abgeht.

De:Bug: Ist es Programm, das es bei Ware immer diese sehr klaren Sounds gibt, immer sehr viel Luft zwischen den einzelnen Elementen ist…

MS: Das totale Programm gibt es bei mir ja nicht. Worauf es mir ankommt ist Abstraktion: dass es nicht allzu ableitbar ist, klanglich etc. Natürlich gibt es auch immer wieder Sachen, die ganz eindeutig ableitbar sind. Ich setze mich ja auch davon ab, zu behaupten, wir würden extrem experimentieren und Klangforschung betreiben. Das sollte man nicht so schnell in den Mund nehmen, denn Technohouse ist wirklich nicht mehr der letzte Schrei. Alles was da passiert sind nur noch Kleinstverschiebungen. Irrsinnig weit vorne ist die ganze Szene nicht mehr. Neben Abstraktion ist eine eigene Handschrift und Zeitrelevanz für das Label noch wichtig. Die Musik darf nicht konkret ableitbar sein von Vergangenheit. Mir ist es wichtig, dass ich höre: aha, 2001, dass ist Ausdruck eines heutigen Lebensgefühls! Wenn ich Demos aussortiere, komme ich dann natürlich oft auf Sachen zurück, die dem verwandt sind, was ich selber mache.

De:Bug: Die Verortung in der Gegenwart unterwanderst Du natürlich mit einem Icehouse-Cover.

MS: Klar, aber das ist ja auch kein festgeschriebenes Manifest, nach dem gehandelt wird. Das sind einfach die Dinge, die mir am wichtigsten sind. Und trotzdem macht man mal ein Stück, das toolhaft, also überhaupt nicht individuell ist, oder irgendeinen Retro-Aspekt hat. Wobei mir folgendes wichtig ist – das wird etwas verzerrt durch die ganze 80er Diskussion: es handelt sich bei den beiden Coverversionen auf Love & Business um Stücke aus den 80ern – die klingen aber nach Ware, nach dem, was ich in den letzten 2, 3 Jahren gemacht habe. Ich ärger mich fast etwas darüber, dass diese Diskussion auf mich übergegriffen hat, weil ich mich eigentlich nicht mit 80er-Retromusik in Verbindung bringe.

De.Bug: Es kommen schon immer wieder Verweise auf die Musikgeschichte vor, aber genauso auf die der 70er Jahre: King Crimson bei der Mellotronic-EP, Beatles bei Good Night vom neuen Album (eine remasterte Version des Math-U-hates Jazz-Tracks von der White-EP auf Frisbee).

MS: Es liegt eben in der Natur der Sache, wenn man mit Samples arbeitet, dass diese Arbeitsweise und damit auch die Musik auf etwas Bezug nimmt. Je nachdem wie erkennbar das Sample ist, kann man diesen Prozess eklektizistisch nennen oder nicht. Wenn ich ein Stück mit Streichquartett vertone, wird immer ein Bezug zu ernster Musik da sein, wenn ich ein Stück arrangiere mit einer bratzigen E-Gitarre, wird immer ein Bezug da sein zu irgendeinem Rock-Stil. Deshalb fand ich das etwas unglücklich, dass ich – auch selbstverschuldet – in diesen Diskurs geraten bin. Hätte ich ein anderes Cover genommen und die beiden Vocalstücke weggelassen, wäre die ganze Diskussion über dieses Album komplett anders, obwohl 8/10 der Platte gleich wären. Ich habe z.B. nirgendwo gelesen, dass da 3 langsame Stücke drauf sind, obwohl das in dem Kontext eher ungewöhnlich ist. Es ist genau dasselbe wie bei Hartmut (Wessling aka Decomposed Subsonic/ Anm. CM). Er macht ein Stück, das dieses popige Potenzial hat, und schon konzentriert sich die ganze Rezeption darauf. Auch bei ihm war von 80ern die Rede, und das ist bei ihm ja noch krasser daneben. Das hat ja gar nichts mit 80er-Sounds zu tun. Sowas von modern wie der klingt – da gibt es ja wirklich nur eine Hand voll Leute. Für meinen Geschmack ist Hartmut Weltspitze was Sound anbetrifft. Wenn Matthew Herbert ihn auf Platz zwei seiner Charts setzt, ist das schon ein Ding.

Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen –
die Ware-Zukunft mit Schaffhäuser-Kommentar:
Ware 19: Iven Schmidt – Dance Machine („profaner Minimaltechno, keine Popmusik(!), aber mit Clubhitcharakter“)
Ware 20: Mathias Schaffhäuser – Love & Business (CD u. 2x LP; bereits erschienen!)
Ware 21: Markus Güntner – / („Minimalhouse, geht in Richtung Luomo, mit einer 10minütigen spaceigen Hymne, sehr atmosphärisch“)
Warenkorb 3 (die dritte Labelcompilation als CD und Doppelvinyl)
Tourismo 6-Track Vinyl bzw. CD inkl. Ware6 („ein Projekt mit vorwiegend gebrochenen Beats, ästhetisch aber ähnlich wie meine anderen Sachen“)

Dose One / cLOUDDEAD

Postmodern Crooner

Adam Drucker aka Dose One, durch seine Verbindung zu den Labels Anticon und Mush zentrale Person im US-Amerikanischen Underground-Hip Hop, fasst nach unterschiedlichen Projekten (Deep Puddle Dynamics, Object Beings, Greenthink, Them und solo) mit seiner Band cLOUDDEAD seine persönliche und musikalische Entwicklung zusammen. Deren im letzten Jahr veröffentlichten sechs 10“es werden nun als CD und Triple-Album zusammengefasst und einer breiteren Masse zugänglich gemacht. Die wohl erste Hip Hop Platte mit Gerhard Richter in der Thankslist ist der genre-bending Höhepunkt und gleichzeitig der Abschluß eines äußerst kryptischen Subjektivismus. Abschluß, weil es von nun an um allgemeinverständliche „human music for human people“ gehen soll (Throbbing Gristle auf den Kopf gestellt).¬

Ich treffe Adam Drucker vor seinem Kölner Konzert im Rahmen der Big Dada/Ninja Tune- Party, bei der er sein Credo der human music anschauungsvoll demonstriert: das klassische Live-Hip Hop Animationsprogramm wird im Glauben an DAS Gute systematisch unterwandert. Statt monotoner Egomanie hört man die Aufforderung: „Now, I want everyone to say his own name… (euphorisches Stimmengewirr, dann:) wow, now we are friends!“. Daß diese gute Stimmung spätestens bei Adams Helge Schneider-Einlage am Klavier von einigen Leuten aus dem Publikum erheblich gestört wird, liegt wie meist an deren unflexibler Haltung. Wenn man fette Beats und coole Typen erwartet, stattdessen aber fragile Soundscapes und offenherzige Menschen erlebt, kann man schon nervös werden. Als ich meine erste, zugegebenerweise recht einfallslose Frage nach dem Anfang seiner und cLOUDDEADs Geschichte stelle, hatte ich das alles aber noch nicht erleben dürfen…

Adam: Eigentlich beginnt die Geschichte von cLOUDDEAD mit Greenthink. Why? und ich waren zusammen in einer Band (Apogee mit Mr.Dibbs/Anm.CM) und bemerkten schnell unsere Seelenverwandtschaft. Wir haben zuhause angefangen zu zweit aufzunehmen. Da fingen wir an Regeln zu brechen bzw. Regeln zu verlernen. Wir haben aufgehört zu reimen, haben angefangen, die Musik schmutzig und unfertig klingen zu lassen, haben einfach gemacht, was wir wollten… so entwickelte sich unser Style. Nosdum benutzte den gleichen schrottigen Sampler wie wir, den SP202. Er kam vorbei und half bei den Greenthink Stücken aus. Am Ende des Jahres haben wir entschieden, dass wir zusammen eine Platte machen müssen. Das war der Beginn von cLOUDDEAD. Mit cLOUDDEAD ist ein neuer Vibe entstanden. Es ist ein absolutes Vergnügen mit den beiden zu arbeiten. Wir tragen auch Kämpfe aus, aber auch das ist immer eine positive Erfahrung.

A sentimental Journey

De:Bug: Die 10“es sollen unter schweren privaten, emotionalen Bedingungen aufgenommen worden sein?
Adam: Von der ersten bis zur letzten 10“ war es ein auseinanderdriften und wieder zusammenkommen von uns dreien. Die erste Platte handelt vom Appartment A in Cincinnati, wo wir die Greenthink Sachen aufgenommen haben. Es war eine Zeit des Neuanfangs. Ich war mit meinem Wirtschaftsstudium fertig und wollte nach Kalifornien, die beiden anderen Studierten noch Kunst und blieben in Cincinnati. Die Platte handelt also davon, dieses Appartment zu verlassen, in dem wir uns alle kennen gelernt und selbst erfahren haben. Die zweite 10“ behandelt ein Konzert, das wir in der selben Woche gegeben haben. 200 Leute waren in diesem runtergekommenen Hip Hop Club, und wir haben den Laden komplett leergespielt. Wir haben zu Flying Saucer Attack gefreestyled, und sie haben uns gehasst. Diese Erfahrung spielte in unsere Überlegungen rein, wegzugehen und unsere Musik zu verändern. Wir haben ‚pleasure-music’ gemacht über die schlimme Zeit die wir hatten und die wir anderen beschert haben. Die dritte Platte habe ich gemacht als Why? für 2 Monate in Spanien war und ich in Kalifornien ein Star werden wollte. Die nächste hat Why? gemacht, als ich in Kalifornien war. Er fühlte sich mit Nosdum in der Kunsthochschule zurückgelassen und war wirklich suizidal, fühlte sich vollkommen leer. Die fünfte ist von Nosdum. Er hat diese Fähigkeit, nur durch Musik weinen, lachen, schreien oder wimmern auszudrücken. Er ist ein sehr emotionaler Produzent – mit dem allerschlechtesten Equipment! Eine gequälte Seele, um das Cliché einmal zu bemühen. Die letzte 10“ ist entstanden, als die beiden mich in Kalifornien besucht haben, wir also nach langer Zeit wieder zusammen waren und diese 6 kurzen, sehr offenen Stücke machen konnten. So schließt sich der Kreis von der ersten zur letzten Platte, dazwischen liegen viele emotionale Ereignisse. Und wir waren die ganze Zeit in Bewegung: jede Platte ist deshalb auch von Zeitnot bestimmt.

Worüber reden wir?

De:Bug: Würdest du die letzten Platten noch Hip Hop nennen, bzw. bist du überhaupt noch daran interessiert, es irgendwie zu benennen?
Adam: Das Kategorisieren können andere Leute übernehmen. Es gibt diese Menschen, die hören eine Minute Musik und sprechen dann über das Ganze. Genau so fühle ich, wenn ich sagen soll, was meine Musik ist. Warum darüber reden, wenn sie für mich spricht? Andererseits würde ich es immer Hip Hop nennen, weil das die Musik ist, die uns geprägt hat und uns inspiriert hat, Musik zu machen.

Über Musik…

De:Bug: Was sind Deine musikalischen Einflüsse jenseits von Hip Hop?
Adam: Im Hip Hop die ganze Linie experimenteller Musik (er nennt Freestyle Fellowship und vor allem De la Soul/ CM), außerhalb alles von den Beatles bis hin zu Pavement, Flying Saucer Attack, Pram, Broadcast oder Boards of Canada.

Es scheint sich da um ein gegenseitiges Interesse zu handeln. Gerade hat WARP Circle, sein Mush-Album mit Boom Bip, lizensiert, und es sind auch Kollaborationen mit Musikern aus diesem Umfeld angedacht)

Adam: Wir lassen in unserem Hip Hop-Appartment die Fenster offen und alles durchströmen. Wir entdecken z.B. Slint (musikalisch verwunderlich, was die emotionale Befindlichkeit angeht allerdings sehr naheliegend!/ CM), checken Tortoise aus. Überall dort sind großartige Ideen zu finden, die wir aufnehmen und auf unsere eigen Art wiedergeben können.
De:Bug: Deine Stimme klingt auf der Object Beings Single sehr nach Residents…
Adam: Die Residents sind großartig! Ich habe sie erst vor kurzem kennen gelernt, als jemand sagte: „Du kennst die Residents nicht? Du klingst genau wie sie!“ Dann habe ich sie mir angehört, und dachte: Wow! Da arbeitet man wirklich hart an etwas und merkt dann, dass so etwas schon mal jemand gemacht hat. Das ist wie alte Knochen ausgraben!
De:Bug: Aber ihr klingt ja nicht wirklich wie die Residents…
Adam: Nein, das stimmt. Und demnächst wollen wir auch eher was im Stevie Wonder-Style machen!

…und über Texte!

De:Bug: Deine Lyrics scheinen ein Stream of Consciousness zu sein. Wie entstehen die Texte?
Adam: Why? und ich schreiben sehr unterschiedlich – in unterschiedlichen Sprachen, aber mit dem selben Herzen. Ich bin manchmal etwas zu melodramatisch, er etwas zu albern. Dann passiert folgendes: ich mache eine abstrakte Strophe, er antwortet: „Das sehe ich nicht so“ und arbeitet neu mit den Worten. Umgekehrt dasselbe: wir sind sehr kritisch zueinander. Dazwischen setzen wir Zeilen aus unseren Lieblingsgedichten, aus dem Fernsehen oder Sätze, die wir auf der Strasse aufgreifen. Obwohl es sich für den Hörer nach Stream of Consciousness anhört, ist es extrem zusammengesetzt – eine Collage aus persönlichen, aber auch allgemeinen popkulturellen Erfahrungen. Denn wir wollen zwar persönliche Musik machen, sie muss aber nachempfunden, gefühlt und verarbeitet werden können. Das ist etwas, was wir gerade lernen: persönliche Musik zu machen, nicht nur für uns selbst, sondern für die Leute.
De:Bug: Genau das hast du aber in einem Interview eingeräumt: dass ihr häufig sehr unverständlich seit!
Adam: Ja, das stimmt. Aber die neue cLOUDDEAD Platte wird anders sein. Wir versuchen eine feel-good Platte zu machen, die man sich anhören kann, die aber einen riskanten Inhalt hat. Sie wird sehr zugänglich sein, denn wir behandeln ganz allgemeine Themen. Z.B. dass wir alle in Käfigen leben. Alle haben diesen cage-lifestyle: they stuck on gravity! Wir verschließen unsere Türen und Fenster. Die einzige Barriere zwischen dem Weltfrieden und unserer heutigen Welt sind Geheimnisse und Ängste. Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie brilliant wir sind und wie wenig davon wir umsetzen. Dabei könnte es passieren, genau jetzt!
De:Bug: Du glaubst trotz Bush an das Gute?
Adam: Das ist fürchterlich, genauso wie die Wahl fürchterlich war. Aber dieser faschistische Diktator wird den Leuten zeigen, was sie NICHT wollen. Und Gore wäre auch nicht viel besser gewesen, wir hatten eh keine Wahl.

Me, myself and you

De:Bug: Ansonsten wäre es reine Selbsttherapie!
Adam: Genau, aber wenn man das drei Alben lang macht, geht das nicht mehr. Bei vielen Künstlern heißt es nur IchIchIch, oder WirWirWir. Genau das war bisher bei cLOUDDEAD das Thema: Wie WIR als Künstler leben können. Art school is terrible, business school is worse, moving is ripping us apart, living in this appartment is ripping us apart… Was sollen wir tun, wie unsere Miete bezahlen, wie das Futter für meine Katze? Jetzt arbeiten wir mit Mush, erscheinen auf Big Dada. Anticon läuft auch gut. Jetzt können wir als Musiker und Künstler arbeiten, wir können also das Ich aus unseren Lyrics streichen. Das ist etwas neues, wir sind alle gespannt darauf, unsere Flügel auszubreiten.

We!

De:Bug: Wie ist das Verhältnis zu anderen Hip Hop Aktivisten.
Dose One: Sehr gut. In den letzten 4 Jahren hat sich im Bereich von Abstract Hip Hop (er nennt es left-field Hip Hop/ CM) musikalisch unglaublich viel getan: mit Mike Ladd, Company Flow, Saul Williams, Anti Pop, Project Blowed, Living Legends, Quannum, Ozone, und uns – Anticon. Der Erfolg von Anticon war nur möglich durch Company Flow und Co. Das war erfolgreicher Independent Hip Hop, der es uns erlaubte, im Zeitalter des Internet doppelt so erfolgreich zu sein. Wir machen alle diese Art Musik, respektieren uns gegenseitig und teilen uns die gleiche Fans. Es ist wichtig für uns, zusammenzuhalten, es ist wichtig die Arbeit der anderen zu würdigen, denn sonst sind wir alle allein. Deswegen haben wir alle untereinander Verbindungen, laufen uns bei den Labels und Konzerten über den Weg, oder im Internet. Die Verbindungen werden immer enger, und man gibt sich gegenseitig viel Unterstützung. Wir versuchen schließlich alle, ehrliche Musik zu machen, und das ist definitiv nicht einfach. Das geht nur, wann man sich gegenseitig hilft. In diesem Sinne ist die Bewegung nicht einfach Abstract Hip Hop: Wir sind die neue Energie im Hip Hop!“

VJ $ehvermögen

Bilder regeln das $ehvermögen

$ehvermögen rockt die Drum ‚n’ Bass-Crowd mit massiver Message

Text: Christian Meyer

Unterschiedliche Bilder wirken sich unterschiedlich auf die individuelle Entwicklung der visuellen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit aus. Das kann man sich wunderbar zunutzen machen, denn wenn bestimmte Bilder bestimmte Lebensaspekte dominieren, dann dominieren neben der spezifischen Ästhetik auch deren Aussagen, klar! Nur leider sitzen meist die falschen Leute an den richtigen Stellen, so dass der Bilder-Mainstream in der Regel von öden bis bösen Menschen bestimmt wird. In der Popkultur hingegen kann das schon mal besser laufen: für die Schnittmenge Westdeutschland und Drum ‚n’ Bass-Party gibt es z.B. auch solche dominierenden Bilder. Das stellt man schnell fest, wenn man sich in Köln und Umgebung, aber auch in Koblenz oder Stuttgart auf Drum ’n’ Bass-Parties herumtreibt:man sieht dort meistens Visuals von $ehvermögen – doch die sind weder öde noch böse!

„VJ $ehvermögen“ weiterlesen

Beige (Interview)

Beige, nicht farblos!

Beige alias Oliver Braun hat nicht zuletzt in der De:Bug-Redaktion mit dem musikalischen Befreiungsschlag seiner ersten CD „I Don’t Either“ vor zwei Jahren für Aufregung gesorgt.

Oliver Braun geht es ganz und gar nicht um ideologische Grabenkämpfe (höchstens um idiologische im Sinne seiner Kollegen Mouse On Mars). Es ist z.B. nicht so – wie Andernorts zu lesen war –, dass es seiner Meinung nach zu Techno, den er ja von 95-97 selber auf Thomas P. Heckmanns Label Trope veröffentlicht hat, nichts mehr zu sagen gäbe. Gemeint war vielmehr, dass er zu Techno nichts mehr zu sagen hatte. Fast sein gesamtes Equipment landete daher beim Alteisenhändler, und er bastelte von da an nicht mehr am perfekten Sound des 4/4-Tracks, sondern machte einen harten Bruch und wechselte ins Fach der Fachlosen: von nun an sollten ihm unter anderem in der Form eines rüden Humors die Türen zu sämtlichen Rhythmen und Klängen offen stehen, und das bei viel geringerem technischem Aufwand!

Mit einem neuen Klangspektrum, das nun kaum noch auf Synthesizer fixiert, sondern viel samplebasierter war, landete er mit Hilfe von Stephan Bethke aka Pole nach einer langen Durststrecke des Klinkenputzens mit seinem Material endlich auf dem englischen Label Leaf. So war die Musik der CD I Don’t Either bei Erscheinen schon 3 Jahre alt und die ganzen Querelen um die Produktion und Veröffentlichung der CD bergen nicht die besten Erinnerungen an diese Zeit.

Ein Jahr der Musikabstinenz später arbeitet Oliver Braun als Programmierer für Web-Sites und kann deshalb viel entspannter, ohne finanzielle Abhängigkeit, an seiner Musik arbeiten. Das erste mal rein virtuell am Rechner zu arbeiten empfand er zudem als sehr befreiend und so dauerte es nicht allzu lang, bis die Arbeit an der neuen CD mit dem wunderschönen Titel „Ein Königreich für eine Handgranate“ abgeschlossen war. Die Platte klingt mit Mundharmonika, Blockflöte und Quietscheentchen ( letzteres auf der vorangegangenen ‚Non-Profit’-EP) deutlich akustischer, vor allem, weil keine Loops, sondern nur kleine Fragmente, zudem in der Regel nicht verfremdet, gesampelt werden. Was außerdem besonders auffällt, ist die vermehrte Verwendung der menschlichen Stimme.

Für die nächste Platte ist geplant, richtige Stücke mit Liedgesang zu machen. Doch „das Problem sind immer die Texte. Entweder Du machst es völlig dadaistisch und nur assoziative Geschichten, da weiß ich aber nicht, ob man das durchhält. Das ist bei mir die Hemmschwelle: nimmst Du jetzt richtig viel Gesang mit Strophe und Refrain, nur dann sollte man ja auch irgendwas zu sagen haben! Ich habe gemerkt, dass Stücke durch Stimme enorm gewinnen. Das ist immer noch so. Man denkt sich, man schafft’s auch ohne, aber es gibt immer Stücke, die sind schon ganz gut, aber dann merkst Du, da fehlt einfach das Leben!“

De:Bug:“Der Mensch wieder?“

Oliver: Der Mensch! Könnte auch ein Saxophon sein wie bei Blumfeld, aber muss nicht, zumindest nicht in der Art!“

Das hört sich an, als klänge Beige inzwischen sehr sanft und glatt. Das ist aber nun gar nicht der Fall: die Musik ist zwar nicht gewalttätig, wie es der CD-Titel suggeriert (der bezieht sich eher auf festgefahrene Strukturen im Musikbiz), es klingt aber doch alles sehr gepresst, und die Töne sitzen im Rhythmus wie in einem schiefen Rahmen. Und vor klanglichen wie rhythmischen Überraschungen ist man bei Beige sowieso nie gefeit.

Oliver: „Ich tue mich immer schwer damit, Position zu beziehen, dass steckt auch in der Musik. Es kommt nicht immer genau das, was man erwartet hätte, oder was besser funktionieren würde an der Stelle. Es gibt Augenblicke, da muss man dass einfach weg lassen. Die Musik ist so wie ein zickiges klappriges Gerüst, dass an irgendwelchen Gelenken noch zusammenhängt, und schwer am zappeln ist. Trotzdem versuche ich immer wieder zu einer Art Groove zurückzukommen, so dass da noch eine Struktur drin ist, die das Ganze in Schwung bringen kann.“

De:Bug: Wie überprüfst Du denn, ob das Ding auseinander fällt, oder gerade noch zusammenhält?“

Oliver: „Das ist ja das Drama von der selektiven Wahrnehmung: Du sitzt da und findest alles ganz toll, gehst mal kurz raus, holst einen Kaffee und kommst wieder und … es klingt nur noch schrecklich! Du hattest vorher einen Fixpunkt, mit dem hat es wunderbar funktioniert, und wenn Du den einmal aus den Augen verlierst, dann ist alles kaputt. Du kannst Dich eigentlich nur selber als Maßstab nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass viele auch den Faden verlieren, aber ich finde das auch nicht so auseinandergeholzt, dass das endlos ins Abstrakte abgleiten würde. Da sind auch die Melodien ganz wichtig. Obwohl ich da gar nicht so viel Arbeit rein stecke, das ist dann wirklich jammen. Ich lasse den Rhythmus laufen – damit fängt ja alles an – dann spiele ich einfach…

De:Bug: „Die Melodien steuern gegen die Abstraktion…“

Oliver: „Ja, und sie halten ja nie wieder das Maul. Die daddeln ja immer los und werden nicht mehr still, die ganzen kleinen Teilchen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die auch einfach da sein müssen, weil ja auch relativ wenig Raumeffekte da sind, es ist ja alles sehr spröde. Bei der letzten CD habe ich alles unter 200 und alles über 10.000 Hz weggedreht (beim Mastering wurde dieses Klangkonzept dann wieder zerstört/Anm. CM), es gab im Grunde keine Höhen und keine richtigen Bässe, ich wollte das nur in den Mitten haben, und das können viele Leute nicht ertragen, die werden irre! Davon bin ich jetzt weg, aber deswegen waren damals auch schon tragende Elemente wie Melodien wichtig, die einem eine Ahnung von Spaß vermitteln können.“

De:Bug: “Warum hast Du dann erst die leckeren Basslines beschnitten?“

Oliver: „Das war Trotzigkeit, weil ich enorme Summen in Technik gesteckt habe um einen perfekten Sound zu kriegen. Den kriegst Du aber nicht, außer wenn Du unglaublich viel Arbeit in den Aufnahmeprozess steckst. Darum ging es mir aber nicht. Das ist mir einfach nicht gelungen, deshalb musste ich das zwangsläufig als Konzept weiterentwickeln: ‚Lasst mich in Ruhe mit Hifi!’ Ich fand in Clubs diese terrorisierenden Bässe und Höhen auch immer zu anstrengend…

Zuerst erschienen in De:Bug 03/01