Lewis Trondheim: Mein Freund der Rechner / Nicht ohne meine Konsole
Lewis Trondheim & M. Larcenet: Die Kosmonauten der Zukunft 1 & 2

Lewis Trondheim, Comicautor, Zeichner und Freund der absurden Wendung, hat in nur wenigen Jahren als Einzelhefte und in diversen Serien, alleine oder im Duo mit anderen Zeichnern bereits über 30 Alben veröffentlicht. Dass bei diesem mörderischen Arbeitstempo die Qualität auch mal schwankt, verwundert nicht. Das kann man auch bei seinen nur locker verbundenen Geschichten rund um Computer und Videospiele, feststellen.

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Mit 1-4 Seitigen Kurzgeschichten greift Trondheim in „Mein Freund der Rechner“ die reichlich vorhandenen Absurditäten der digitalen Lebensaspekte auf – die Pointen zünden allerdings nicht immer! In der letzten Geschichte lernen sich dann die Protagonisten des zweiten Bandes „Nicht ohne meine Konsole“ kennen. Dort kreist die Story der beiden Videospiel-Kritiker um die Themen Medien und Konsum, und stößt des öfteren humorvoll an philosophische Grundfragen. Auch hier zündet nicht jede Pointe (trotz fortlaufender Story im Heft ist jede Seite kunstvoll wie ein einzelner Comicstrip mit Pointe arrangiert), aber wie Trondheim z.B. auf einer Seite eine komplette Fernsehkritik ausbreitet um sie dann in nur einer Sprechblase ganz im Sinne von Bourdieus These von der Absorbtion/Affirmation der Kritik durch das Medium platt zu walzen, ist schon eindrucksvoll. So etwas bekommt man in einem Funny-Comic sonst nur noch bei Fil (beide Carlsen).

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Seine Serie „Die Kosmonauten der Zukunft“ (Zeichnungen von Manu Larcenet) ist ein Science Fiction um zwei naseweise 11Jährige, die sich plötzlich in ihrer eigenen Fantasiewelt wiederfinden. Ab der Mitte des ersten Bandes wird’s richtig skurril, wobei die absurd erscheinende Logik – sowohl die der Story als auch die der Rotzlöffel – zunehmend für metaphysische Begeisterung sorgt. Im zweiten Band bricht der Wahnsinn komplett aus (beide Ehapa).

Zuerst erschienen in De:Bug 05/03

Yslaire: Der XX.Himmel

Der Comiczeichner Yslaire (‚Sambre’) startet mit der zweibändigen Geschichte ‚Der XX.Himmel’ den Versuch, den Comic ins Computerzeitalter zu katapultieren. Nicht mit am Computer gezeichneten Bildern, nicht durch die Publikation im Internet, sondern mit einer spezifischen Erzählweise: die Geschichte wird weitgehend an Hand von E-Mails, die anonym (von @nonymous) an die Protagonistin Eva Stern (evastern@yslaire.de), eine steinalte, jüdische Psychoanalytikerin, gesendet werden, erzählt.

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@nonymous schickt ihr Bilder und Filme, die zwar ihr eigenes Leben betreffen, insgesamt aber auch ein Bild der düsteren Seite des 20.Jahrhunderts liefern. Die Panels sind in einem klassischen, malerischen Stil gehalten (vergleichbar mit Bilal), Yslaire hat dadurch aber seine eigene Erzähltechnik nicht immer ganz im Griff: das malerische kollidiert mit dem neuen Kommunikationsmedium – die Software mit der Hardware. Trotzdem ein schöner, poetischer Comic eines französischen Altmeisters.
(2 Bände, Carlsen, 2001/2)

Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend (Buch)
V/A: Verschwende Deine Jugend (CD)

Warum sich ‚New Wave’ nicht mit ‚Neue Deutsche Welle’ übersetzen lässt.

Ende letzten Jahres erschien im Suhrkamp Verlag das großartige Buch VERSCHWENDE DEINE JUGEND. Damit lieferte Jürgen Teipel anhand unzähliger O-Töne ehemaliger Protagonisten der deutschen New Wave zwischen 1976 und 1983 ein umfangreiches Zeitkolorit vom Auf- bis zum Zusammenbruch der Szene. Die Zitate aus den einzelnen hierfür geführten Interviews sind kommentarlos, aber in höchst raffinierte Weise aneinandergereiht – der Autor nennt es Doku-Roman, das Prinzip ist übernommen von dem ebenso gelungenen Pendant und Vorbild „Please kill me“ von Legs McNeil und Gilian McCain (auf Deutsch erschienen bei Hannibal).

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Im Zusammenhang mit diesem Buch erscheint nun bei dem damals stark involvierten Düsseldorfer Plattenlabel Ata Tak eine ebenso einmalige Doppel-CD, die analog zum Buch die bedeutendsten Musikstücke dieser Zeit zusammenfasst. Über die Auswahl muss man erst gar nicht streiten: denn erstens ist sie wirklich sehr repräsentativ für das musikalische Geschehen dieser Zeit (die Düsseldorflastigkeit findet man bereits im Buch, sie ist aber auch historisch legitim), und zweitens orientiert sie sich ja an den im Buch entscheidenden Stücken, ist also eine Gesamtauswahl vieler der Beteiligten Musiker: angefangen vom Düsseldorfer Ur-Punk bei MALE, MITTAGSPAUSE und S.Y.P.H., über die avantgardistischeren, mehr aus Kunstkontexten entstandenen Ansätze bei PALAIS SCHAUMBURG, der TÖDLICHEN DORIS, den Einstürzenden Neubauten oder FSK bis zum Abgesang auf die ‚Happy New Wave’ von XAO SEFFCHEQUE und den neue Tendenzen anstoßenden, elektronischen Tanzmusiken von DAF, den KRUPPS und LIAISONS DANGEREUSES (nur: wo bleiben die GEISTERFAHRER?). Buch und CD gemeinsam konsumiert, ergibt das einen äußerst gelungenen Einblick in eine bis dahin eher dürftig dokumentierte musikalische Deutschstunde. Und wer sich jetzt fragt, warum Nena und Markus unerwähnt bleiben, der muss nachsitzen und 100 mal ‚New Wave’ an die Tafel schreiben!
Erschienen bei Suhrkamp (Buch) bzw. Universal (CD; VÖ: 22.4.2002).

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02

Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell

Die literarische Vorlage des zur Zeit in den Kinos laufenden Films From Hell mit Johnny Depp ist der gleichnamige Comic von Alan Moore und Eddie Campbell, der aus diesem Anlass jetzt auch in einer einbändigen, deutschen Gesamtauflage vorliegt. Moore (Watchmen, V wie Vendetta) hat dieses Mammutwerk zusammen mit dem Australischen Zeichner Campbell in den Jahren ´89 bis ´98 verfasst, und wenn man den ca. 600 Seiten umfassenden Wälzer erst einmal durchgearbeitet hat, wundert man sich überhaupt nicht mehr über den langen Zeitraum der Entstehung. Moore nimmt die Ereignisse um die bis dato ungelösten Whitechapel-Morde (bekannt geworden unter dem fiktiven Namen Jack the Rippers) als Aufhänger, um an ihnen den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert zu veranschaulichen – technisch, mental, kriminal – nicht ohne die halbe Weltgeschichte zwischen Mythen-, Architektur- und Sozialgeschichte auch noch abzuhaken. Und dies tut er mit einem Rechercheaufwand, den nur ein Besessener betreiben kann. Im Rahmen der eigentlichen Mordserie stützt er sich auf zahlreiche bisherige Veröffentlichungen zum Fall, recherchiert aber auch selber und bastelt sich so seine eigene Theorie zusammen, wobei er alle Quellen, eigenen Schlüsse und fiktiven Einschübe um der Dramaturgie Willen in einem detaillierten, schriftlichen Kommentar (alleine das sind 60 Seiten) erläutert.

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Campbell arbeitet auf den ersten Blick intuitiver: In seinen fahrigen s/w-Zeichnungen ist das Londoner Nebel- und Regenwetter stets präsent – allerdings auch in den Innenräumen! Daher ist es wohl kaum überinterpretiert, wenn man in den rastlos hingekritzelten Zeichnungen einerseits die Unruhe und Ungeduld der Protagonisten widergespiegelt sieht, andererseits in ihren Ungenauigkeiten und häufig nur schemenhaften Andeutungen die vage Sachlage des Kriminalfalls reflektiert findet. Und letztendlich basiert natürlich auch die visuelle Darstellung der Architektur, der Mode und der restlichen Requisiten auf detaillierter Recherche.
Und als wäre das alles noch nicht genug, bietet dieses Comic-Monstrum im zweiten Anhang auch noch einen 24 Seitigen Bonuscomic, der sich auf der Metaebene der Entstehung des Buchs widmet. From Hell ist sofort in meine persönliche Top Ten der besten Comics aller Zeiten eingestiegen. Der Film (muss man es noch extra sagen?) ist natürlich nur eine traurige Verstümmelung der Vorlage.
(Speed Comics)

Zuerst erschienen in De:Bug 05/02

St. Thomas: „I’m Coming Home“

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Mal was neues: Country-Folk aus Norwegen! Der Novelty-Gag an sich würde natürlich als Grund für eine Rezension nicht reichen. Aber trotz aller Absurdität dieser Kombination verbirgt sich hinter ‚I’m Coming Home’ ein ernst zu nehmendes Album mit amerikanischer Folklore aus der Sicht von St. Thomas’ offensichtlichen Vorbildern wie Neil Young oder Palace Brothers. Vor allem gesanglich nähert er sich diesen beiden Helden bedrohlich nahe, fast bis zur Selbstaufgabe: Wir hören also eine leicht nasale, zarte und zerbrechliche Stimme, die auch von der vorwiegend akustischen und sparsam eingesetzten instrumentalen Begleitung kaum gestützt wird. Was aber vor allem auffällt, ist das wirklich gute Songwriting, durch das einige regelrechte Ohrwürmer entstanden sind. Dass so etwas in Norwegen in den Top Ten landet spricht zwar für das Land, kann aber kaum der musikalischen Einschätzung dienen. Aber man freut sich ja immer, wenn sympathische Minderheitenmusik ohne laute Gesten auch einmal Erfolg hat.
(City Slang/Labels/Virgin, )

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02

Selten gehörte Musik in Köln

Ein antiautoritäres Lustspiel

Oswald Wiener präsentierte Mitte Januar im Kölner Volkstheater Millowitsch ‚Selten gehörter Musik’ und versuchte mit jungen Musikern, sein Projekt aus den 70er Jahren in die Jetztzeit zu katapultieren. Das gelang ihm allerdings nur ansatzweise.

Die Welten, die in Köln am Abend des 14.1. aufeinander prallten, könnten kaum verschiedener sein. ‚Selten gehörte Musik’ wurde für diesen Abend im Millowitsch-Theater angekündigt, und die Namen, die hinter diesem Projekt standen, konnten das Kölner Lustspieltheater mühelos mit einem vorwiegend jungen Publikum füllen.
‚Selten Gehörte Musik’ war in den siebziger Jahren ein aus der neodadaistischen Wiener Gruppe hervorgegangenes musikalisches Trio. Oswald Wiener (Dozent für Poetik und Ästhetik an der Düsseldorfer Kunstakademie), Gerhard Rühm und Dieter Roth haben sich in dieser Zeit für einige Konzerte und Schallplattenaufnahmen („3. Berliner Dichter-Workshop“,’73) zusammengefunden, um „…eine Ästhetik des Scheiterns auszuprobieren, das heißt eine Ästhetik des Nichtkönnens, des Möchtens, des Wollens. Und dies ist eine schmerzhafte Ästhetik, es ist eine Ästhetik der Peinlichkeiten, der Blamage, des Verzichts…“(Wiener). Durch das bewusste aufs Spiel setzen des Gelingens der Aufführung sollen die Ausdrucksmöglichkeiten der Musik erweitert werden. So nimmt man gezielt ein Instrument in die Hand, das man nicht beherrscht (falls man überhaupt eines beherrscht…), denn Kunst kommt nach Wiener nicht von können, sondern von wollen (deshalb nennt er es auch Wunst).
Nach langer Zeit hatte man nun erneut die seltene Gelegenheit, ‚Selten gehörte Musik’ zu erleben – allerdings in ganz anderer Besetzung. Auf der Bühne, in der Kulisse eines biederen, neoklassizistischen Wohnzimmers des gehobenen Bürgertums (die Kulisse der aktuellen Aufführung des Theaters), saßen nicht weniger als 13 Personen mit Glockenspiel, Gitarren, Schlagzeug, Samplern, Tuba, Saxophon, allerlei Flöten uvm. Die Liste der Beteiligten schien wild zusammengewürfelt zu sein: Mehrere Generationen avantgardistischer Aktivisten, von der ‚Wiener Family (Adam, Ingrid und Oswald Wiener) und Valie Export (Experimentalfilmerin aus dem Umfeld des Wiener Aktionismus) über Wolfgang Müller (ehem. Die Tödliche Doris) zu Marcus Schmickler, Thomas Brinkmann (der einst Schüler von Wiener war), Jan Werner von Mouse On Mars und der Medientheoretiker Nils Röller standen neben anderen auf der Bühne. Ein Generationskonflikt entstand daraus allerdings nicht. Groß war anscheinend der Respekt, den die jüngeren Teilnehmer dem Initiator Oswald Wiener entgegenbrachten.
Das Konzert wurde durch ein in dadaistischer Fantasiesprache gehaltenes Gespräch zwischen Wiener und Walter Fähndrich eingeleitet, an dem sich nach und nach alle Protagonisten beteiligten – verbal, musikalisch oder mit kleinen Handlungen. Das barg während des gut einstündigen Konzertes einige sowohl musikalische (in den besten Momenten energetisch wie ein gutes Free Jazz Konzert) als auch literarische oder gar komödiantische Höhepunkte.
Allerdings blieb das alles in allem recht brav. Die Akteure diffamierten sich zwar regelmäßig gegenseitig mit ‚peinlich,peinlich’ und ‚Blamage’ Zurufen und Fähndrich versuchte zwischendurch per Handy die Polizei wegen Ruhestörung zu rufen, doch blieb der Versuch reine Showeinlage. Ein kurzer Schlagabtausch mit Überraschungseiern zwischen Bühne und Saal verebbte schnell wieder und das biedere Ambiente auf der Bühne blieb komplett verschont. Musikalisch sehr inspirierend klangen jedoch Stefan Schmidts Traktierung der Gitarre mit einer Bohrmaschine und Jan Werners rhythmische Rückkopplungen. Überhaupt: wirkten die Einlagen der älteren Aktivisten zuweilen etwas antiquiert, so erdeten die jüngeren Teilnehmer das Unternehmen immer wieder ästhetisch im Hier und Jetzt. Damit barg das antiautoritäre Ereignis doch noch einige subtile Reibereien.
Christian Meyer

„Das Weisse Rauschen“ von Hans Weingartner

Die Wirklichkeit des Wahns

Hans Weingartners Film ‚Das Weisse Rauschen’ beschreibt realistisch den Kampf eines Schizophrenen mit seiner Krankheit.

Das weisse Rauschen entsteht, wenn alle Information gleichwertig präsent ist, eine Selektion nicht stattfindet. Don DeLillo nannte schon 1984 einen Roman über eine private Apokalypse ‚White Noise’, jetzt verwendet Hans Weingartner diesen Begriff für seinen ersten abendfüllenden Film. Auch bei ihm geht es um den Zusammenbruch eines Menschen. Lukas (gespielt von Daniel Brühl) zieht zu Beginn des Studiums von der Provinz zu seiner Schwester Kati (Anabelle Lachatte) in die Großstadt. Durch das neue soziale Umfeld verunsichert, erkrankt er an einer vererbten Schizophrenie. Erste Überreaktionen steigern sich zu drastischen emotionalen Ausfällen und führen bei ihm schließlich zu einer ausgeprägten Paranoia mit Wahnvorstellungen: Lukas hört Stimmen – beschimpfende, befehlende, Verschwörungen suggerierende – die gleichermaßen auf ihn wie auf den Zuschauer ungeordnet und sich überlagernd einstürzen.

Hans Weingartner widmet sich mit Weisses Rauschen, seinem Abschlussfilm für die Kunsthochschule für Medien in Köln, einem häufig im Kino behandelten Thema. Dort sind psychisch Kranke jedoch in der Regel entweder Genie, Gewaltverbrecher oder einfach Gaglieferant. Weingartner interessieren solche plakativen Zuordnungen nicht. Weder thematisch noch ästhetisch lässt er sich auf die Klischees des ‚großen’ Kinos ein. Stattdessen erzählt er vom Ausbruch dieser ungewöhnlichen, leider aber gar nicht seltenen Krankheit in einem schlichten, dokumentarischen Stil. Der Film wurde ohne aufwändige Beleuchtung oder Tontechnik mit drei Handkameras auf DV (Digital Video) gedreht. Dadurch konnte man mit einem kleinen Stab von nur 7 Personen und ohne ein ausformuliertes Drehbuch viel Improvisieren und auf unerwartete Entwicklungen spontan reagieren. Zudem wurde in der Zeit der 6 wöchigen Dreharbeiten hauptsächlich in Weingartens eigener Wohnung gedreht, so dass allmählich Arbeit und Freizeit, Drehort und Wohnort, Film und Realität förmlich miteinander verschmolzen.

Die Ähnlichkeit zu den Produktionsprinzipien von Dogma-Filmen ist kein Zufall – Weingarten ist bekennender Dogma-Fan! Und das Manifest des Dänischen Regisseurs Lars von Trier (‚Idioten’!) offenbart auch bei Weingartens Film seine künstlerischen Qualitäten. Alleine die schlichte Entstehung der Aufnahmen bewirkt beim Zuschauer eine eindringliche Präsenz der Protagonisten und ihrer Konflikte. Daher kann Weingartner auf ‚handelsübliche’ Effekte bei der Darstellung von Psychose oder Drogenrausch (was hier einer der auslösenden Momente der Psychose von Lukas ist) wie Zeitlupe, Unschärfe oder den Einsatz von Farbfiltern verzichten und lässt stattdessen den Blick der Kamera durch größere Nähe und weniger Stabilität der Bilder noch aufdringlicher, fragender und gleichzeitig unsicherer werden. So erhalten die Szenen der psychotischen Schübe entsprechend der im Inneren des Protagonisten wütenden Paranoia etwas bedrohliches und klaustrophobisches. Genau wie Lukas Abgrenzungsvermögen nicht mehr funktioniert, die äußeren Reize auf ihn einstürzen, kann sich der Zuschauer von dem wirbeln der Bilder und Töne nicht mehr distanzieren.

Man merkt dem Film in jeder Sekunde an, dass der Regisseur sein Thema kennt. Und wirklich: Weingartner hat vor seinem Studium an der Kölner Medienhochschule Gehirnforschung studiert und sich und den Hauptdarsteller in langen Gesprächen mit einem von der Krankheit Betroffenen auf die Arbeit vorbereitet. Der Film meidet daher jede Beschönigung: Auch als die Diagnose vorliegt, reagiert Lukas’ Umfeld (nachvollziehbar) hilflos auf dessen ‚Verrücktheiten’. Schizophrenie ist eben kein cooler Trip einer künstlerisch veranlagten Person – auch wenn Lucas’ veränderte Wahrnehmung zu faszinierenden Handlungen (z. B. bei der Zimmergestaltung) führt und in großangelegten Verschwörungstheorien immer auch ein kreatives Potential liegt. Bunte Trickeffekte würden das Thema jedoch verfehlen.
Bundesstart: 31.1.2002

Zuerst erschienen in: Süddeutsche Zeitung, NRW-Ausgabe

Workshop: Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit ein Ausgeflippter

Falsches langsam ausschließen

Zuweilen entstehen Workshop-Platten in alten Landhäusern mit bis zu 15 Musikern. Für das neue Album ‚Es Liebt Dich Und Deine Körperlichkeit Ein Ausgeflippter’ haben sich nur Kai Althoff und Stephan Abry, der eigentliche Kern des Workshops, zusammengefunden und ihre Ideen erst kollidieren, dann fusionieren lassen.

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Mit ihrer neuen Platte entziehen sich Workshop wieder geschickt einer Schublade – indem sie gleich ganz viele anbieten: Folk, elektronische Musik und Art-‚Rock’ zum Beispiel. Aus der Schublade ihres Labels Ladomat sind sie jetzt allerdings komplett herausgefallen, um bei Sonig, ihrem neuen Label, auch nicht recht ins Programm zu passen.
Kai Althoff: Stephan wollte sehr gerne, dass die Platte folkig wird und akustische Gitarre spielen, was er am Anfang gar nicht mehr so gut konnte, wie er dachte. Das tat aber nichts zur Sache, denn wir wollten das eh teilweise sampeln und nicht 1:1 alles einspielen.
Da die beiden räumlich weit voneinander getrennt leben (Kai in Köln, Stephan in Hamburg), wurden die mitgebrachten Ideen erst beim Aufeinandertreffen für die Aufnahmen miteinander abgestimmt und modifiziert.
K.A.: Da wir uns wirklich sehr lange kennen, ist es aber so, dass man dabei nicht viel reden muss. Wir haben das teilweise auch innerhalb von Sekunden, ohne etwas zu reden, entschieden, das dies nicht geht, und dass das geht. Langes Diskutieren gab es nicht. Es gab kurze Momente, in denen einer für den anderen einen Kompromiss gemacht hat. Wenn Stephan wollte, dass da ein Mellotron drauf ist, dann habe ich gesagt: nee, das will ich eigentlich nicht, aber dann darf ich dafür woanders mal was sagen. Aber das waren wirklich kleine Sachen.

Nach einer langzeitigen räumlichen Trennung ist man natürlich verstärkt unterschiedlichen Einflüssen ausgeliefert, trägt also zunehmend unterschiedliche Ideen ins Studio. So kommt es dann, dass zwei Ideen etwas skurril aufeinander prallen: hier die Akustik-Gitarre, da die Drummaschine…
K.A.: Sicherlich will man gerne unterbringen, welche Musik man gerade hört. Wir freuen uns aber auch darüber, dass in der Konsequenz, weil der Andere was anderes will, wir uns das gegenseitig wieder kaputtmachen. Nur so kann etwas passieren, was interessant ist. Im Kern, von den Emotionen her, ist das immer die gleiche Sache, die sich eben in der Form immer sehr verändern kann. Deswegen würde ich nicht sagen, dass wir aufeinander geprallt sind. Wir waren uns schon einig. Ich hätte es nur nicht gerne gehabt, wenn da die ganze Zeit ein richtiges Schlagzeug zu hören gewesen wäre. Das hätte mich nicht interessiert. Mir gefällt ja gerade, dass das sehr stumpfe Snare-Getrommel einhergeht mit etwas, was doch eher ergreifend ist
Und mit Computern und Samples kann man ja auch wunderbar das Handwerkliche unterwandern…
K.A.: Virtuosität in der Musik interessiert uns sicherlich nicht. Mich interessiert der Punkt der Euphorie, an dem man merkt, etwas könnte gut werden, und es atemlos fertig stellt. Jedes Stück musste ja in zwei Tagen fertig werden. Wenn man merkte, dass man zu lang dran rum bastelte, war auch klar: dass würde so nichts werden. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, deswegen Computer anzuwenden, weil es schnell gehen muss, weil man sonst schon wieder alles verloren hat. Auch wenn es nicht die besten Sounds sind. Wenn das Gefühl bei der Platte stimmt, wird man sich nicht daran aufhalten – auch nicht daran, wie z.B. die Gitarre gespielt ist – das ist wirklich nicht wichtig.

Wichtig sind hingegen die Texte, die sich in eigentümlicher Sprache zart und zärtlich am Schönen weiden und dessen Vergänglichkeit reiben, und sämtlich von Kai Althoff stammen. Vorher bereits fertig geschrieben, hat er sie frei über die Stücke gesungen, und meistens hat es auch direkt gepasst.
K.A.:Teilweise habe ich dann etwas improvisiert, um zu gucken, ob man diesen Satz als Refrain benutzen kann oder nicht. Wobei: Wiederholen ist eh immer richtig und gut – wenn es wichtig ist.

Zuerst erschienen in De:Bug 1/02

Scott McCloud: Comics richtig lesen / Comics neu erfinden

Comic als elektronischer Lebensaspekt

Nach einer detaillierten, in Comicform ausgearbeiteten Theorie zum ästhetischen Phänomen Comic, veröffentlicht Scott McCloud nun in gleicher Form eine Analyse der ökonomischen Bedingungen des in der Krise steckenden Comicmarktes und formuliert zugleich die Möglichkeiten der sowohl ästhetischen als auch ökonomischen Neuerfindung des Comics in Zeiten von Computer und Internet.

1993 veröffentlichte der US-Amerikanische Comicautor Scott McCloud seinen vielumjubelten Comicband ‚Understanding Comics’ (die deutsche Übersetzung heißt leider besserwisserisch ‚Comics richtig lesen’). Neben der ungewöhnlichen Tatsache, dass dieser Theorie-Band in der Form des Gegenstandes der Analyse gestaltet war, nämlich als Comic, bestach das 220-Seiten dicke Buch vor allem dadurch, dass hier eine ernstzunehmende ästhetische Theorie (hauptsächlich semiotisch orientiert) in höchst kurzweiliger Form entwickelt wurde. Die Wahl der Form war aber mehr als nur ein Gag bzw. die naheliegendste Möglichkeit, das anvisierte Publikum zu erreichen, denn so konnten die visuellen Effekte, über die gesprochen wurde (und zwar mit Hilfe der Comicfigur Scott McCloud, die den Leser dozierend durch das Buch führt), auch gleich anschaulich vorgeführt werden. Sämtliche Koryphäen der Comic-Kunst, von Will Eisner bis Art Spiegelman überschlugen sich mit Lob. Im Folgenden Arbeitete McCloud an dem computergenerierten Album ‚The New Adventures Of Abraham Lincoln’, dass wenig Gnade bei der Kritik fand. Insofern kann die Rückkehr zu der Erfolgsformel von ‚Understanding Comics’ durchaus zwielichtig erscheinen (erst recht, da die Comicform diesmal nicht ganz so zwingend ist – allerdings spricht auch nichts dagegen). Aber man sollte sich doch anschauen, was ‚Reinventing Comics’, soeben in der deutschen Übersetzung unter dem Titel ‚Comics neu erfinden’ erschienen, inhaltlich zu bieten hat.

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Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten beschreibt McCloud 9 sogenannte Revolutionen, die die fetten Jahre Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre gebracht haben. Diese Zeit hat mit Akteuren wie Bill Sienkiewicz, Frank Miller, Alan Moore, Dave McKean u.a., häufig ausgehend von der Dekonstruktion des übermächtigen Superhelden-Genres, eine sowohl ästhetische als auch thematische Explosion auf dem Comicmarkt verursacht (bei dessen Beschreibung zeichnet sich recht deutlich McClouds amerikanische Sichtweise ab). Im Jahr 2001 gibt es daher immer noch eine große Anzahl thematisch interessanter und künstlerisch eigenständig formulierter Comics, die Marktsituation ist nach dem Ende der Aufbruchsstimmung aber ziemlich schlecht bis katastrophal. McCloud schreibt aus dieser Position, in der die künstlerische Blütezeit gerade zurückliegt, und man die Zukunft recht ernüchtert betrachtet.

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Im zweiten Teil fragt er daher nach den Möglichkeiten, die Errungenschaften der ‚Erwachsenwerdung’ der Comics halten und ausbauen zu können. Nach einleitenden Worten über Geschichte und Möglichkeiten von Computer und Internet, beschäftigt er sich mit den Fragen der digitalen Distribution, Produktion (auch ‚Comics neu erfinden’ ist am Computer entstanden!) und der komplett digitalen Comics, die nur im Netz existieren. Dieser zweite Teil ist kräftig von Pathos begleitet, denn McCloud sieht hier nicht nur die einzige Möglichkeit, den künstlerischen Comic finanziell überlebensfähig zu halten, sondern auch die Chance, vollkommen neue Wege sowohl in der Ästhetik der einzelnen Panels, als auch in deren Anordnung zu gehen. Dabei lässt er sich gar nicht einmal so sehr auf multimediale und interaktive Möglichkeiten ein, denn diese Felder möchte er Kunstgattungen überlassen, die dort wesentlich mehr leisten können. Er bezieht sich hier vielmehr auf ästhetische Möglichkeiten jenseits von perfekter Simulation: die Freiheit von Erzählstrukturen, wie sie durch die Loslösung vom bedruckten Papier entsteht. Diese Möglichkeiten beschreibt McCloud in ‚Comics neu erfinden’ eindrucksvoll und anschaulich. Ob man sich aber in Zukunft komplett von der herkömmlichen Form des Comics als Buch verabschieden soll und kann, darf trotz aller Euphorie McClouds bestritten werden.

Zuerst erschienen in De:Bug 01/02

Art Cologne 2001

Zwischen den Orten

Nachdem die Relevanz der Art Cologne in den letzten Jahren zunehmend angezweifelt wurde (obwohl der Kontrahent in Berlin sich auch nicht durchsetzen konnte), wird dieses Jahr mit dem Slogan ‚The Artpole of the world’ diese Relevanz schlicht wieder behauptet. So kann man’s auch machen…

„Art Cologne 2001“ weiterlesen

Katz und Goldt

1997 hat der Graphiker und Zeichner Stephan Katz auf gut Glück einige von Max Goldt geschriebene Geschichten illustriert und dem Autor zugesandt. Dem gefiel’s und man entschloss sich zu einer Zusammenarbeit.
Seitdem gibt es neben Büchern, Platten und Hörspielen auch Comics von Max Goldt. Inzwischen steht der vierte Band in den Regalen.

Als erstes legten Stephan Katz und Max Goldt der Öffentlichkeit das beim Berliner Comic-Verlag Jochen Enterprises erschienene Heft „Wenn Adoptierte den Tod ins Haus bringen“ vor. Dort sind auch die Nachfolgebände „Koksen um die Mäuse zu vergessen“ und „Ich Ratten“ erschienen, die Zahlreiche Comic-Strips und Cartoons versammeln, von denen einige zuvor in diversen Magazinen erschienen waren. Als sich Katz und Goldt entschlossen, einen vierten Band zusammenzustellen, hatte ihr ehemaliger Verlag aber leider schon das Zeitliche gesegnet. Man musste also einen neuen Partner finden und fand ihn auch schnell im Carlsen Verlag. Dem jedoch gefiel anscheinend nicht nur der neu vorgelegte farbige Band „Oh, Schlagsahne! Hier müssen Menschen sein“, sondern auch die früheren. Und da die ersten drei s/w-Bände bereits vergriffen waren, verlegte man gleich noch die alten Titel aufs Neue, und zwar als schicke Hardcover-Ausgaben, teilweise mit Bonusmaterial versehen. Das hat zur Folge, dass nun ein völlig überforderter Rezensent vor 4 Comic-Alben mit höchst merkwürdigen Titeln und schlacksig-naiven Zeichnung mit viel Rastermuster-Hintergründen sitzt, und versucht, das alles irgendwie anschaulich zu machen, oder zumindest in den ominösen Humor-Kosmos von Max Goldt einzuordnen.

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Versuchen wir also ersteres durch letzteres: Max Goldt fiel wahrscheinlich zuerst einem größeren Publikum mit dem ´82er Foyer des Arts-Hit „Wissenswertes über Erlangen“ auf. Die dort beschriebene kleinbürgerliche Spießigkeit mit all ihren Klischées, Vorurteilen, Gemeinheiten und unfreiwilligem Humor zieht sich seitdem durch Goldts Schaffen: Etliche Platten zusammen mit Gerd Pasemann als Foyer des Arts, zahlreiche Bücher mit Kurzgeschichten und Kolumnen, Hörspielkassetten und seit 1997 eben auch Comics. Bei den Comics reicht die thematische Palette von oben genannten Beschreibungen (‚Erlangen’ gibt es im Bielefeld-Remix) über die Verarbeitung von Schwulen-Klischées (mit der Serie „Die beiden netten Homos“), pseudo-analytischen Diskursen (‚Pilze sind Jazz’) bis zu haarsträubenden Wort/Bild-Spielen und derben Zoten.

Auf beeindruckende Art zeigt sich schon nach den ersten Seiten der Lektüre, dass weder eine Orientierung an linearen Handlungssträngen noch das warten auf Pointen viel Sinn macht. Beides kann man hin und wieder vorfinden, die Regel ist es aber keinesfalls. Somit siedeln sie sich zwischen ihren ehemaligen Berliner Verlagskollegen OL (thematisiert kleinbürgerliche Spießigkeit extrem bösartig) und Phil/Fil (Meister im sinnentleerten Abschweifen von der zentralen Handlung einer Geschichte, nachzuprüfen an seinem Epos „Didi & Stulle“) an. Strips, die gekonnt ins leere laufen und jeglicher Pointe entbehren, dafür aber zwischendurch mit zahlreichen Bonmots aufwahrten wechseln sich ab mit Cartoons, die auch nach längerem Studium äußerst rätselhaft bleiben und vielleicht einfach nur zu zu später Stunde am Tresen entstanden sind. Aber: auch wenn man sich hin und wieder sehr an der Leichtigkeit des Un-Sinns ergötzen kann findet der aufmerksame Leser doch immer wieder äußerst treffend beobachtete hässliche Kleinigkeiten und schöne Großartigkeiten des Alltags zwischen provinziellem Mief und großstädtischer Hipness-Arroganz charmant beschrieben.

Zuerst erschienen in De:Bug 12/01

Alter Ego: Humor und Härte

Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke aka Alter Ego vermitteln zwischen Härte und Humor.

Gestern war Krieg in den USA! In der folgenden Nacht setzten sintflutartige Regenfälle ein, die bis in den Morgen andauerten. Jetzt hat sich das Wetter etwas beruhigt. Leichte Weltuntergangsstimmung liegt trotzdem über dem Szenario, als wir uns mit Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke, die zusammen das Produzentenduo Alter Ego bilden (ihr anderes Ego ist Sensorama) in den Räumen der intro-Redaktion treffen. Die Wartezeit bis zum Beginn des Fotoshootings (sämtliche Verspätungen und Pannen werden zur Zeit auf die Terroranschläge geschoben) überbrücken wir naheliegenderweise mit Gesprächen über die Ereignisse in den USA. Die Stimmung schwankt zwischen Besorgnis und hilflosem Rumalbern. Als die Fotosession beginnt, ist der Himmel immer noch tief bedeckt. Während Jörn eher Schlichtes bevorzugt und sich tapfer, aber letztendlich erfolglos gegen Pullunder wehrt, sucht sich Roman kontrastierend zur gedämpften Tagesstimmung einen schreiend-knalligen Pullunder aus dem Kleiderfundus aus: „Wo’s richtig weh tut fängt’s an Spaß zu machen.“

Vom Missverständnis zum Clubhit

Wenn das auch die Losung für „Betty Ford“, den viel gefeierten letztjährigen Clubhit von Alter Ego war, dann scheint sie gut zu funktionieren. „Betty Ford”, ein mächtig schiebender Technotrack, erschien Ende 1999 als 4-Track-EP auf Klang Elektronik, „ist aber 2000 erst richtig durchgebrochen“(Roman). Denn eigentlich war der Track auch nur eines der beiden B-Seiten Stücke. Nach anfänglicher Verwunderung hat sich dann aber nach und nach dieses Stück als der Clubtrack der EP durchgesetzt, und schnell kursierte die EP inoffiziell unter dem Titel „Betty Ford“.

Dabei ist Betty Ford für die Verhältnisse von Alter Ego ein ungewöhnlich hartes Stück. Denn Alter Ego wurde ursprünglich als das Ambient-Projekt der beiden gestartet, „seitdem hat sich das aber immer mehr verhärtet, und jetzt sind wir an diesem Punkt angelangt (Roman).“ ‚Diesen Punkt’ könnte man auch ‚Schrantz’ nennen, jenen harten Loop-Techno vornehmlich Frankfurter Provenienz. Jörn:“Es ist schon eine Schrantz-Hymne, das kann man so sagen. Aber den Begriff gab es zu der Zeit ja noch gar nicht.“ Der Track, der nach einem hochtourig laufenden Maschinenmotor mit kleinen Aussetzern klingt, bedient in der Tat das Schrantz-Publikum. Allerdings – und hier setzt ein Reihe von Missverständnissen und lustigen Zufällen ein – kann man im Stück noch einiges mehr hören – die stumpfen Momente sind doch eher vordergründig.

Digitaler Hardcore-Humor

Roman: „Die Idee ist völlig over-the-top, da sind vollkommen absurde Momente drin. Der Basslauf z.B.: schlimmer geht’s nimmer! Da gibt es wirklich stumpfe Elemente. Man muss die eben nur so einsetzen, dass es nicht peinlich wird.“

Jörn: „Es ist wie eine Achterbahnfahrt die über Höhen und Tiefen geht. Das gibt es im Augenblick selten. Die Stücke sind zur Zeit oft sehr eindimensional – DJ-Tools eben. „Betty Ford“ hingegen ist extra so gemacht, dass es aus dem DJ-Set herausragt. Es will sich in den Vordergrund spielen. Nicht ohne Grund hören so eine Platte auch ganz andere Leute: viele Ältere, viele Künstler, viele Studenten und viele Indie-Leute. Die gehen dazu aber nicht Techno tanzen, sondern finden das einfach gut, weil es so bizarr und absurd ist.“

Roman: „Das Stück nimmt eine gewisse Ernsthaftigkeit raus, die in vielen härteren Techno-Stücken ist. Es schwingt ein Quäntchen Wahnsinn mit, und das macht es etwas außergewöhnlich.“

Der Wahnsinn hat Methode

Deswegen auch der etwas verwirrende Titel: Betty Ford, die Frau von Henry Ford, hat eine Klinik für Suchtkranke Weltstars gegründet. Roman: „Weil der Wahnsinn einfach in der Luft lag, dachten wir, muss das auch im Titel erkennbar sein.“ Dass man bei dem Track auch an Motoren von z.B. Ford-Autos denken kann, ist hingegen nur eine weitere, willkommene Assoziation.

Verglichen mit Schrantz-Tools klingt „Betty Ford“ aber nicht wirklich hart. Dem Hörer schlägt nicht eine undynamisch permanent auf höchstem Level angesiedelte strukturelle Dichte entgegen, die einem rhythmisch gleichförmig spitze Sounds entgegenschleudert. „Betty Ford“ ist eher übersichtlich, mit fettem Bass produziert und konzeptuell Angelegt. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Stumpf und liegt direkt in der Nachbarschaft eines Wolfgang Voigt, der mit seinen Projekten „Auftrieb“ und „Freiland“ ähnliche Felder beackert. So war bei der Frage nach den Kandidaten für die längst überfälligen Remixe schnell klar, dass Voigt aka Wassermann mit von der Partie sein wird (auch eine Revanche dafür, dass Alter Ego zusammen mit Sven Väth dessen programmatische Technohymne „W.I.R.“ zerbröselt haben). Auf der kommenden Remix Platte findet sich – neben Versionen von Justin Berkovi und DJ Rush – auch ein Remix von März. Der ist zuständig für den bislang letzten Zufall in dieser Geschichte: März alias Ekkhard Ehlers kam zur rechten Zeit ins richtige Büro und wollte kurzer Hand auch einen Mix beisteuern. Roman:“Wir dachten: ‚Ok, dass kann eigentlich nur absurd werden, lassen wir den ruhig mal ran’.
Christian Meyer

Zuerst erschienen in: intro, 10/2001

Die Remixe von Betty Ford erscheinen als CD bei Zomba, als Vinyl-Maxis weiterhin bei Klang Elektronik

Ming (Interview)

Electro-Pop-Chansons

Das Brüsseler Duo kann sich einfach nicht entscheiden:, Elektronik oder Pop, lustig oder traurig, Kraftwerk oder Telex, Innen oder Außen. Mit Ming zwischen allen Stühlen!

Text: Christian Meyer

Da stellte sich doch leichte Verwirrung ein, als ich kurz nach dem Interview mit dem Belgischen Electro-Pop Duo Ming eine Anzeige für das neue Album von Ming in einem Fachmagazin erblickte. Demnach heißt das überraschenderweise gerade erschienene Debutalbum des anscheinend Britischen Duos nicht ‚Intérieur/Extérieur’, sondern ‚Red’. Des Rätsels Lösung: es gibt zwei Mings und voraussichtlich bald auch den üblichen Namensstreit. Den werden hoffentlich die Belgischen Ming für sich entscheiden können: zum einen, weil sie zuerst da waren, und wer zuerst nennt, heißt schließlich auch zuerst! Zum anderen, weil man von diesen beiden äußerst sympathischen und sensiblen Menschen am liebsten alle Probleme dieser Welt fernhalten möchte. Irgendwie kann man bei ihrem Anblick nicht glauben, dass sie dem standhalten würden (was mit Sicherheit überhaupt nicht stimmt!). Ich treffe Frédérique (kurz Fred) und Nicolas am Rande des Electro Bunker Open-Airs in Köln am Rhein, genauer am Strand des Rheins, wovon die unterschiedlichsten Schiffsmotorengeräusche auf der MD ein munteres Liedchen brummen und die sowieso in lustigem Englisch Sinn zerbröselnden O-Töne verschlucken. Wir befinden uns jedenfalls (dr)außen…

De:Bug: Wie kann man den Albumtitel Intérieur/Exterieur verstehen?

Fred: Einige Songs erzählen die Innenansicht, einige die Außenansicht.

De:Bug: Das müsst ihr genauer erklären, ich verstehe fast kein französisch. Wovon redet ihr in den Texten, beziehungsweise wer von Euch schreibt sie überhaupt?

Nicolas: Manche Texte schreiben wir gemeinsam, manche alleine, das hängt davon ab, wer die Musik geschrieben hat. Ein Text ist auch von dem Dichter Arthur Rimbaud. Die Sprache, die wir benutzen, ist ähnlich poetisch. Wir beschreiben keine Alltagsdinge und benutzen auch keine Alltagssprache. Manchmal sind die Texte sehr abstrakt, manchmal sehr materiell. Fred hat dazu ein Stück geschrieben – Sentir et Analyser – das von beidem, vom Fühlen und Analysieren, handelt.

Fred: Im Französischen Chanson – in bestimmter Weise beziehen wir uns darauf, wenn auch nicht bewusst (alleine dadurch, das der Chanson in Belgien sehr präsent ist und sie in Französisch singen/Anm. CM) – gibt es etwas sehr affektiertes…
Für dieses Album habe ich versucht, nicht zu realistisch zu sein, sondern einen neuen Weg in der Poesie zu gehen. Zwei oder drei Stücke sind aber trotzdem ‚exterieur’, nicht metaphorisch, sondern sehr präzise, technische Beschreibungen von Dingen.

De:Bug: Passt dazu Euer Fassbinder Zitat „Liebe ist kälter als der Tod“?

Nicolas: Das ist als Hommage an Fassbinder gemeint. Er hat auch Musik mit kalten Texten und lustiger Variete Musik gemacht. (hat er das wirklich gesagt, oder versuchen mir hier die Interferenzen eines Schiffsmotors unterzujubeln, Fassbinder hätte auch Musik gemacht?). Der Intérieur-Part tritt bei Rimbaud hervor: er beschreibt einen Zeitgeist, der sehr aktuell erscheint. Das Leben in der Großstadt, die Situation der Jugend, die Opfer der Zeit sind – aber sie unternehmen nichts dagegen.

De:Bug: Musikalisch versuche ich Euch jetzt mal ganz platt mit anderen Brüssler Bands in einen Topf zu schmeißen: Die New Wave Band Honeymoon Killers war ähnlich wie ihr melancholisch und lustig zugleich. Was von beidem ist für Euch bedeutender?

Fred: Es ist einfach beides da!

Nicolas: Ich weiß nicht warum, aber für mich hat Musik immer etwas mit Melancholie zu tun. Aber auch wenn man so etwas Ernstes macht wie Musik, kann man nicht… ich bin nicht Stockhausen! Wir mögen es zu spielen, und es ist eben auch so etwas wie ein Spiel. Zur selben Zeit ist es aber auch wieder so ernst – wir hängen tatsächlich immer zwischen diesen beiden Aspekten.

De:Bug: Der Promozettel redet von starkem Kraftwerk-Einfluß in Eurer Musik. Ich denke eher an Telex, die ja ebenfalls aus Brüssel kommen: die waren weniger Streng, oft spaßig und sehr verspielt.

Nicolas: Dazu können wir nichts sagen. Telex ist uns zu nahe. Die waren soo belgisch. Die kommen aus unserer Parallelstraße. Die Leute machen über diese Nähe schon Witze.

De:Bug: Ihr werdet also oft mit ihnen verglichen?

Nicolas: Nein, und wir sind auch tatsächlich mehr von Kraftwerk beeinflusst. Wenn wir Telex hören, müssen wir immer lachen. Die machen ja ständig nur Witze. Sie haben z.B. 1980 das Stück ‚Eurovision’ auf dem Album Neurovision für den Grand Prix gemacht (wo übrigens auch das sehr schöne ‚Tour de France’ zu finden ist – soviel zum Telex/Kraftwerk-Vergleich!/Anm.CM).

De:Bug: Euer erstes Album Miso-Mix ist noch rauer als die neue Platte! Jetzt klingt alles reifer, erwachsener! Nicolas erzählte mir vorhin, dass ihr neues Equipment habt. Ist das der Grund für den neuen Sound.

Nicolas: Die Musik wird einfach immer wichtiger für uns. Früher haben wir den Schwerpunkt darauf gesetzt, kleine, lustige Melodien mit dem Synthesizer zu spielen. Jetzt versuchen wir Musik zu machen, die alle Möglichkeiten ausschöpft, die uns die Maschinen bieten. Wir sind darin allerdings keine Spezialisten, wir befinden uns eher auf Entdeckungsfahrt. Wir experimentieren, weil wir nicht genau wissen, was dies ist und wie jenes funktioniert.

Fred: Der Prozess des Suchens ist wahrscheinlich auch interessanter als der Moment des Findens.

De:Bug: Fühlt ihr euch der Elektronik-Szene nahe, oder seht ihr Euch eher einfach als Popmusiker? Denkt ihr darüber überhaupt nach?

Fred: (lacht) Wir reden tatsächlich sehr viel darüber. Es ist nicht so eindeutig

Nicolas: Nein, im Moment ist das nicht sehr klar… Vor zwei Jahren wollten wir nur noch elektronische Musik machen, keine Chansons mehr, keine Texte, nur herumexperimentieren. Jetzt wissen wir, dass wir auch andere Dinge machen müssen. Der Pop ist jetzt wieder zurückgekehrt.

De.Bug: Kein Gespräch ohne 80er Retro-Debatte: ihr covert Subculture von New Order. Ist das Eure Jugend?

Nicolas: Die Bassline ist so simple. Ich habe irgendeine Bassline gespielt, und merkte dann, das es von Subculture ist. Das ist alles!

Fred: Es sollte eigentlich etwas anderes werden, aber plötzlich war es New Order.
Für mich sind die 80er kein Jahrzehnt, bei dem man melancholisch werden kann, es war einfach eine lächerliche Zeit.

Nicolas: Eine wirklich schlechte Zeit!

Fred: Wenn das so weiter geht mit diesen Retrophänomen, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Das sind eben Modeerscheinungen.

Nicolas: Das ganze ist einfach nicht sonderlich interessant. Wir ziehen es vor, uns Gedanken über die Gegenwart und Zukunft zu machen. Viele Künstler sind anscheinend nicht fähig, über die Zukunft zu reden – und sie wissen auch nichts von der Gegenwart. Wenn man viel über die Zukunft nachdenkt, merkt man, dass das die totale Katastrophe ist, das Ende, das ist klar… aber ich will jetzt nicht zu negativ werden (lacht). Es ist ganz einfach diese Bassline zu spielen: dumm dum dumm dum.., und dieses 80er Zeug. Das könnten wir…

Fred: …1000 Jahre lang machen (große Belustigung allerseits)!

Nicolas: Wir machen auch so was, aber es ist eigentlich nicht unser Thema! Wir sind in den 80ern Groß geworden, und kennen deshalb die Musik genau, das ist alles.

Zuerst erschienen in De:Bug 10/01

Schlammpeitziger

Wühlen im Schlamm der gegenwärtigen Vergangenheit

Niedlich! Nie-dlich!! NIE-DLICH!!! So, das war schon mal vorab die übliche Portion ‚niedlich’ pro Schlammpeitziger-Artikel. Dann kann ich mich jetzt ja wohl einer weniger festgelegten Auseinandersetzung mit der Musik von Jo Zimmermann, wie sich Schlammpeitziger bürgerlich nennt, widmen. Denn er selbst gibt zwar einige steile Vorlagen, die den Gebrauch dieses Adjektivs fördert, aber eine Beschäftigung mit seiner Musik kann auch ganz anders gehen – und zwar so (im wirren Intuitions-Mix):

Die Schlamm-Kosmologie

Schmeißt man all sein Schlammpeitziger-Wissen in einen Topf, drängt sich einem unweigerlich die Vorstellung eines eigenen, kleinen Schlammpeitziger-Kosmos auf: da sind die in einem Paralleluniversum, unabhängig von der Musik entstehenden Coverzeichnungen, die aus einem großen Fundus über die Jahre angehäufter Zeichnungen ausgewählt werden. Da ist dieses eine, die gesamte Musik mit seinem Sound prägende Gerät (ein Casio Digital-Synthesizer, den er nach all den Jahren wie seine Westentasche kennt), mit dem bis vor kurzem die komplette Musik gemacht wurde (erst kürzlich sind ein Sampler und einige andere Geräte hinzugekommen). Da ist die freundschaftliche Zugehörigkeit zum Kosmos von A-Musik, in den er aber doch mit seiner unakademischen, intuitiven Musik nicht ganz hineinzupassen scheint.

Glücksrad-Musik

Vor allem Letzteres bestätigt sich beim Gespräch mit dem Künstler: Musik machen ist bei Schlammpeitziger sehr vom Zufall abhängig: nicht geplant, und auch nicht von technischem, musikwissenschaftlichem oder musikhistorischem Wissen abgeleitet. In der Musik prallen die verschiedensten Einflüsse aufeinander, ohne dass es theoretisierend knallt: es passiert einfach! Der als erstes vom Schlammpeitziger unverhohlen zugegebene und nachvollziehbare musikalische Einfluss kommt von New Wave-Elektronik à la Residents, Der Plan u.ä. Aber wie lassen sich all die anderen in die Textur der Stücke reingerutschten Elemente erklären? Vielleicht gar nicht künstlerisch, wie bei den orientalisch klingenden Sounds und Melodien seiner Fantasiefolklore: „Das passiert immer automatisch, wenn ich die schwarzen Tasten benutze“. Oder nur mit der zufälligen Koexistenz von musikalischen Ideen zu verschiedenen Zeiten, wie bei den deutlichen Anleihen beim Krautrock. Denn das hat Jo Zimmermann nie sonderlich bewusst in sich aufgenommen: „Als ich Frank Dommert kennenlernte (A-Musik; Entenpfuhl usw.), hat der mir von Harmonia erzählt. Vorher kannte ich so etwas nicht. Das ist dieses Phänomen von der gleichen Idee von Musik, die unabhängig voneinander und zu einer anderen Zeit entsteht“. Und jetzt, in anderen Zusammenhängen auch wieder funktioniert – anders funktioniert! Auch in produktionstechnischen Fragen ist das Ergebnis auf ähnliche Art dem Zufall ausgeliefert. Neugieriger Reporter: „ Wie wissen Sie, wann Sie die Arbeit an einem Stück beenden müssen, wann ist der Track fertig, wie schützten Sie sich davor, solange Ideen aufeinanderzustapeln bis das Ganze umkippt?“ Antwort des Künstlers:“Das bedingt die Technik, ich habe ja nur 8 Spuren! Wenn die voll sind, sind sie eben voll!“ Ja, so einfach kann das sein. Naiv könnte man das nennen, wenn das einerseits nicht negativ behaftet wäre, sich andererseits dadurch nicht wieder eine so gefährliche Nähe zu diesem anderen Adjektiv mit ‚n’ in the begining einstellen würde. Gefährliches Fahrwasser…

Jetzt Welterfolg, bitte!

Zu den Fakten: Die gerade erschienene erste Compilation ‚Collected Simple Songs Of My Temporary Past’ versammelt Lieblingslieder der bisherigen Veröffentlichungen, ausgesucht vom Musiker mit beratender Unterstützung von Freunden der A-Musik. Mit der CD soll der große Erfolg in GB und den USA, der bislang ausblieb, forciert werden. „Das wäre schon komisch, aber auch gut: Schlammpeitziger in den USA!“. Mit dem neuen Label Domino im Rücken wäre das sicherlich möglich und ein entscheidender Schritt nach vorne (ein Mixauftrag von Depeche Mode ist auch schon eingetrudelt). Leben kann er zwar schon seit zwei Jahren von der Musik (was ihn allerdings immer noch wundert!), besser leben wäre aber natürlich besser! Außerdem geht von den derzeitigen Entwicklungen ein neuer Motivationsschub aus, der zu neuem anspornt: Live werden jetzt nicht mehr nur die Melodien nachgespielt, wie bisher, sondern die Stücke auch lustvoll zerlegt (ha, gar nicht niedlich und auch nicht naiv!). À propos Melodien (die Dinger, weswegen ihm das Prädikat ‚niedlich’ so sehr anhängt): die wurden von vielen Hörern schon beim letzten Album vermisst, in Zukunft sollen die Stücke zusätzlich noch brüchiger werden und deutlich mehr nach vorne gehen. Die den meisten Tracks ihhärente sehnsüchtige Melancholie darf aber bleiben. Und er möchte auch nach wie vor seine Platten am liebsten im A-Musik-Fach wiederfinden. Soviel zur gegenwärtigen Vergangenheit inklusive besagter Compilation. Warten wir jetzt mal ab, was die vergangene Zukunft gebracht haben wird.

Zuerst erschienen in De.Bug 10/01

Roots Manuva: Madman im Audio-Zirkus!

Roots Manuva hat 1999 mit seinem Debut-Album ‚Brand New Second Hand’ nicht nur das Ninja Tune Sublabel Big Dada groß auf der Hip Hop-Landkarte markiert, sondern auch UK-Hip Hop wieder in’s Gespräch gebracht. Der war nach dem Ende von typisch britischen Fusionen von Shut Up And Dance (Hip Hop plus Breakbeat-Rave) oder der London Posse (Hip Hop plus Ragga) und zunehmend langweiligem Hardcore ziemlich lange in Vergessenheit geraten – die zeitgleich einsetzende Rawkus-Hysterie auf der anderen Seite des Atlantiks tat ihr Übriges…
In der Nachfolge von Manuva erschienen, allerdings weniger von der Presse beachtet, auf Big Dada weitere expanding Hip Hop Platten von New Flesh For Old oder Gamma, die Manuva an Eigenart nicht nachstanden, aber einen deutlich schärferen, von elektronischem Noise begleiteten Ton anschlugen. Nach Guest-Appereances bei Non-Hip Hop-Acts wie Leftfield, Mr. Scruff oder Herbalizer, die Manuvas open mindness unterstrichen, meldet er sich jetzt mit seinem zweiten Album zurück und kann seinen roughen Labelmates einiges entgegensetzen. Er hat allerdings auch weiterhin seine typische, vom Reggae geprägte Gelassenheit im Gepäck. Die Verbindung zum Reggae, die durch tiefe Bässe und teilweise eingestreutes Toasting präsent ist, ist ein erstes Indiz für den Herkunftsort London. In der Kombination mit Einflüssen von elektronischer Musik wird man noch deutlicher an diesen Ort der vielen Stilkreuzungen verwiesen.

De.Bug: Die Vermischung von Musikstilen scheint besonders typisch für England bzw. London zu sein. So sind schließlich Dinge wie Drum ‚n’ Bass, Trip Hop oder 2Step entstanden.

Manuva: Auf jeden Fall. In Bezug auf Hip Hop sieht das so aus: In den USA sind die Leute stark durch Funk beeinflusst, in England lieben die meisten Hip Hopper Reggae genauso wie Hip Hop.

Da verwundert es nicht, dass er sich einen alten Helden des britischen Hip Hop-Reggaes, Rodney P. von der London Posse, als Gast-MC auf sein Album holt. Woher aber kommen die Einflüsse für so ein Stück wie ‚Witness(one hope)’, die erste Singleauskopplung, das mit massiven elektronischen Sounds aufwartet?

Manuva: Ich höre ein bisschen elektronische Musik, z.B. Aphex Twin , Neotropic, andere Sachen auf Ninja Tune, und anderes, wo ich den Namen vergessen habe. Ich habe immer schon alle mögliche merkwürdige Musik gehört. Die Leute, die mich dazu gebracht haben, mit Synthesizern und Samplern zu arbeiten waren Art of Noise. Ich erinnere mich, wie sie darüber gesprochen haben, wie man Musik aus Fehlern macht, sich von den Regeln befreit. Das ist ein interessanter Aspekt beim Musik machen.

De:Bug: Hast Du bei all der Experimentierfreude keine Probleme mit dem Publikum? Experimenteller Hip Hop ist ja nicht gerade ein Kassenschlager, wenn ich an die Besucherzahlen der letzten Konzerte denke!

Manuva: Nein, in der Regel nicht. Wir kommen, um zu unterhalten, und je nachdem kannst Du die Musik ignorieren: just watch the Madman, the strange guy, the audio circus! Aber so viel wired stuff da ist, so sehr mache ich auch simpleres Zeug, um die Balance zu halten. There are awful safe tracks!

Das letzte Album hörte mit einem String-track auf, das aktuelle startet mit einem ähnlichen Intro. So hat man zunächst das Gefühl, dass Run Come Save Me die Konsequente Fortführung des Debuts ist. Aber ist das wirklich so, gibt es da nicht einige entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Platten?

Manuva: Ich hatte jetzt mehr Zeit, mich dahingehend zu entwickeln, mich nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen, was für das In-Ding gehalten wird oder was die ‚korrekte’ Interpretation von dieser verrückten Sache ist, die wir Hip Hop nennen. Ich war freier und weniger im Kampf mit der Welt. Auf der technischen Seite habe ich mir ein kleines Heimstudio, nein, kein richtiges Studio, eher eine kleine Homeproduction Suite, zusammengestellt. Vorher hatte ich einen Atari-PC mit 1 MB Speicherplatz, jetzt habe ich einen G4 mit 85 Gigabyte, viele Programme, ich kann jetzt Vocals und Instrumente zuhause aufnehmen.

De:Bug: Du spielst herkömmliche Instrumente?

Manuva: Ich würde nicht sagen, dass ich sie spiele, ich produziere Sounds mit ihnen: Gitarre, Bass, Spielzeug-Trompete… alles, womit man interessante Geräusche erzeugen kann.

Mann könnte vermuten, daß die Arbeit an dem neuen Album wegen des großen Erwartungsdrucks nach dem ersten, in der Presse sehr positiv aufgenommenem Album problematisch war. Nach so einem Erfolg wie bei seinem Debut möchte man auf keinen Fall enttäuschen… besser, man setzt noch einen drauf, um die hochgeschraubten Erwartungen zu erfüllen. Das führt dann in der Tat dazu, dass die neue Platte wilder und gehetzter klingt. Zumindst zu beginn von Run Come Save Me wartet Manuva heftig mit vielen düsteren elektronischen Sounds und komplexen Beats auf. Weil das so besonders exponiert an den Anfang gestellt ist und offensichtlich eine Herausforderung für den durchschnittlichen Hip Hop-Fan sein wird, kann man vermuten, dass das signalisieren soll: hier kommt ein neuer Style, da musst du durch, da musst Du mit arbeiten.

Manuva: (lacht) Das war nicht meine Idee, es fühlte sich einfach richtig an. Das letzte Album fing ziemlich understated an. Jetzt komme ich zurück mit Noise. Aber es gab tatsächlich einen großen Druck. Nach dem ersten Album wollte ich zuerst eigentlich gar nichts mehr, zumindest nicht als Roots Manuva, produzieren. Ich wollte nicht mehr Musiker, sondern lieber wieder Mensch sein. Zeit haben, die grundlegenden Dinge des Lebens zu genießen: einkaufen, waschen, mal aufräumen, wieder selber kochen, anstatt immer Fast-Food zu essen.

Aber es gibt ein neues Album, also gab es da doch noch das Bedürfnis, sich musikalisch auszudrücken!

Manuva: Ja, ich habe ein großes Bedürfnis, kreativ zu sein. Nicht nur mit Musik, ich probiere auch andere Dinge aus: mache merkwürdige Bilder, Computerkunst, filme mit meiner neuen Digitalkamera alles mögliche und schneide kleine Filme zusammen.

Das ist eine nicht geringe Bandbreite, die einen Fragen lässt, als was wir wohl in der Zukunft von ihm hören werden.

Manuva: Ich brauche erst eine Reaktion, um zu wissen, was ich danach tun werde. Ich glaube aber nicht, das es in nächster Zeit noch ein Roots Manuva Album geben wird. Ich werde andere Dinge machen: mit anderen Leuten Zusammenarbeiten, Produzieren, es ist aber noch nichts konkretes geplant. Ich habe aber einige gute, noch vage Ideen.

Hört sich alles danach an, als sei das MCing nicht gerade das wichtigste im Leben von Roots Manuva.

Manuva: Ich rede über alles mögliche, die Basisstruktur meiner Texte ist ziemlich zufällig. Meist sind meine Texte nur wahllos Wortspiele. Es gibt ein oder zwei Stücke mit linearen Erzählungen: eine über eine Beziehung, eine über das Aufwachsen in der Kirche, aber im Allgemeinen mische ich Erlebtes mit Fantasie und verbalen Tricks. Vor allem würde ich aber gerne meine musikalischen Ideen und träume ausdrücken. Ich würde gerne einen Track machen, auf dem nicht meine Stimme zu hören ist, der aber trotzdem meine Richtung hat. Ich würde gerne die Stimmen arrangieren, wie ein Dirigent bei einem Orchester, nur eben nicht für Streicher, sondern für MC’s… und für die Sounds, die man verwendet, um die rhythmische und melodische Struktur zu Erschaffen.
Christian Meyer

Das Album Run Come Safe Me erscheint am 13.8. bei Big Dada
Die Single Witness(One Hope) mit einem Remix von Part2 von New Flesh For Old ist bereits erschienen.

Zuerst erschienen in De:Bug 50

Techno Animal

Aus Fiktionen Fakten machen!

Techno Animal, das Projekt von Kevin Martin und Justin Broadrick, ist nach zehnjähriger Entwicklung vom Metall ihrer Prä-Techno Animal-Phase über Techno mit ihrem neuen Album ‚The Brotherhood Of The Bomp’ bei Hip Hop angelangt. Aber natürlich machen sie keinen Hip Hop im klassischen Sinn, auch wenn diesmal sogar MC’s vom Anti Pop Consortium, Rubberroom und Sonic Sum sowie Toastie Taylor, Dälek und Vast mit EL-P beteiligt sind. Ihr schmutziger Mutant-Hip Hop wühlt sich durch Berge spitzen Krachs zwischen Industrial und Punk-Flavour und kriecht durch Täler tiefer Bässe zwischen Dub und D&B. Konservative Old-School-Attitüden gibt’s anderswo!

Es ist schön, wenn man mit Pluspunkten in’s Gespräch einsteigen kann: Die De.Bug kennen sie gut von einigen ihrer deutschen Freunde. Und nach meinen Erfahrungen mit Dälek zeichnet sich erneut ab, dass die schlimmsten Krachmacher die nettesten Menschen sind. Doch die Vorteile drohe ich mit meiner schlechten Vorbereitung direkt wieder zu verspielen. Von den zahlreichen Veröffentlichungen der beiden kenne ich nur die erste Godflesh LP (Justins Metall-Band der frühen 90er), ihr gemeinsames Sidewinder-Album mit industrialmäßigem Techno und natürlich ihr neues Album. Ein Manko, das mir aber als Vorteil ausgelegt wird.

Justin: Es ist gut, Leute zu treffen, die nur das neue Album kennen und nicht die ganze Geschichte und den Mist. Das ist richtig erfrischend!

Kevin: Das kann ein großes Handicap sein, wenn Leute deine Vergangenheit kennen, den ganzen Ballast. Sie haben vorgefertigte Vorstellungen, wie du klingen solltest. Und sie wollen, dass du so bleibst. Aber für uns bedeutet Musik immer auch Wandel, Wir verändern uns als Menschen, und wir sind besessen von Musik, also verändert sich auch unsere Musik. Und manchmal wird dir das nicht erlaubt – besonders von den Medien. Musikmedien verhandeln Menschen häufig als eindimensionale Charaktere. Sie sind DAS, und sie dürfen nur DAS sein! Für uns ist es eine Herausforderung, uns immer wieder neu zu erfinden und unser Interesse an Musik immer wieder anzutreiben.

1. Hip Hop
De:Bug: Hip Hop steht bei der neuen Platte weit im Vordergrund. Wann hat die Beschäftigung damit angefangen? Bereits 1999 hat Kevin ja die Compilation
‚Collision Course’ mit dem Anti Pop Consortium, Mike Ladd, Rubberroom u.a. zusammengestellt.

Justin: Du kennst nur das neue Album, aber wir haben uns in den letzten 6 Jahren langsam und kontinuierlich auf dieses Album zu bewegt.

Kevin: Wir haben schon bei God (Kevins Rock-Band vor TA/Anm.CM) u. Godflesh mit Hip Hop-Rhythmen gearbeitet. Es ist eigentlich unmöglich, in England nicht von Hip Hop beeinflusst zu sein, wenn du Musik magst. Er ist immer da, spätestens seit den späten 80ern. Ein wichtiger Teil der Entwicklung von Techno Animal hatte mit dem Label Force Inc. zu tun. Da gab es die Electric Ladyland Compilations. Ich finde, das waren ziemlich wichtige Compilations für das Label und allgemein für Leute, die an Mutant-Hip Hop interessiert sind – Hip Hop, der nicht gewöhnlich, old-school, konservativ ist.

Justin: Vorher gab es nur die MoWax ‚Heads’ Compilation, die einen Wechsel im Hip Hop zum Instrumental-Hip Hop markierten.

Kevin: Wir haben beide die Idee von Trip Hop gemocht. Klar, das ist jetzt fürchterlich, aber als wir das zuerst gehört haben, diese Idee von psychedelischem Hip Hop… Hip Hop war immer psychedelisch, das haben wir daran geliebt. Vorher konnte man das nur auf den B-Seiten der 12“es hören, die wir immer schon geliebt haben. Dazu kannst du einfach tanzen, und musst nicht die Lyrics analysieren.

Justin: Da steht die Musik im Vordergrund. Und die Heads-Compilation hat klar gezeigt, dass die Musik im Vordergrund stehen kann, und nicht nur als Hintergrund dienen muss. Ok, auf Heads war es auch eher Hintergrundmusik, eine art Easy listening. Electric Ladyland war natürlich lange nicht so erfolgreich wie Heads, war aber der nächste große Anstoß für uns.

Kevin: Für die Leute auf Electric Ladyland war es schwierig, mit Rappern zu arbeiten. Das waren Alec Empire, Word Sound, Vadim, Leute die Hip Hop lieben und etwas neues, aufregendes machen wollten, aber weder den Kontext, noch das Geld hatten, um mit Rappern zu arbeiten. Sie wollten, dass es so gut klingt wie traditionelle Hip Hop-Platten, wollten es aber gleichzeitig in eine andere Richtung lenken.

Justin: Force Inc. und die ganze Frankfurt-Szene haben auch uns die Möglichkeit gegeben, unseren Fokus auszuweiten.

De:Bug: Glaubt ihr, dass ihr mit dem Album echte B-Boys erreichen könnt?

Justin: Wir hoffen es!

Kevin: Warum auch nicht? Ok, es ist neu, aber das ist immer auch eine Herausforderung.

Justin: Nimm Public Enemy. Sie hatten einen so unglaublichen Einfluss, aber als es erschien, wusste erst mal keiner, was das sein soll, dieses Chaos, dieser Noise. Dann hatte auch noch Funk, und es hatte politische Inhalte. Wow!!!

Kevin: Der Titel unseres Albums hat viele Ebenen, eine davon ist eine Hommage an den großen Einfluss der Bomb Squad (PE-Produzententeam/Anm. CM) auf uns. Auch bei unserem Album kannst Du sagen: was hat das mit Hip Hop zu tun, aber das kannst du genauso gut zu dem Cannibal Ox-Album sagen, zu Mr. Lif, zu Company Flow.

De:Bug: Im Moment gibt es ja viele Hip Hop-Sachen, die verstärkt mit elektronischen Sounds und Noise arbeiten. Ein Blueprint dafür war vielleicht das verrückte Company Flow Instrumantalalbum ‚Little Johnny from the Hospitul“.

Kevin: Bestimmt, und eine sehr vielversprechende Platte, denn Hip Hop läuft große Gefahr, zu einer Karikatur zu werden. Wir haben letzte Nacht Viva gesehen: da war eine europäische Crew zu sehen und im Publikum waren nur Leute, die absolut auf Old-School aus wahren, mit all den Klischees. Warum versuchen Leute zu sagen, sie wüssten was Hip Hop ist? In Wirklichkeit ist es so, dass viele Schwarze dem Hip Hop bereits den Rücken kehren und andere Musik bevorzugen. Die haben keine Lust mehr, Stücke zu hören, die 10 Jahre alt klingen. Darum liebe ich den Underground- Hip Hop von Def Jux, Anticon, Anti-Pop u.a., weil sie sich absolut auf die Zukunft konzentrieren und nicht auf die Vergangenheit. Science Fiction is generally Science Fact for us! Wir lieben die Idee des Futureshock, den Justin im Zusammenhang mit Public Enemy angesprochen hat. Wir wussten nicht, was das für eine Musik sein sollte, aber wir wussten, dass es aufregend ist und viel genialische Energie hat. Viel Major-Hip Hop, obwohl: Underground-Hip Hop eigentlich genauso – ist so schematisch geworden. Ehrlich gesagt finde ich vielen Major-Hip Hop seit einigen Jahren produktionstechnisch viel interessanter als Underground-Hip Hop.

2. INDUSTRIAL
De:Bug:In Eurer Musik sind immer auch deutliche Industrial-Einflüsse…

Kevin: Bei Industrial denke ich an wirklich üble Musik, Marilyn Manson, Gothic und so

De:Bug: Oh nein, entschuldige, ich meine frühe 80er: Throbbing Gristle, SPK usw.

Kevin: DAS hat uns in der Tat ziemlich beeinflusst. Und auch die Leute, durch die sie wiederum beeinflusst waren. Damals kannten wir das nicht, aber jetzt kennen wir Komponisten wie Penderecki, Ligeti, Luigi Nono…

De:Bug: Kennt ihr sein Stück ‚La fabrica illuminata’ von 1969, wo er einen Chor mit Geräuschen aus einem Stahlwerk verbindet.

Kevin: Nein, gibt es davon Aufnahmen? Schreib mir das mal auf, das muss ich auschecken! (hier also der Beweis für ihr unstillbares Interesse an neuen musikalischen Eindrücken und Erfahrungen. Daneben ist ein äußerst wichtiger Programmpunkt ihres Köln-Tages auch ein Besuch bei Kompakt im Anschluss an unser Gespräch)

Kevin: Justin hat das letztens schon mal in einem Interview gesagt: in der ursprünglichen Industrialmusik ging es darum, das Kranke in Deiner Umgebung und deine Neurosen in Dir zu untersuchen. Das ist eigentlich das selbe was wir machen.

De:Bug: Es ging damals ja auch um die körperliche Erfahrung dieses Krankheitszustandes . Zu den sehr lauten Konzerten wurden häufig Videos aus OP’s usw. gezeigt.

Kevin: Wie bei uns: Wenn wir live spielen – und es im Griff haben – ist das auch eine Erfahrung der absoluten Überlastung.

De:Bug: Ich weiß, ich habe es bei eurem Gig mit Dälek im Studio 672 im letzten Jahr nicht ausgehalten und musste gehen…

Kevin: Ja, ich erinnere mich. Die Anlage war leider nicht so gut, der Bass fehlte, und der ist sehr wichtig bei uns.

Justin: Wenn du nicht den Bass fühlen kannst, bist du nur der Attacke des ‚kchchc’ ausgeliefert, da fehlen Dir 60%…

3. Dub
De:Bug: Damit kommen wir zum dritten Eckfeiler Eurer Musik: Dub steht dabei ganz im Kontrast zu Industrial.

Kevin: Richtig, wir lieben alten Dub von Lee Perry, King Tubby, Scientist, Prince Jammy oder Prince Far I, aber wir wollen keine Musik machen, die klingt wie 1972. Wir wollen Dubmusik machen, die jetzt Relevanz hat. Leute wie Word Sound oder Chain Reaction/Rhythm&Sound machen das auch. Man kann sagen, dass sie auch eine Idee – wenn auch eine andere – davon haben, wie Dub in Zukunft klingen könnte. Wenn man Dub live mit einem Soundsystem erleben kann, dann ist das so intensiv, fast wie eine religiöse Zeremonie. Intensiver als ein Metallkonzert z. B. Du kannst dazu tanzen, daneben hast du aber auch diese extrem avantgardistische Magie –

Justin: Wir verwenden Dub nicht im traditionellen Sinn, das ist offensichtlich, wir benutzen die Art der Übertreibung, wie sie im Dub vorkommt.

Kevin: Wenn man elektronische Musik macht, kommt man eigentlich gar nicht drum herum, von Dub beeinflusst zu sein. Der Bass steht im Mittelpunkt, Dubplates und der Remix sind Erfindungen von Dub – am Anfang war Dub!

De.Bug: Es ist ein weites Feld, dass ihr von Dub zu Industrial spannt.

Justin: Eigentlich nicht, das macht alles Sinn. Durch Punk kam ich zu Reggae und durch Punk kam ich zu Industrial. On-U-Sound und Adrian Sherwood haben beides zusammengebracht und gezeigt, dass dazwischen gar nicht so viel liegt. Adrian Sherwood ist ein unglaublicher Produzent! Er hat an der Idee gearbeitet, Musik für Körper und Geist zu machen. All das wollen wir auch!

Kevin: Genau! Und wir woollen dabei in keine Kategorie passen – We don’t want to fit in!

Zuerst erschienen in 9/01

Roots Manuva: Run Come Save Me

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Er ist zur Zeit so etwas wie die Galionsfigur des zu neuem Leben erwachten Britischen Hip Hops, in dessem Mittelpunkt vor allem das Ninja Tune-Sublabel Big Dada steht. Mit seinem zweiten Album unterstreicht Mr. Manuva souverän diese Stellung: zu Beginn klärt er mit noisig-elektroiden Sounds, wo’s im Hip Hop in der nächsten Zeit spannend ist. Dann beruhigt er sich mit einigen ‚awful save tracks’ (Manuva) und entfaltet seine bereits bekannten, relaxten Skills als MC, die ebenso wie die omnipräsenten tiefen Bässe immer seine große Liebe zu Reggae und Dub mitschwingen lassen. So wird auch nicht nur gerappt, sondern auch getoastet und Roots-Reggaemäßig gesungen, alles in der für Manuva typischen, leicht verdrehten, dabei immer lockeren Art. Wer ‚böse’ mag, der probiere Track 3, wer’s ‚lieb’ will testet Nr.4 an.

(Big Dada, VÖ: 8/01)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 8/01

Peter Licht (Interview)

Mit Pop gegen Pop

Text: Christian Meyer

Wer, bitte schön, ist PeterLicht? Ganz einfach: PeterLicht ist Meinrad Jungblut! Und Meinrad Jungblut ist der mit dem Sonnendeck! Kramt nur mal in Euren Erinnerungen an den letzten Sommer, da findet sich bestimmt ein Eintrag unter ‚S’. Sein uns durch diesen letzten Sommer begleitender Electropop-Hit begrüßt uns auch jetzt noch auf diversen Anrufbeantwortern. In den Wintermonaten klang die Nachricht ‚wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck’ allerdings nicht gerade glaubwürdig. Jetzt, da wir ihr dank Sommer wieder glauben schenken können, kommt das Sonnendeck erneut über uns und wird ein großer Hit! Muß!

Auf der gerade erscheinenden CD ‚Lieder’ gibt es die 6 Stücke der ursprünglichen Meinrad Jungblut Vinylplatte ‚6 Lieder’, die im letzten Sommer bei dem kleinen Label Betrug erschienen ist. Dazu gesellen sich acht neue Stücke von Meinrad Jungblut, also Peter Licht, die aus der selben Zeit wie die 6 Lieder stammen. So bleibt auch jetzt sowohl die produktionstechnische wie auch die musikalische Bandbreite recht groß. Von perfekt produzierten Popsongs die an ‚Echt’ erinnern, uns im Text aber gleichzeitig vor der Popkultur warnen, über Donovan-Folklore mit Akkustik-Gitarre, ‚Lalala-Schubidu’ und 80er-Old-School-Rhythmus-Box zu Lowest-Fidelty Diktiergerät-Aufnahmen. Eine gewisse Einbettung in aktuelle Entwicklungen elektronischer Musik schimmert manchmal durch (‚Ihr lieben 68er’, ‚Fuzzipelz’), ganz sicher sein kann man sich da aber nicht. Ein sonniges Schlagergemüt, NDW-Obskurität und anarchistischer Humor sind ebenso deutliche Zutaten für seine populären Lieder.

Der charmante Underground-Hit und seine 13 Begleiter hätten eine stärkere Präsenz in den Medien auf jeden Fall verdient. Möglich scheint das jetzt durch die große Plattenfirma im Hintergrund zu sein. Erste Anzeichen hierfür sind der verstärkte Medienrummel inklusive niedlichem Trash-Video des Produzententeams Datenstrudel. Hat das vielleicht auch inhaltliche Konsequenzen? Man könnte sich ja denken, dass so eine Firma erst mal gerne noch ein paar Sonnendecks mehr hätte…

PeterLicht: Klar, aber die fanden auch alles andere lustig. Die mochten das gesamte Konzept. Von denen gibt es keinen Druck. Der Deal ist so: ich mache Platten, und sie veröffentlichen die, wenn ihnen der gesamte Cluster gefällt. Wenn nicht, dann wird nichts davon veröffentlicht.

Netter junger Mann am anderen Ende der Leitung, denke ich nicht nur wegen seines Sorglosigkeit suggerierenden Namens („Peter wie Peter Pan, Peter Alexander oder Peter W. Adorno“) und seiner unbekümmerten Auskunftfreudigkeit, sondern auch, weil letzteres zutrifft, obwohl unser Gespräch die Promotionweisheit, dass der Künstler immer die gleichen Fragen beantworten muss, allzu wörtlich nachstellt. Wegen einer versauten Bandaufnahme von unserem ersten Telefonat lässt Herr Licht nun alle Fragen noch einmal über sich ergehen.

PeterLicht: Das ist eigentlich ganz gut, wenn die Fragen immer die gleichen sind. Da fühlt man sich sicherer und kann sich auf anderes konzentrieren, die Geschwindigkeit zum Beispiel. Man kann immer schneller werden beim beantworten von Fragen.

Virilio hätte seinen Spaß daran, aber gemeinerweise habe ich natürlich auch ein paar neue Fragen mitgebracht – jetzt wird’s also ernst:

De:Bug: Neben der Musik stehen auch die Texte der Stücke, die mit klugen, hübsch formulierten Bonmots nicht geizen, im Vordergrund. Auf der Platte werden viele ernste Themen unernst und in blumiger Sprache behandelt: die Entmündigung der 68er, Beschreibungen von Parkplatzsuchneurosen, eine Warnung vor der Popkultur.

PeterLicht: Das ist alles total ernst gemeint.

De:Bug: Wenn Du ernste Themen ernst behandelt hättest, wäre vielleicht auch etwas höchst peinliches dabei herausgekommen.

PeterLicht: Peinlich kann natürlich auch wieder gut sein!

De:Bug: ‚Ihr lieben 68er’ ist inzwischen auf etwas problematische Art von den Ereignissen eingeholt worden. Im Moment herrscht im Mainstream die Meinung, alles war ein großer Fehler und die Beteiligten mögen sich jetzt doch bitte in aller Öffentlichkeit dafür entschuldigen. Eine Kritik der 68er spielt inzwischen den falschen Leuten zu.

PeterLicht: Das Stück ist schon drei Jahre alt, und ich bin ja kein Kabarettist, der das Zeitgeschehen behandelt. Außerdem mag ich die 68er ja. Die Musik ist schließlich auch sehr 68er kompatibel, nette Lieder, oft mit Gitarre. Aber es stimmt schon, ein bisschen komisch ist das doch.

De:Bug: Und wie sieht’s mit der Gefahr aus, dass aus dem Sonnendeck ein Katzeklo wird?

PeterLicht: Du meinst ein Sonnenklo! Hat das Helge Schneider geschadet?

De:Bug: Schon, der wollte ja auch und besonders seine seriöseren Sachen gewürdigt wissen und hat auch mal Leute aus dem Saal entfernen lassen, die immer nur nach dem einen Stück gerufen haben. Du willst ja wahrscheinlich auch, dass die Leute genauso Deine sperrigeren Stücke würdigen…

PeterLicht: Ja, aber es ist mir schon klar, das nicht jeder alles gut finden kann. Hauptsache, sie hören erst mal ein Stück. Mir selbst sind die Stücke alle gleich wichtig, aber ich kann den Leuten da ja nichts vorschreiben. Der eine sieht’s so, der andere so. Deshalb erkläre ich meine Musik auch nicht. Ich weiß nicht wie sich das entwickelt, aber im Moment ist mir das noch egal.

Zuerst erschienen in De:Bug 08/01

Mush Records

Da bekommt man als Freund merkwürdigen Hip Hops im Laden eine Platte in die Hand gedrückt, bei der man sich dreimal überlegt, ob man diese Musik zwischen Geräuschcollage, Breakbeats, Spoken Poetrie und Rap jenseits von Macho- und Ego-Lyrics noch Hip Hop nennen soll (am vorläufigen Ende der Überlegungen dann aber doch nichts dagegen spricht), mit einem Cover, das deutlichst an das Artwork des legendären Free-Jazz Labels ESP erinnert (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Free Jazz-Label nennt, denn schließlich wurden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Die LP – Ende letzten Jahres von der New York Times zu einer von 10 wichtigsten übersehenen Platten des Jahres gewählt – heißt Circle, ist von Boom Bip & Dose One und auf dem US-Amerikanischen Hip Hop-Label Mush erschienen (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Hip Hop-Label nennt, denn schließlich werden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Mush, erfährt man nach kurzen Nachforschungen, ist eines von zwei unter dem Firmennamen Dirtyloop zusammengefassten Labels (Three to Five, das zweite Label, veröffentlicht House zwischen Tech, Deep und Disco). Wenn man daraufhin die Mush-Compilation Ropeladder12 durchforstet, bekommt man zwar einen Überblick über die Veröffentlichungen des Labels, ein Verstehen dieser Mischung aus
avantgardistischem Hip Hop und Downbeat-Experimenten auch in Indie-Rock Nähe ist jedoch noch in weiter Ferne. Ein guter Grund, um bei Dirtyloop-Gründer Robert Curcio nachzufragen, wie, warum und vor allem wo solch musikalisch wunderlichen Dinge passieren.

De:Bug: Wie sieht der geographische und soziale Background der Labelbetreiber und der Künstler aus?
Robert Curcio: Unsere soziale und ethnische Herkunft ist so unterschiedlich wie sie nur sein kann. Mush wird von einer Gruppe
Individualisten betrieben, die quer über die USA verstreut sind. Im Sommer werden wir unser Hauptbüro aber nach L.A. verlegen und dort bis zum Ende des Jahres die meisten Beschäftigten versammeln. Bei den Künstlern sieht es ähnlich aus: Wir haben über 30 Künstler auf unserem Label, die aus New York, San Francisco, Los Angeles, Baltimore, Maine, Chicago, Minneapolis, Cincinnati und Tokyo kommen. Wir respektieren alle unsere Künstler für ihre Individualität und ihr Talent.
De:Bug: Was war der Hauptgrund, Mush (bzw. Dirtyloop) zu gründen: Habt ihr eine Lücke in der Musikproduktion gesehen, die es zu füllen galt, war es Unzufriedenheit mit der Veröffentlichungspolitik anderer Label besonders im Hip Hop oder war der Anstoß eine bestimmte Platte, die ihr unbedingt rausbringen wolltet?

RC: Ende 1997 hatte ich ein kleines Studio und habe die ersten Produzenten für Mush (Boom Bip, DJ Osiris, Lulu Mushi) bei
Studiosessions kennengelernt. Eines Tages haben Lulu Mushi und ich darüber gesprochen, wie wir unsere Musik veröffentlichen könnten und entschieden uns, ein eigenes Label zu gründen. Mush wuchs dann schnell von einem Label, das 3 Veröffentlichungen und einen Vertrieb im ersten Jahr hatte, zu dem was es heute ist: Für 2001 sind über 30 Veröffentlichungen geplant. Und allein in den USA haben wird inzwischen 15 Vertriebe, die wiederum für den Export in die großen Musikmärkte der Welt sorgen.
De:Bug: Wie sieht eure Veröffentlichungspolitik aus und falls Du das verraten kannst ¬ was sind eure ökonomischen Strategien?
RC: Wir veröffentlichen Musik, die wir lieben, unabhängig vom Genre. Unsere Platten gibt es deshalb hauptsächlich in Läden, die sich auf verschiedene Genres spezialisiert haben. Unsere Strategie: Wir verkaufen an so viele Vertriebe wie möglich und versuchen Lizenzen außerhalb der USA zu verkaufen. Außerdem arbeiten wir daran, möglichst viele Artikel und Reviews über unsere Künstler zu bekommen (Tja, so schnell ist man Teil einer Marketingstrategie, Anm.d.A.). Dann lassen wir die Musik für sich sprechen!

De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu DER Hip Hop-Community aus (um mal an diesem Mythos kräftig mitzustricken). Mush scheint ja ungewöhnlicher Weise auch eine deutliche Nähe zu Independent-Rock zu haben?
RC: Obwohl einige Mush-Releases qualitätvoller Abstract Hip Hop sind, sind wir nicht wirklich ein Hip Hop-Label. Unsere Bandbreite reicht vom besten Abstract Hip Hop, über Dancefloor Jazz und Independent Rock zu Latin angehauchten Grooves. Gerade haben wir sogar einen Drum’n’Bass-Act für eine Reihe von EP¹s gesignt. Doch auch wenn wir in den verschiedensten Genres veröffentlichen, achten wir darauf, dass man überall etwas findet, was den gesamten Mush-Katalog kohärent hält: Qualität in der Musik, bei den Vocals und im Artwork.

De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu dem anderen boomenden Ausnahme-Label „Anticon“ aus? Ihr habt ja einige Gemeinsamkeiten, was die musikalische Offenheit, einige Künstler und die Außenseiterrolle im Hip-Hop betrifft.
RC: Wir sind riesige Fans von Abstract Hip Hop und Anticon ist die beste Abstract-Hip-Hop-Crew der USA. Wir arbeiten mit ihren
Künstlern, wenn es sinnvoll ist und sich die Möglichkeit ergibt. Bislang sind haben „Circle“ von „Boom Bip“ und „Dose One“
veröffentlicht. Dann sind da noch Releases der „So Called Artists“ (Sole, Alias, DJ Mayonnaise) im Programm. Jel und The Pedestrian sind für 2001 geplant. Dose One macht etwas A&R für Anticon- und Mush-Künstler. So hat er zum Beispiel Mush mit „Radioinactive“ aus LA, „Aesop Rock“ aus New York und „Labtekwon“ aus Baltimore zusammengebracht.
De:Bug: Wie sieht die Zukunft von Mush aus?
RC: Wie ich schon sagte, ziehen wir nach einem kalten Winter diesen Sommer von Chicago nach LA. Wir hatten unser Büro in beinahe jeder Metropole, jetzt wollen wir an einem Ort bleiben. Weil wir jetzt immer größer werden, wird das sonst zu anstrengend. Für die Leute wird es auch einfacher, uns zu finden. Und: es ist hübsch und warm hier.

Zuerst erschienen in De:Bug 08/01

Squarepusher: Go Plastic

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Squarepusher bringt auf seinem neunten(!?) Album die drei Hauptströme seiner Arbeit erneut ordentlich durcheinander, nachdem er zuletzt eine ruhigere Phase mit sehr experimentellen, dubbigen, ‚akustischen’ Tracks hatte. Schon der Vorgänger ‚Selection Sixteen’ hatte einen darauf vorbereitet, nun, auf dem neuen Album, verheddern sich die drei Ansätze Dub-Noise, Jazz-Avantgarde und Breakbeatmutationen auch innerhalb der einzelnen Stücke. Kraut und Rüben, sozusagen! Mit dieser weiteren Komplexitätssteigerung, für die er sich diesmal immerhin 11/2 Jahre Zeit genommen hat, ist eine Rückführbarkeit seiner eigenen auf andere Musik kaum noch möglich: der Squarepusher-Kosmos klingt autark wie nie, ist aber beileibe nicht autistisch: das hört man bei ‚My Red Hot Car’, seiner Version von 2Step. Hier hält er den Break- und Noisewahnsinn zwar deutlich im Zaum, doch trotz der Wiedererkennbarkeit des okkupierten Genres gelingt ihm das Aufsprengen langweiliger 2Step-Dogmen – mit einem ausgesprochen schönem Stück als Opener für eine ausgesprochen tolle Platte.  

(Warp, VÖ: 25.6.2001)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 7/01