Gipfeltisch-Kunst: Die G8-‚Sitzecke‘ von Matti Braun

Ein ungewöhnliches Detail des Mitte Juni in Köln abgehaltenen G-7+1-Gipfels lag in der Tatsache, dass der Konferenztisch und das restliche Ambiente (9 Sekretärtische, die Stühle, der Teppich) für den 2. und 3. Sitzungstag im Museum Ludwig von dem Kölner Künstler Matti Braun gestaltet wurden. Matti Braun, Jahrgang 1967, hat in früheren Ausstellungen gezeigt, dass er an den Orten der Geschichte herumwühlt, wo kultureller Austausch zu eigentümlichen Ergebnissen geführt hat.

„Gipfeltisch-Kunst: Die G8-‚Sitzecke‘ von Matti Braun“ weiterlesen

Sportkünstler

Fäden verknoten

Wenn man wie Johannes Wohnseifer aufgrund der Auszeichnung, an der Kunsthochschule Düsseldorf (wir erinnern uns: dort regiert Lüpertz) abgelehnt worden zu sein, von Martin Kippenberger als Assistent auserkoren wird, und durch diese Arbeit nach eigenen Angaben eine wahrscheinlich bessere Ausbildung als dort erfährt, dann kann man schon eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Kunstinstitutionen erwarten. Eine Respektlosigkeit, die alles zum Schwingen bringt.

„Sportkünstler“ weiterlesen

The Bug – Pressure

Alle Jubeln, Richard D. sogar so sehr, dass er es in GB gleich über Rephlex vertreibt: das Dancehall Album von Kevin Martin.

The Bug.jpg

Der hat eine lange Reise hinter sich: vom arty Hardcore bei God (nicht den holländischen, sondern den englischen um die ‚Henry Cow’ Legende Tim Hodkinson) über Dub-Experimente zum Techno und inzwischen Hip Hop mit Techno Animal. Da hat fast immer eine große Liebe zu Noise eine Rolle gespielt. Das hält sich bei seinem ersten Ausflug zum Dancehall, ein bislang noch nicht von ihm ‚geschändetes’ Genre, ziemlich in Grenzen. Satt verzerrter Soundwände ist die Musik sehr auf rhythmische Elemente beschränkt, die dann aber wieder deutlich hörbar ‚hallo, hier sind wir’ sagen: scharfkantig und schön bassig wummernd. Und das ist gut, lässt es doch viel Raum für die zahlreichen MC’s zwischen Ragga, Rap und Rezitation. Mit dabei: der alte Sack Daddy Freddy, das unverzichtbare Reibeisen Toastie Taylor, Paul St. Hilaire und immer wieder ein gewisser Roger Robinson.
(Klein Rec., VÖ: 05.2003)

Carsten Jost (Interview)

Scharfer Wind oder kühle Brise ?

Carsten Jost (Projektname!) aka Dave (Privatperson!) balanciert mit seinem Album ‚You Dont Need A Weatherman To Know Which Way The Wind Blows’ zwischen düster-elegantem Clubsound und politisch-revolutionärem Anliegen. Ob Widerstand in Clubkultur ein Widerspruch ist, beantwortet er im O-Ton.

Interview: Christian Meyer

De:Bug: Ich würde Deine CD als sehr durchdacht, elegant, aber im Sound und
Aufbau der Tracks auch leicht gruselig klingend bezeichnen. Das hört sich nicht
unbedingt nach dem berüchtigten Hamburger Nieselregen (vgl. dial-Artikel in De:Bug 48), sondern viel eher nach dem Suspense von Hitchcock an! Mit Party-Fun hat das reichlich wenig zu tun. Ist das Dein Konzept, im Zusammenhang mit den Booklet-Fotografien von Anti-Globalismus-Randale auch musikalisch eine klare Anti-Hedonistische-Haltung einzunehmen?

Dave: Die Musik, die sich auf meinem Album befindet, ist in einem Zeitraum von drei
Jahren entstanden. In dieser Zeit ist sehr viel passiert mit mir, meiner Sicht
auf viele Dinge, die Wahrnehmung bestimmter politischer Ereignisse usw. Was
mich an Musik immer interessiert hat, ist die Fähigkeit, eine bestimmte Stimmung
zu erzeugen. Dabei interessieren mich besonders abseitige, Unruhe stiftende
und kämpferische Stimmungen. Gleichzeitig implizieren die Tracks meine ganz persönliche Reflexion einer bedrohlichen Welt mit global düstersten Auswirkungen, die uns täglich konfrontieren.

De:Bug: Passt denn die Musik Deiner Meinung nach zu den Ideen des Coverartworks? Man könnte ja kritisieren, die Musik sei viel zu elegant für die Themen der Fotografien (andererseits wäre der Horror der Bilder ja auch im Grusel des Sounds auszumachen und damit vielleicht Konzept?). Oder läuft das einfach
nebeneinander her? Ist es einfach eine weitere Ebene, ein Mittel, noch etwas
anderes zu kommunizieren als Club?

Dave: Zunächst sehe ich keinen Widerspruch zwischen Eleganz und Widerstand. Ich
habe mit dem Booklet versucht, für mich wichtige Eckpfeiler linker Widerstandsgeschichte und -gegenwart zu dokumentieren und sie dadurch in einen
Zusammenhang zu rücken, in der Inhalte, die über Musik oder Design hinaus gehen, nicht auf der Tagesordnung stehen. Ich hatte immer den Eindruck, dass besonders bei non-verbalen Musiken die Cover und Titel eine sehr wichtige und polarisierende
Rolle spielen. Wenn ich mir eine Techno-12″ oder ein Album kaufe, untersuche ich
sie jedes mal akribisch auf eventuelle Hinweise über die Intentionen und
Beweggründe des Künstlers, Musik zu machen und sich damit an die
Öffentlichkeit zu wenden… und natürlich auch, um mehr über den Künstler/die Künstlerin selbst herauszufinden. Was mich angeht, war ich gerade in der letzten Phase des Albums, in der ich auch Cover und Booklet entworfen habe, von einer
menge Wut auf die sich immer mehr verschärfenden globalen Verhältnisse bewegt.
Ich wollte dieses Gefühl der Ablehnung und des Bruchs mit der
Verwertungslogik des globalisierten Kapitalismus und der sogenannten „zivilisierten Welt“ und besonders die Möglichkeit und das Geschehen von praktischem Widerstand in der Vergangenheit und Gegenwart dokumentieren.
Obwohl oder gerade weil die Musik dieses Albums eher intuitiv als
konzeptionell entstanden ist finden sich diese Gefühle auch in ihr wieder.

De:Bug: Bei all den politischen Verweisen ist „Weathermen“ sicherlich auch als politische Anspielung auf die amerikanische Undergroundbewegung der späten 60er Jahre zu verstehen…

Dave: Ja genau! Ich habe im letzten Frühling „Woher der Wind weht“ von Ron
Jacobs über diese militante Gruppe gelesen und habe mich sehr gewundert, wie
aktuell ihre Analysen, besonders was Klassenkämpfe und Klassenidentität in
westlichen Metropolen angeht, immer noch sind. Den Titel ihres ersten Strategiepapieres „You don’t need a weatherman to know which way the wind blows“ verstehe ich in diesem Zusammenhang ähnlich wie das Konzept der Zapatisten: eine
Armee/Gruppe aufzubauen, deren Ziel ihre eigene Auflösung ist. Auf die Ansätze der
Zapatisten beziehen sich ja heute zum Beispiel auch Gruppen wie die Tute
Bianchi in Italien, die mit ihrem Konzept des zivilen Ungehorsams und ihren
spektakulären Aktionen gegen Abschiebeknäste aufgefallen sind und kürzlich beim
G8-Gipfel in Genua eine Menge erreicht haben.

Zuerst erschienen in De:Bug 10/02