VJ $ehvermögen

Bilder regeln das $ehvermögen

$ehvermögen rockt die Drum ‚n’ Bass-Crowd mit massiver Message

Text: Christian Meyer

Unterschiedliche Bilder wirken sich unterschiedlich auf die individuelle Entwicklung der visuellen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit aus. Das kann man sich wunderbar zunutzen machen, denn wenn bestimmte Bilder bestimmte Lebensaspekte dominieren, dann dominieren neben der spezifischen Ästhetik auch deren Aussagen, klar! Nur leider sitzen meist die falschen Leute an den richtigen Stellen, so dass der Bilder-Mainstream in der Regel von öden bis bösen Menschen bestimmt wird. In der Popkultur hingegen kann das schon mal besser laufen: für die Schnittmenge Westdeutschland und Drum ‚n’ Bass-Party gibt es z.B. auch solche dominierenden Bilder. Das stellt man schnell fest, wenn man sich in Köln und Umgebung, aber auch in Koblenz oder Stuttgart auf Drum ’n’ Bass-Parties herumtreibt:man sieht dort meistens Visuals von $ehvermögen – doch die sind weder öde noch böse!

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Beige (Interview)

Beige, nicht farblos!

Beige alias Oliver Braun hat nicht zuletzt in der De:Bug-Redaktion mit dem musikalischen Befreiungsschlag seiner ersten CD „I Don’t Either“ vor zwei Jahren für Aufregung gesorgt.

Oliver Braun geht es ganz und gar nicht um ideologische Grabenkämpfe (höchstens um idiologische im Sinne seiner Kollegen Mouse On Mars). Es ist z.B. nicht so – wie Andernorts zu lesen war –, dass es seiner Meinung nach zu Techno, den er ja von 95-97 selber auf Thomas P. Heckmanns Label Trope veröffentlicht hat, nichts mehr zu sagen gäbe. Gemeint war vielmehr, dass er zu Techno nichts mehr zu sagen hatte. Fast sein gesamtes Equipment landete daher beim Alteisenhändler, und er bastelte von da an nicht mehr am perfekten Sound des 4/4-Tracks, sondern machte einen harten Bruch und wechselte ins Fach der Fachlosen: von nun an sollten ihm unter anderem in der Form eines rüden Humors die Türen zu sämtlichen Rhythmen und Klängen offen stehen, und das bei viel geringerem technischem Aufwand!

Mit einem neuen Klangspektrum, das nun kaum noch auf Synthesizer fixiert, sondern viel samplebasierter war, landete er mit Hilfe von Stephan Bethke aka Pole nach einer langen Durststrecke des Klinkenputzens mit seinem Material endlich auf dem englischen Label Leaf. So war die Musik der CD I Don’t Either bei Erscheinen schon 3 Jahre alt und die ganzen Querelen um die Produktion und Veröffentlichung der CD bergen nicht die besten Erinnerungen an diese Zeit.

Ein Jahr der Musikabstinenz später arbeitet Oliver Braun als Programmierer für Web-Sites und kann deshalb viel entspannter, ohne finanzielle Abhängigkeit, an seiner Musik arbeiten. Das erste mal rein virtuell am Rechner zu arbeiten empfand er zudem als sehr befreiend und so dauerte es nicht allzu lang, bis die Arbeit an der neuen CD mit dem wunderschönen Titel „Ein Königreich für eine Handgranate“ abgeschlossen war. Die Platte klingt mit Mundharmonika, Blockflöte und Quietscheentchen ( letzteres auf der vorangegangenen ‚Non-Profit’-EP) deutlich akustischer, vor allem, weil keine Loops, sondern nur kleine Fragmente, zudem in der Regel nicht verfremdet, gesampelt werden. Was außerdem besonders auffällt, ist die vermehrte Verwendung der menschlichen Stimme.

Für die nächste Platte ist geplant, richtige Stücke mit Liedgesang zu machen. Doch „das Problem sind immer die Texte. Entweder Du machst es völlig dadaistisch und nur assoziative Geschichten, da weiß ich aber nicht, ob man das durchhält. Das ist bei mir die Hemmschwelle: nimmst Du jetzt richtig viel Gesang mit Strophe und Refrain, nur dann sollte man ja auch irgendwas zu sagen haben! Ich habe gemerkt, dass Stücke durch Stimme enorm gewinnen. Das ist immer noch so. Man denkt sich, man schafft’s auch ohne, aber es gibt immer Stücke, die sind schon ganz gut, aber dann merkst Du, da fehlt einfach das Leben!“

De:Bug:“Der Mensch wieder?“

Oliver: Der Mensch! Könnte auch ein Saxophon sein wie bei Blumfeld, aber muss nicht, zumindest nicht in der Art!“

Das hört sich an, als klänge Beige inzwischen sehr sanft und glatt. Das ist aber nun gar nicht der Fall: die Musik ist zwar nicht gewalttätig, wie es der CD-Titel suggeriert (der bezieht sich eher auf festgefahrene Strukturen im Musikbiz), es klingt aber doch alles sehr gepresst, und die Töne sitzen im Rhythmus wie in einem schiefen Rahmen. Und vor klanglichen wie rhythmischen Überraschungen ist man bei Beige sowieso nie gefeit.

Oliver: „Ich tue mich immer schwer damit, Position zu beziehen, dass steckt auch in der Musik. Es kommt nicht immer genau das, was man erwartet hätte, oder was besser funktionieren würde an der Stelle. Es gibt Augenblicke, da muss man dass einfach weg lassen. Die Musik ist so wie ein zickiges klappriges Gerüst, dass an irgendwelchen Gelenken noch zusammenhängt, und schwer am zappeln ist. Trotzdem versuche ich immer wieder zu einer Art Groove zurückzukommen, so dass da noch eine Struktur drin ist, die das Ganze in Schwung bringen kann.“

De:Bug: Wie überprüfst Du denn, ob das Ding auseinander fällt, oder gerade noch zusammenhält?“

Oliver: „Das ist ja das Drama von der selektiven Wahrnehmung: Du sitzt da und findest alles ganz toll, gehst mal kurz raus, holst einen Kaffee und kommst wieder und … es klingt nur noch schrecklich! Du hattest vorher einen Fixpunkt, mit dem hat es wunderbar funktioniert, und wenn Du den einmal aus den Augen verlierst, dann ist alles kaputt. Du kannst Dich eigentlich nur selber als Maßstab nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass viele auch den Faden verlieren, aber ich finde das auch nicht so auseinandergeholzt, dass das endlos ins Abstrakte abgleiten würde. Da sind auch die Melodien ganz wichtig. Obwohl ich da gar nicht so viel Arbeit rein stecke, das ist dann wirklich jammen. Ich lasse den Rhythmus laufen – damit fängt ja alles an – dann spiele ich einfach…

De:Bug: „Die Melodien steuern gegen die Abstraktion…“

Oliver: „Ja, und sie halten ja nie wieder das Maul. Die daddeln ja immer los und werden nicht mehr still, die ganzen kleinen Teilchen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die auch einfach da sein müssen, weil ja auch relativ wenig Raumeffekte da sind, es ist ja alles sehr spröde. Bei der letzten CD habe ich alles unter 200 und alles über 10.000 Hz weggedreht (beim Mastering wurde dieses Klangkonzept dann wieder zerstört/Anm. CM), es gab im Grunde keine Höhen und keine richtigen Bässe, ich wollte das nur in den Mitten haben, und das können viele Leute nicht ertragen, die werden irre! Davon bin ich jetzt weg, aber deswegen waren damals auch schon tragende Elemente wie Melodien wichtig, die einem eine Ahnung von Spaß vermitteln können.“

De:Bug: “Warum hast Du dann erst die leckeren Basslines beschnitten?“

Oliver: „Das war Trotzigkeit, weil ich enorme Summen in Technik gesteckt habe um einen perfekten Sound zu kriegen. Den kriegst Du aber nicht, außer wenn Du unglaublich viel Arbeit in den Aufnahmeprozess steckst. Darum ging es mir aber nicht. Das ist mir einfach nicht gelungen, deshalb musste ich das zwangsläufig als Konzept weiterentwickeln: ‚Lasst mich in Ruhe mit Hifi!’ Ich fand in Clubs diese terrorisierenden Bässe und Höhen auch immer zu anstrengend…

Zuerst erschienen in De:Bug 03/01

Gipfeltisch-Kunst: Die G8-‚Sitzecke‘ von Matti Braun

Ein ungewöhnliches Detail des Mitte Juni in Köln abgehaltenen G-7+1-Gipfels lag in der Tatsache, dass der Konferenztisch und das restliche Ambiente (9 Sekretärtische, die Stühle, der Teppich) für den 2. und 3. Sitzungstag im Museum Ludwig von dem Kölner Künstler Matti Braun gestaltet wurden. Matti Braun, Jahrgang 1967, hat in früheren Ausstellungen gezeigt, dass er an den Orten der Geschichte herumwühlt, wo kultureller Austausch zu eigentümlichen Ergebnissen geführt hat.

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Sportkünstler

Fäden verknoten

Wenn man wie Johannes Wohnseifer aufgrund der Auszeichnung, an der Kunsthochschule Düsseldorf (wir erinnern uns: dort regiert Lüpertz) abgelehnt worden zu sein, von Martin Kippenberger als Assistent auserkoren wird, und durch diese Arbeit nach eigenen Angaben eine wahrscheinlich bessere Ausbildung als dort erfährt, dann kann man schon eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Kunstinstitutionen erwarten. Eine Respektlosigkeit, die alles zum Schwingen bringt.

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The Bug – Pressure

Alle Jubeln, Richard D. sogar so sehr, dass er es in GB gleich über Rephlex vertreibt: das Dancehall Album von Kevin Martin.

The Bug.jpg

Der hat eine lange Reise hinter sich: vom arty Hardcore bei God (nicht den holländischen, sondern den englischen um die ‚Henry Cow’ Legende Tim Hodkinson) über Dub-Experimente zum Techno und inzwischen Hip Hop mit Techno Animal. Da hat fast immer eine große Liebe zu Noise eine Rolle gespielt. Das hält sich bei seinem ersten Ausflug zum Dancehall, ein bislang noch nicht von ihm ‚geschändetes’ Genre, ziemlich in Grenzen. Satt verzerrter Soundwände ist die Musik sehr auf rhythmische Elemente beschränkt, die dann aber wieder deutlich hörbar ‚hallo, hier sind wir’ sagen: scharfkantig und schön bassig wummernd. Und das ist gut, lässt es doch viel Raum für die zahlreichen MC’s zwischen Ragga, Rap und Rezitation. Mit dabei: der alte Sack Daddy Freddy, das unverzichtbare Reibeisen Toastie Taylor, Paul St. Hilaire und immer wieder ein gewisser Roger Robinson.
(Klein Rec., VÖ: 05.2003)

Carsten Jost (Interview)

Scharfer Wind oder kühle Brise ?

Carsten Jost (Projektname!) aka Dave (Privatperson!) balanciert mit seinem Album ‚You Dont Need A Weatherman To Know Which Way The Wind Blows’ zwischen düster-elegantem Clubsound und politisch-revolutionärem Anliegen. Ob Widerstand in Clubkultur ein Widerspruch ist, beantwortet er im O-Ton.

Interview: Christian Meyer

De:Bug: Ich würde Deine CD als sehr durchdacht, elegant, aber im Sound und
Aufbau der Tracks auch leicht gruselig klingend bezeichnen. Das hört sich nicht
unbedingt nach dem berüchtigten Hamburger Nieselregen (vgl. dial-Artikel in De:Bug 48), sondern viel eher nach dem Suspense von Hitchcock an! Mit Party-Fun hat das reichlich wenig zu tun. Ist das Dein Konzept, im Zusammenhang mit den Booklet-Fotografien von Anti-Globalismus-Randale auch musikalisch eine klare Anti-Hedonistische-Haltung einzunehmen?

Dave: Die Musik, die sich auf meinem Album befindet, ist in einem Zeitraum von drei
Jahren entstanden. In dieser Zeit ist sehr viel passiert mit mir, meiner Sicht
auf viele Dinge, die Wahrnehmung bestimmter politischer Ereignisse usw. Was
mich an Musik immer interessiert hat, ist die Fähigkeit, eine bestimmte Stimmung
zu erzeugen. Dabei interessieren mich besonders abseitige, Unruhe stiftende
und kämpferische Stimmungen. Gleichzeitig implizieren die Tracks meine ganz persönliche Reflexion einer bedrohlichen Welt mit global düstersten Auswirkungen, die uns täglich konfrontieren.

De:Bug: Passt denn die Musik Deiner Meinung nach zu den Ideen des Coverartworks? Man könnte ja kritisieren, die Musik sei viel zu elegant für die Themen der Fotografien (andererseits wäre der Horror der Bilder ja auch im Grusel des Sounds auszumachen und damit vielleicht Konzept?). Oder läuft das einfach
nebeneinander her? Ist es einfach eine weitere Ebene, ein Mittel, noch etwas
anderes zu kommunizieren als Club?

Dave: Zunächst sehe ich keinen Widerspruch zwischen Eleganz und Widerstand. Ich
habe mit dem Booklet versucht, für mich wichtige Eckpfeiler linker Widerstandsgeschichte und -gegenwart zu dokumentieren und sie dadurch in einen
Zusammenhang zu rücken, in der Inhalte, die über Musik oder Design hinaus gehen, nicht auf der Tagesordnung stehen. Ich hatte immer den Eindruck, dass besonders bei non-verbalen Musiken die Cover und Titel eine sehr wichtige und polarisierende
Rolle spielen. Wenn ich mir eine Techno-12″ oder ein Album kaufe, untersuche ich
sie jedes mal akribisch auf eventuelle Hinweise über die Intentionen und
Beweggründe des Künstlers, Musik zu machen und sich damit an die
Öffentlichkeit zu wenden… und natürlich auch, um mehr über den Künstler/die Künstlerin selbst herauszufinden. Was mich angeht, war ich gerade in der letzten Phase des Albums, in der ich auch Cover und Booklet entworfen habe, von einer
menge Wut auf die sich immer mehr verschärfenden globalen Verhältnisse bewegt.
Ich wollte dieses Gefühl der Ablehnung und des Bruchs mit der
Verwertungslogik des globalisierten Kapitalismus und der sogenannten „zivilisierten Welt“ und besonders die Möglichkeit und das Geschehen von praktischem Widerstand in der Vergangenheit und Gegenwart dokumentieren.
Obwohl oder gerade weil die Musik dieses Albums eher intuitiv als
konzeptionell entstanden ist finden sich diese Gefühle auch in ihr wieder.

De:Bug: Bei all den politischen Verweisen ist „Weathermen“ sicherlich auch als politische Anspielung auf die amerikanische Undergroundbewegung der späten 60er Jahre zu verstehen…

Dave: Ja genau! Ich habe im letzten Frühling „Woher der Wind weht“ von Ron
Jacobs über diese militante Gruppe gelesen und habe mich sehr gewundert, wie
aktuell ihre Analysen, besonders was Klassenkämpfe und Klassenidentität in
westlichen Metropolen angeht, immer noch sind. Den Titel ihres ersten Strategiepapieres „You don’t need a weatherman to know which way the wind blows“ verstehe ich in diesem Zusammenhang ähnlich wie das Konzept der Zapatisten: eine
Armee/Gruppe aufzubauen, deren Ziel ihre eigene Auflösung ist. Auf die Ansätze der
Zapatisten beziehen sich ja heute zum Beispiel auch Gruppen wie die Tute
Bianchi in Italien, die mit ihrem Konzept des zivilen Ungehorsams und ihren
spektakulären Aktionen gegen Abschiebeknäste aufgefallen sind und kürzlich beim
G8-Gipfel in Genua eine Menge erreicht haben.

Zuerst erschienen in De:Bug 10/02