Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell

Die literarische Vorlage des zur Zeit in den Kinos laufenden Films From Hell mit Johnny Depp ist der gleichnamige Comic von Alan Moore und Eddie Campbell, der aus diesem Anlass jetzt auch in einer einbändigen, deutschen Gesamtauflage vorliegt. Moore (Watchmen, V wie Vendetta) hat dieses Mammutwerk zusammen mit dem Australischen Zeichner Campbell in den Jahren ´89 bis ´98 verfasst, und wenn man den ca. 600 Seiten umfassenden Wälzer erst einmal durchgearbeitet hat, wundert man sich überhaupt nicht mehr über den langen Zeitraum der Entstehung. Moore nimmt die Ereignisse um die bis dato ungelösten Whitechapel-Morde (bekannt geworden unter dem fiktiven Namen Jack the Rippers) als Aufhänger, um an ihnen den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert zu veranschaulichen – technisch, mental, kriminal – nicht ohne die halbe Weltgeschichte zwischen Mythen-, Architektur- und Sozialgeschichte auch noch abzuhaken. Und dies tut er mit einem Rechercheaufwand, den nur ein Besessener betreiben kann. Im Rahmen der eigentlichen Mordserie stützt er sich auf zahlreiche bisherige Veröffentlichungen zum Fall, recherchiert aber auch selber und bastelt sich so seine eigene Theorie zusammen, wobei er alle Quellen, eigenen Schlüsse und fiktiven Einschübe um der Dramaturgie Willen in einem detaillierten, schriftlichen Kommentar (alleine das sind 60 Seiten) erläutert.

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Campbell arbeitet auf den ersten Blick intuitiver: In seinen fahrigen s/w-Zeichnungen ist das Londoner Nebel- und Regenwetter stets präsent – allerdings auch in den Innenräumen! Daher ist es wohl kaum überinterpretiert, wenn man in den rastlos hingekritzelten Zeichnungen einerseits die Unruhe und Ungeduld der Protagonisten widergespiegelt sieht, andererseits in ihren Ungenauigkeiten und häufig nur schemenhaften Andeutungen die vage Sachlage des Kriminalfalls reflektiert findet. Und letztendlich basiert natürlich auch die visuelle Darstellung der Architektur, der Mode und der restlichen Requisiten auf detaillierter Recherche.
Und als wäre das alles noch nicht genug, bietet dieses Comic-Monstrum im zweiten Anhang auch noch einen 24 Seitigen Bonuscomic, der sich auf der Metaebene der Entstehung des Buchs widmet. From Hell ist sofort in meine persönliche Top Ten der besten Comics aller Zeiten eingestiegen. Der Film (muss man es noch extra sagen?) ist natürlich nur eine traurige Verstümmelung der Vorlage.
(Speed Comics)

Zuerst erschienen in De:Bug 05/02

Scott McCloud: Comics richtig lesen / Comics neu erfinden

Comic als elektronischer Lebensaspekt

Nach einer detaillierten, in Comicform ausgearbeiteten Theorie zum ästhetischen Phänomen Comic, veröffentlicht Scott McCloud nun in gleicher Form eine Analyse der ökonomischen Bedingungen des in der Krise steckenden Comicmarktes und formuliert zugleich die Möglichkeiten der sowohl ästhetischen als auch ökonomischen Neuerfindung des Comics in Zeiten von Computer und Internet.

1993 veröffentlichte der US-Amerikanische Comicautor Scott McCloud seinen vielumjubelten Comicband ‚Understanding Comics’ (die deutsche Übersetzung heißt leider besserwisserisch ‚Comics richtig lesen’). Neben der ungewöhnlichen Tatsache, dass dieser Theorie-Band in der Form des Gegenstandes der Analyse gestaltet war, nämlich als Comic, bestach das 220-Seiten dicke Buch vor allem dadurch, dass hier eine ernstzunehmende ästhetische Theorie (hauptsächlich semiotisch orientiert) in höchst kurzweiliger Form entwickelt wurde. Die Wahl der Form war aber mehr als nur ein Gag bzw. die naheliegendste Möglichkeit, das anvisierte Publikum zu erreichen, denn so konnten die visuellen Effekte, über die gesprochen wurde (und zwar mit Hilfe der Comicfigur Scott McCloud, die den Leser dozierend durch das Buch führt), auch gleich anschaulich vorgeführt werden. Sämtliche Koryphäen der Comic-Kunst, von Will Eisner bis Art Spiegelman überschlugen sich mit Lob. Im Folgenden Arbeitete McCloud an dem computergenerierten Album ‚The New Adventures Of Abraham Lincoln’, dass wenig Gnade bei der Kritik fand. Insofern kann die Rückkehr zu der Erfolgsformel von ‚Understanding Comics’ durchaus zwielichtig erscheinen (erst recht, da die Comicform diesmal nicht ganz so zwingend ist – allerdings spricht auch nichts dagegen). Aber man sollte sich doch anschauen, was ‚Reinventing Comics’, soeben in der deutschen Übersetzung unter dem Titel ‚Comics neu erfinden’ erschienen, inhaltlich zu bieten hat.

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Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten beschreibt McCloud 9 sogenannte Revolutionen, die die fetten Jahre Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre gebracht haben. Diese Zeit hat mit Akteuren wie Bill Sienkiewicz, Frank Miller, Alan Moore, Dave McKean u.a., häufig ausgehend von der Dekonstruktion des übermächtigen Superhelden-Genres, eine sowohl ästhetische als auch thematische Explosion auf dem Comicmarkt verursacht (bei dessen Beschreibung zeichnet sich recht deutlich McClouds amerikanische Sichtweise ab). Im Jahr 2001 gibt es daher immer noch eine große Anzahl thematisch interessanter und künstlerisch eigenständig formulierter Comics, die Marktsituation ist nach dem Ende der Aufbruchsstimmung aber ziemlich schlecht bis katastrophal. McCloud schreibt aus dieser Position, in der die künstlerische Blütezeit gerade zurückliegt, und man die Zukunft recht ernüchtert betrachtet.

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Im zweiten Teil fragt er daher nach den Möglichkeiten, die Errungenschaften der ‚Erwachsenwerdung’ der Comics halten und ausbauen zu können. Nach einleitenden Worten über Geschichte und Möglichkeiten von Computer und Internet, beschäftigt er sich mit den Fragen der digitalen Distribution, Produktion (auch ‚Comics neu erfinden’ ist am Computer entstanden!) und der komplett digitalen Comics, die nur im Netz existieren. Dieser zweite Teil ist kräftig von Pathos begleitet, denn McCloud sieht hier nicht nur die einzige Möglichkeit, den künstlerischen Comic finanziell überlebensfähig zu halten, sondern auch die Chance, vollkommen neue Wege sowohl in der Ästhetik der einzelnen Panels, als auch in deren Anordnung zu gehen. Dabei lässt er sich gar nicht einmal so sehr auf multimediale und interaktive Möglichkeiten ein, denn diese Felder möchte er Kunstgattungen überlassen, die dort wesentlich mehr leisten können. Er bezieht sich hier vielmehr auf ästhetische Möglichkeiten jenseits von perfekter Simulation: die Freiheit von Erzählstrukturen, wie sie durch die Loslösung vom bedruckten Papier entsteht. Diese Möglichkeiten beschreibt McCloud in ‚Comics neu erfinden’ eindrucksvoll und anschaulich. Ob man sich aber in Zukunft komplett von der herkömmlichen Form des Comics als Buch verabschieden soll und kann, darf trotz aller Euphorie McClouds bestritten werden.

Zuerst erschienen in De:Bug 01/02

Katz und Goldt

1997 hat der Graphiker und Zeichner Stephan Katz auf gut Glück einige von Max Goldt geschriebene Geschichten illustriert und dem Autor zugesandt. Dem gefiel’s und man entschloss sich zu einer Zusammenarbeit.
Seitdem gibt es neben Büchern, Platten und Hörspielen auch Comics von Max Goldt. Inzwischen steht der vierte Band in den Regalen.

Als erstes legten Stephan Katz und Max Goldt der Öffentlichkeit das beim Berliner Comic-Verlag Jochen Enterprises erschienene Heft „Wenn Adoptierte den Tod ins Haus bringen“ vor. Dort sind auch die Nachfolgebände „Koksen um die Mäuse zu vergessen“ und „Ich Ratten“ erschienen, die Zahlreiche Comic-Strips und Cartoons versammeln, von denen einige zuvor in diversen Magazinen erschienen waren. Als sich Katz und Goldt entschlossen, einen vierten Band zusammenzustellen, hatte ihr ehemaliger Verlag aber leider schon das Zeitliche gesegnet. Man musste also einen neuen Partner finden und fand ihn auch schnell im Carlsen Verlag. Dem jedoch gefiel anscheinend nicht nur der neu vorgelegte farbige Band „Oh, Schlagsahne! Hier müssen Menschen sein“, sondern auch die früheren. Und da die ersten drei s/w-Bände bereits vergriffen waren, verlegte man gleich noch die alten Titel aufs Neue, und zwar als schicke Hardcover-Ausgaben, teilweise mit Bonusmaterial versehen. Das hat zur Folge, dass nun ein völlig überforderter Rezensent vor 4 Comic-Alben mit höchst merkwürdigen Titeln und schlacksig-naiven Zeichnung mit viel Rastermuster-Hintergründen sitzt, und versucht, das alles irgendwie anschaulich zu machen, oder zumindest in den ominösen Humor-Kosmos von Max Goldt einzuordnen.

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Versuchen wir also ersteres durch letzteres: Max Goldt fiel wahrscheinlich zuerst einem größeren Publikum mit dem ´82er Foyer des Arts-Hit „Wissenswertes über Erlangen“ auf. Die dort beschriebene kleinbürgerliche Spießigkeit mit all ihren Klischées, Vorurteilen, Gemeinheiten und unfreiwilligem Humor zieht sich seitdem durch Goldts Schaffen: Etliche Platten zusammen mit Gerd Pasemann als Foyer des Arts, zahlreiche Bücher mit Kurzgeschichten und Kolumnen, Hörspielkassetten und seit 1997 eben auch Comics. Bei den Comics reicht die thematische Palette von oben genannten Beschreibungen (‚Erlangen’ gibt es im Bielefeld-Remix) über die Verarbeitung von Schwulen-Klischées (mit der Serie „Die beiden netten Homos“), pseudo-analytischen Diskursen (‚Pilze sind Jazz’) bis zu haarsträubenden Wort/Bild-Spielen und derben Zoten.

Auf beeindruckende Art zeigt sich schon nach den ersten Seiten der Lektüre, dass weder eine Orientierung an linearen Handlungssträngen noch das warten auf Pointen viel Sinn macht. Beides kann man hin und wieder vorfinden, die Regel ist es aber keinesfalls. Somit siedeln sie sich zwischen ihren ehemaligen Berliner Verlagskollegen OL (thematisiert kleinbürgerliche Spießigkeit extrem bösartig) und Phil/Fil (Meister im sinnentleerten Abschweifen von der zentralen Handlung einer Geschichte, nachzuprüfen an seinem Epos „Didi & Stulle“) an. Strips, die gekonnt ins leere laufen und jeglicher Pointe entbehren, dafür aber zwischendurch mit zahlreichen Bonmots aufwahrten wechseln sich ab mit Cartoons, die auch nach längerem Studium äußerst rätselhaft bleiben und vielleicht einfach nur zu zu später Stunde am Tresen entstanden sind. Aber: auch wenn man sich hin und wieder sehr an der Leichtigkeit des Un-Sinns ergötzen kann findet der aufmerksame Leser doch immer wieder äußerst treffend beobachtete hässliche Kleinigkeiten und schöne Großartigkeiten des Alltags zwischen provinziellem Mief und großstädtischer Hipness-Arroganz charmant beschrieben.

Zuerst erschienen in De:Bug 12/01